Ein Langzeitverletzter als Berner Hoffnungsträger

Christoph Spycher soll dem arg kriselnden YB mehr Stabilität verleihen. Ein schwieriges Unterfangen für einen Spieler, der fast sechs Monate fehlte.

Christoph Spycher muss wegen Verletzungen und Sperren schneller als geplant wieder spielen.

Christoph Spycher muss wegen Verletzungen und Sperren schneller als geplant wieder spielen.

(Bild: Manuel Zingg)

Ruedi Kunz

Es ist ein Kaltstart, wie ihn sich Christoph Spycher nicht gewünscht hat. Kaum ist er nach einer über fünfmonatigen Verletzungspause ins Mannschaftstraining zurückgekehrt, muss er den Motor bereits wieder hochtourig laufen lassen. Heute Abend gegen GC (Stade de Suisse, 19.45 Uhr) wird er mit grösster Wahrscheinlichkeit eine der beiden Innerverteidigerpositionen besetzen, die wegen der Gelbsperren von Nef und Veskovac vakant sind. Der 35-Jährige hätte getrost ein weiteres Mal auf der Ersatzbank Platz genommen, weil er nicht weiss, ob das operierte rechte Knie der Belastung auch wirklich standhält. «Von der medizinischen Abteilung habe ich grünes Licht erhalten. Doch eine gewisse Unsicherheit bleibt.» Eine normale Reaktion, wenn man bedenkt, wie viel Schaden die Knorpelschicht in Spychers Knie genommen hat bei einem groben Foul des Baslers Díaz am 23. September 2012.

Am vergangenen Samstag in St. Gallen, als Spycher nach einer Stunde Spielzeit für den verletzten Doubai ins Geschehen eingreifen musste, ging alles gut. «Das Knie ist nicht angeschwollen», vermeldet der Fussballer zwei Tage später. Deshalb ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, «dem Team zu helfen, so gut es geht». Gegen den FC St. Gallen bestritt er erstmals seit dem 18. November 2012 wieder einen Ernstkampf. Nach Doubais Kreuzbandriss versuchte er in den letzten 30 Minuten das Spiel im zentralen Mittelfeld zu ordnen. Mit mässigem Erfolg. «Ich konnte noch nicht die Rolle einnehmen, die ich vor der Verletzungspause gespielt habe.»

Immer weiter abwärts

Da war Spycher eine der ganz wenigen wirklich verlässlichen Kräfte gewesen beim BSC Young Boys. Er hatte im zentralen Mittelfeld für eine gewisse Stabilität gesorgt und den teilweise heillos überforderten Schweden Alexander Farnerud entlastet. Er war es auch, der in der Kabine das Wort ergriff oder sich Raúl Bobadilla zur Brust nahm, wenn der wieder einmal einen Wutausbruch hatte. Und nicht zu vergessen eine weitere wichtige Aufgabe, die der Routinier schon länger wahrnimmt: Er ist der Ansprechpartner Nummer eins für die Ausländer und die jungen Spieler.

Nach Spychers Ausfall passte bei YB noch weniger zusammen als zuvor. In der nationalen Meisterschaft resultierten aus 12 Partien magere 15 Punkte; im Schweizer Cup verabschiedeten sich die Berner in den Viertelsfinals gegen den Challenge-League-Vertreter Wil. Einzig in der Europa League sorgten sie für Furore, erkämpften in Liverpool ein 2:2-Unentschieden und schlugen Anschi Machatschkala 3:1.

«Das ist eigentlich unglaublich»

Spycher weilte zwar während der Rehabilitationszeit längst nicht immer im Stade de Suisse. Dennoch blieb ihm die Unruhe nicht verborgen, die mit jedem weiteren schwachen Auftritt zunahm. Wieso die Mannschaft immer tiefer in den Sumpf geriet, ist ihm schleierhaft. «Es haben viele Leute mit den Spielern geredet und versucht, an sie heranzukommen.»

Nach den vergeblichen Mühen folgte der nächste Trainerwechsel bei YB: Martin Rueda musste gehen, Bernard Challandes kam. Spycher mag die erneute Rochade nicht öffentlich kommentieren. Stattdessen wiederholt er einen Satz, den er schon im letzten Herbst geäussert hat: «Wir haben zu wenig Spieler, die regelmässig gute bis sehr gute Leistungen abrufen können.» Das Resultat ist bekannt: YB stürzte in der Tabelle auf Platz 7 ab. Wie ein schlechter Witz wirkt, dass sich die Berner nach etlichen miserablen Auftritten immer noch berechtigte Hoffnungen auf die Qualifikation für die Europa League machen dürfen. Sechs Spieltage vor Schluss beträgt der Rückstand auf den fünftplatzierten FC Zürich nur vier Punkte. «Das ist eigentlich unglaublich und eine grosse Chance für uns», sagt Spycher.

Der Bund

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