Gefährlicher Frust bei Winterthurer Islamisten

Die Anhänger der An’Nur-Moschee fühlen sich ungerecht behandelt. Der Brief eines Inhaftierten zeugt davon. Racheaktionen schliessen die Behörden nicht aus.

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Kurt Pelda@KurtPelda

In der Winterthurer Moschee des Lichts sollen bald die Lichter ausgehen. Der Trägerverein des Gotteshauses, der Kulturverein An’Nur – arabisch für «das Licht» – hat beschlossen, sich auf Ende Juni aufzulösen. Gründe für diesen Schritt gibt es genügend: So wurde das Geld knapp, und die Suche nach einer Ersatzliegenschaft gestaltete sich offenbar schwierig. Der Mietvertrag für das derzeitige Lokal im Hegi-Quartier läuft nämlich bald aus. Hinzu kommt, dass sich die Moscheegänger nicht mehr im Vorstand engagieren wollen.

Ausserdem befinden sich sieben Mitglieder der sogenannten Jugendgruppe des Gotteshauses seit Februar in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Freiheitsberaubung vor. Zwei Moscheegänger seien bedroht, festgehalten und geschlagen worden, was die Beschuldigten allerdings bestreiten. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt die Unschuldsvermutung. Die mutmasslichen Täter sowie deren Familienmitglieder und Anhänger empfinden die lange Untersuchungshaft als ungerecht und sehen darin ein Zeichen für die islamophobe Haltung von Behörden und Gesellschaft. Das hat – zusätzlich verstärkt durch die drohende Moscheeschliessung – zu grosser Frustration geführt. Selbst bei den Behörden wird deshalb nicht ausgeschlossen, dass es zu Racheaktionen kommen könnte – vor allem wenn die Untersuchungshäftlinge nach und nach auf freien Fuss ­gesetzt werden.

Einzige arabische Moschee

Tatsächlich sind die Probleme der An’Nur-Moschee erdrückend. Im letzten November verhaftete die Polizei den Imam, weil dieser in einer Freitagspredigt angeblich zum Mord an Muslimen aufgerufen hatte, die sich vor dem Freitagsgebet im Gotteshaus drückten. Wenig später ging die erwähnte Jugendgruppe gegen zwei Muslime vor, die man in der Moschee verdächtigt hatte, Informationen an die Medien weitergeleitet zu haben. Das führte dann im Februar zu einer grösseren Razzia, in deren Verlauf zehn Männer verhaftet wurden. Drei von ihnen, unter ihnen der Präsident des Kulturvereins, der ehemalige Imam und ein 18-jähriger Lehrling, wurden inzwischen wieder aus dem Gefängnis entlassen – zum Teil unter strengen Auflagen.

Vergeblich hatte die Moschee versucht, Artikel, die ihre Version der Ereignisse wiedergeben, in den Medien zu platzieren. Gegenanzeigen gegen die mutmasslichen Opfer des Überfalls wurden am Ende von der Zürcher Justiz nicht angenommen, was das Gefühl, unfair behandelt zu werden, nur noch verstärkte.

Mindestens elf junge Männer und Frauen aus dem An’Nur-Umfeld haben sich laut Recherchen des «Tages-Anzeigers» in den letzten Jahren Terrorgruppen in Syrien beziehungsweise im Irak angeschlossen oder wollten dies tun. Die Verantwortlichen des Kulturvereins bestritten jedoch immer vehement, an der Radikalisierung dieser jungen Muslime beteiligt gewesen zu sein.

Die An’Nur-Moschee ist die einzige von sechs muslimischen Gebetsstätten in Winterthur, in der auf Arabisch gepredigt wird – manchmal mit albanischer Übersetzung. Trotz negativer Medienberichte besuchen immer noch jeweils 40 bis 80 Personen das Freitagsgebet, unter ihnen mehrheitlich Araber, aber auch Albanischstämmige und Menschen mit Wurzeln am Horn von Afrika. Am Freitagsgebet nehmen nicht selten auch Einwohner der Kantone St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Aargau und Solothurn teil. Für arabisch sprechende Muslime bieten die türkischen und albanischen Gotteshäuser von Winterthur keinen vollständigen Ersatz. Ausweichen können sie vor allem auf die arabischen Moscheen in der Stadt Zürich, in Volketswil und in Schaffhausen. Mancherorts machen sich Verantwortliche Sorgen, dass Radikale aus Winterthur in anderen Gebetsstätten junge Muslime um sich scharen und radikalisieren könnten. So hat ein Gotteshaus in Wil SG einem besonders extremen Mann, der auch schon in der An’Nur-Moschee gepredigt hat, ­bereits ein Hausverbot erteilt.

Gegen die «Ungerechten»

Die Vergangenheit zeigt allerdings, dass ein Moscheeverein schnell durch einen anderen ersetzt werden kann. Der Vorgänger des An’Nur-Kulturvereins war der Islamische Jugendverein, der eine Moschee an der Bleichestrasse in Winterthur betrieb. Diese Gebetsstätte musste 2008 schliessen – ebenfalls nach einer Polizeirazzia. Doch schon damals sammelten Moscheegänger Geld für die später gegründete An’Nur-Moschee.

Dessen ungeachtet wird der Frust in der Winterthurer Salafistenszene wohl weiter zunehmen. In einem Brief, den einer der Beschuldigten aus dem Gefängnis hinausschmuggeln liess, ist folgende Passage enthalten: «Ich bitte Allah, uns mit unserem Liebling zu vereinen und mit denjenigen, die ihn wahrhaft geliebt haben, und ich bitte Allah darum, den Ungerechten das zu geben, was sie verdienen, und meine Bittgebete gegen sie sind wahrlich härter, jedoch schreibe ich das hier nicht drauf.» Mit den Ungerechten sind all jene gemeint, die für die Verhaftung der Beschuldigten verantwortlich sind. Wer die Ideologie der Salafisten kennt, wird das sehr wohl als Drohung auffassen.

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