Die gefährlichen Folgen des Zinsanstiegs

In den USA wird heute ein weiterer Zinsanstieg erwartet. CS-Ökonomen haben untersucht, was höhere Zinsen in der Schweiz bewirken. Ihre Einsichten sind nicht beruhigend.

Der Trend hin zu Wohneigentum führte in den letzten Jahren mit den tiefen Zinsen zu einer höheren Verschuldung der Schweizer Haushalte: Wohnungsbau in der Zentralschweiz.

Der Trend hin zu Wohneigentum führte in den letzten Jahren mit den tiefen Zinsen zu einer höheren Verschuldung der Schweizer Haushalte: Wohnungsbau in der Zentralschweiz.

(Bild: Keystone)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Heute Abend Schweizer Zeit wird es zum ersten Mal nicht mehr Janet Yellen sein, die den Zinsentscheid der US-Notenbank (Fed) verkündet, sondern ihr Nachfolger auf dem Chefsessel Jerome Powell. Die meisten professionellen Beobachter erwarten, dass das Fed seinen Leitzins, die Federal Funds Rate, um 0,25 Prozent erhöht. Aktuell liegt das Zielband dafür zwischen 1,25 und 1,5 Prozent. Erwartet wird ausserdem, dass diesem Schritt im laufenden Jahr noch zwei weitere folgen werden, zunehmend wird sogar mit insgesamt vier Zinsschritten im laufenden Jahr gerechnet.

In der Schweiz sieht die Ausgangslage vorerst noch ganz anders aus. Das Leitzinszielband der Schweizerischen Nationalbank (SNB) liegt im negativen Bereich zwischen –0,25 und –1,25 Prozent für den 3-Monats-Libor. Dieser befindet sich bei rund –0,75 Prozent, genauso wie auch der Negativzins – die Gebühr, die Banken für Einlagen bei der SNB bezahlen müssen. Und für die nächste Zukunft ist keine Änderung zu erwarten. Die UBS hält erst Ende Jahr eine erste Zinserhöhung der SNB für möglich, die Credit Suisse rechnet im nächsten Jahr damit. Leitzinsen wieder im positiven Bereich dürften allerdings noch länger auf sich warten lassen.

Die Zinswende ist absehbar

Die Zinswende wird dennoch auch hierzulande immer mehr zu einem Thema. Das zeigt sich auch auf den Kapitalmärkten. Die Langfristzinsen haben sich gemessen an den Renditen zehnjähriger Schweizer Staatsanleihen (Eidgenossen) seit Mitte Januar vom negativen Bereich verabschiedet. In ihrem heute publizierten «Monitor» haben sich auch die Ökonomen der Grossbank Credit Suisse diesem Thema zugewendet. Darin untersuchen sie, wie sich ein künftiger Abschied von den extrem tiefen Zinsen der letzten Jahre auf die Wirtschaft der Schweiz auswirken wird.

Das Problem besteht in einer sehr hohen Verschuldung der schweizerischen Volkswirtschaft. Sie bewegt sich in einer Höhe wie in China oder Italien. Allerdings bezieht sich das in der Schweiz nicht auf die Staatsverschuldung, die international zu den tiefsten zählt, sondern auf jene der Privaten, die die CS-Analysten als «rekordhoch» bezeichnen.

95 Prozent der Schulden oder 730 Milliarden Franken machen offene Hypotheken aus, die grösstenteils durch Banken vergeben wurden. Immerhin stehen diesen Hypotheken Immobilien im von den Analysten geschätzten Wert von 1900 Milliarden Franken gegenüber. Zinserhöhungen haben aber in der Regel zur Folge, dass gleichzeitig die Belastung für den Schuldendienst steigt, wie auch die Immobilienwerte sinken. Letzteres ist eine Folge der zinsbedingt geringeren Nachfrage nach Immobilien.

Die unterschätzte Gefahr

Weil die Gläubiger aktuell für Schulden und damit auch Hypothekarschulden angesichts des rekordtiefen Zinsniveaus so wenig bezahlen müssen wie noch nie, kann der Anstieg des Zinsniveaus einen starken Hebeleffekt auf das private Budget auslösen. Das heisst, die zusätzliche Belastung kann dann grösser sein, als die Zunahme der Zinsen auf den ersten Blick erwarten lässt. Die Analysten der Credit Suisse haben errechnet, dass ein Zinsanstieg auf 3,3 Prozent (das Niveau vor der Finanzkrise im Jahr 2007) dazu führen würde, dass die Privathaushalte doppelt so viel für den Schuldendienst ausgeben müssten wie heute. Ein Anstieg auf einen Satz von 7,8 Prozent (wie zu Spitzenzeiten in den 1990er-Jahren) würde zu einen fünfmal höheren Aufwand für den Schuldendienst führen.

Etwas überraschend ist, dass die Ökonomen der Grossbank bei einem Zinsanstieg nicht mit starken Auswirkungen auf den Privatkonsum und über diesen auf die Gesamtwirtschaft rechnen. Eine Begründung dafür ist, dass trotz der hohen Hypothekarverschuldung nur eine Minderheit Immobilien besitzt. 62 Prozent der Schweizer sind Mieter. Eine andere ist, dass ein grosser Teil der ausgegebenen Hypotheken aus Fixhypotheken besteht, bei denen der Schuldendienst zumindest vorerst auch dann nicht steigt, wenn das gesamtwirtschaftliche Zinsniveau zunimmt.

Doch die Studienautoren relativieren ihre eigene Argumentation, indem sie schreiben, das Zinsänderungsrisiko sollte «nicht auf die leichte Schulter genommen werden». Das angewendete Prognosemodell «kenne» keine richtig hohen Zinsen mehr, weil es das seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben habe. Deshalb würden wohl die Auswirkungen eines Zinsanstiegs unterschätzt. Nicht zuletzt stelle der zinssensitive Immobilienmarkt nicht nur ein Klumpenrisiko dar, weil die Verschuldung der Haushalte hier rekordhoch sei, sondern auch, weil sich die Unternehmen hier stark mit geschuldetem Geld engagierten.


Immobilienpreise sollen sinken

«Wir sind am Ende eines Zyklus angelangt, die Preise werden im nächsten Jahr um 0,5 Prozent zurückgehen», sagte ZKB-Analyst Peter Meier zu den Preisen für Wohneigentum in der Region Zürich (Oktober 2017).


DerBund.ch/Newsnet

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