Ausgeflogen

Mehr Massnahmen gegen den Klimawandel fordern Jugendliche seit Wochen an Demos und Streiks. Doch was, wenn es um die eigene Maturreise geht?

Gymnasiast Milo Schefer will, dass bei den Maturreisen nicht mehr geflogen werden darf.

Gymnasiast Milo Schefer will, dass bei den Maturreisen nicht mehr geflogen werden darf.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Carole Güggi@carolegueggi

Seit Monaten beschäftigt die Jugendlichen vor allem eines: das Klima. Die Klimastreiks und zahlreichen Demonstrationen werden immer grösser – im März waren es in Bern rund 20000 Personen, die am Umzug teilnahmen. Die Forderungen sind klar: Der Klimaschutz soll eingehalten werden, die Politik muss Lösungen bringen. Doch um für den Klimaschutz einzustehen, reicht es nicht, nur auf der Strasse zu fordern. Konkrete Massnahmen müssen folgen. Gymnasiast Milo Schefer zeigt, wie das geht.

Er besucht das Gymnasium in Burgdorf und ist Präsident des Schülerrats. Nächsten Herbst geht es auf Maturreise. Von den insgesamt sechs Maturklassen verreisen zwei mit dem Flugzeug. An der Schule gilt die Regelung: In den letzten beiden Schuljahren, Sekunda und Prima, verreisen die Schülerinnen und Schüler je eine Woche. Bei einer der beiden Reisen ist es erlaubt, zu fliegen. Das soll sich ändern: «Wir fordern ein Flugverbot», sagt Schefer. Gemeinsam mit den sechs weiteren Mitgliedern des Schülerrats hat Schefer einen entsprechenden Antrag bei der Schulleitung eingereicht – nächsten Herbst wird darüber an der Lehrerkonferenz befunden.

Der Schülerrat ist sich zwar einig, dass das Flugverbot der richtige Weg ist. Innerhalb der Schülerschaft ist aber nicht jeder einverstanden. Der Widerstand bleibt bis jetzt jedoch unbemerkt: «Aktiv wehrt sich niemand dagegen.» Somit rechnet Schefer mit guten Chancen für den Antrag. Denn das Flugverbot ist nicht erst seit den Demos, für die sich Schefer engagiert, ein Thema. «Wir haben im Rat schon länger darüber diskutiert.» Da die Klimabewegung stetig wächst, sei die Zeit nun reif. Auch einzelne Lehrerinnen und Lehrer hätten bereits Unterstützung signalisiert.

«Zentrale Vorgaben dienen nicht der Reflexion.»Christine Häsler: Erziehungsdirektorin des Kantons Bern

Rektor Christian Joos begrüsst das Engagement. Und nimmt bei den Jugendlichen ein Umdenken wahr: «Einzelne Klassen haben im Zuge der Klimadebatte ihre Reisen sogar umgebucht, wenn es ging», sagt Joos. Eine Prognose betreffend des Antrags wagt Joos nicht. Die Auseinandersetzung mit dem Thema und der gemeinsame Entscheid sei aber wichtig.

Vor dem Trend

Im Gymnasium Kirchenfeld in der Stadt Bern wurde vor einem Jahr ebenfalls von der Schülerschaft der Antrag gestellt, bei Maturreisen nicht mehr fliegen zu dürfen. «Wir nennen es nicht Verbot, sondern Flugverzicht», sagt Konrektor André Lorenzetti. Die Entscheidung sei klar ökologisch motiviert gewesen, auch bevor die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten protestierten: «Bevor überhaupt jemand wusste, wer Greta Thunberg ist.»

Kurz vor der Klimadebatte entschied sich ebenfalls das Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee gegen das Fliegen und für die umweltfreundlicheren öffentlichen Transportmittel. Auch hier sei der Entscheid ökologisch motiviert gewesen, erklärt Martin Essig, Konrektor und zuständig für die Studienreisen am Gymnasium. «Die Schule will so eine Vorbildfunktion einnehmen», sagt Essig.

Die Argumente für ein Verbot sind aber nicht an jeder Schule nur ökologisch motiviert. In Biel am Gymnasium Biel-Seeland wurde 2014 ein Flugverbot verhängt. Hauptargument dafür: Die Reise mit dem Zug oder Bus hat pädagogischen Wert. «Die Schüler lernen, Distanzen hautnah mitzuerleben, und ziehen einen sozialen Wert aus der gemeinsamen Zugreise», sagt Leonhard Cadetg. Rektor Cadetg sieht mit dem Verzicht auf den Flug eine Erweiterung des Lehrplans 17 (der Lehrplan 21 gilt für die Volksschule, Lehrplan 17 für die Gymnasien im Kanton). Darin ist festgehalten, dass die jungen Erwachsenen bei Abschluss der Matur eine «erweiterte Gesellschaftsreife» erreichen. «Damit ist gemeint, dass sich die Schüler über sich und ihre Umwelt Gedanken machen. Und an die künftigen Generationen denken», sagt Cadetg. Der bewusste Verzicht auf das umweltschädliche Flugzeug sei nur eine Auslegung davon.

Bern schneidet gut ab

Der Vergleich der Gymnasien im Kanton Bern zeigt: Die Berner gehen mit gutem Beispiel voran . Zwar gehen die Klassen fast ausnahmslos ins Ausland, die Mehrheit verzichtet bei den Abschlussreisen auf das Flugzeug. Doch nicht an allen Schulen herrscht ein Flugverbot. Grundsätzlich wird Wert darauf gelegt, dass die Klassen gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern darüber diskutieren, was am meisten Sinn ergibt. Die beliebten Reiseziele sind Städte – Barcelona, Amsterdam oder Berlin. Mit dem Zug kann das dauern. Milo Schefer etwa geht mit seinen Klassenkameradinnen und -Kameraden mit dem Zug nach Rom. Durchschnittliche Reisezeit: gut zwölf Stunden.

Keine Vorschriften

Eine einheitliche Lösung zu den Maturreisen gibt es nicht – weder national noch kantonal. «Die Schulen entscheiden selbst», sagt Franziska Schwab vom Berufsverband Bildung Bern. Dass der Kanton keine Vorgaben macht, sei gut. «Es ist wichtig, dass die Diskussion innerhalb der Schule geführt wird.»

Marc König, Präsident der Konferenz Schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren, sieht das gleich: «Weitgehende kantonale und schullokale Autonomie gehört zum erfolgreichen Schweizer Bildungssystem.»

Erziehungsdirektorin Christine Häsler will auch in Zukunft von einer kantonal einheitlichen Regelung absehen. Vielmehr solle an den Schulen das Handeln im Hinblick auf dessen Auswirkungen reflektiert werden. Ein kantonales Verbot würde dem widersprechen. «Zentrale Vorgaben dienen nicht der Reflexion», sagt Häsler. Zwar ist die erweiterte Gesellschaftsreife und auch die nachhaltige Entwicklung als Ziel im Lehrplan verankert. Die Umsetzung liegt aber klar bei den Schulen. «Es wäre falsch, wenn die Erziehungsdirektion darüber hinaus in Einzelfällen Vorgaben machen würde.» Dennoch appelliert die grüne Politikerin an das Umweltbewusstsein: Schulen sollen nur dann fliegen, wenn dies für das Erreichen eines Lehrplanziels stichhaltig begründet werden könne.

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