Der Ass-Spezialist fordert Federer

Mit bis zu 230 km/h peitscht Milos Raonic seine Aufschläge übers Feld. «Ich darf mich nur nicht frustrieren lassen», sagt Federer denn auch vor dem Duell gegen den Kanadier.

Dafür will sich Federer heute revanchieren: Raonic schlug den Schweizer vor einem Jahr im Wimbledon-Halbfinal.
René Stauffer@staffsky

Anfang Jahr war Milos Raonic Dritter der Weltrangliste, und es schien, als ob der 26-jährige Kanadier in die Phalanx der Big 4 eingebrochen wäre. Sieben Monate später ist davon keine Rede mehr. Der an einen strebsamen Musterschüler erinnernde, 1,95 m grosse 100-Kilo-Mann mit dem strammen Seitenscheitel bewegt sich wieder im tiefen Schatten, den die grossen Comebacks von Roger Federer und ­Rafael Nadal geworfen haben. «Wir weichen einfach nicht», konstatierte ­Federer selber, womit er auch Andy Murray und Novak Djokovic ansprach, die andere Hälfte des seit Jahren dominierenden Quartetts.

Raonic gewann 2017 noch kein Turnier, musste zweimal wegen einer Oberschenkelverletzung aufgeben und einige Turniere auslassen, ist aber wieder fit. Er belegt im Jahresklassement nur Rang 14. «Er spielt bei weitem nicht mehr so stark wie letztes Jahr», sagt Patrick McEnroe, wie sein Bruder John ein scharfzüngiger TV-Analyst. Der frühere Davis-Cup-Captain der USA gibt der ­Generation um Raonic, Dimitrov und Nishikori nicht viel Kredit. Auf die Frage, ob ­deren Zeit langsam ablaufe, sagte er: «Sie läuft ab – aber nicht langsam.»

Fünf Stunden mehr als Federer

Dass Tennis ein kurzlebiges ­Geschäft ist, zeigt sich am Beispiel von Raonic gut. Obwohl er letztes Jahr im Wimbledon-Final stand und die letzten beiden Duelle gegen Federer gewonnen hat – 2016 im ­Final von Brisbane und im Halbfinal von Wimbledon –, gilt sein Sieg über Alexander Zverev im Achtelfinal nun als Über­raschung. Das sah auch der Verlierer so, der fand, er hätte die Partie in drei Sätzen gewinnen müssen. Zu verdanken hatte Raonic den Fünfsatzsieg möglicherweise dem früheren Doppelspezialisten Mark Knowles, der hier zu seinem Coaching-Team gehört, neben dem Italiener Riccardo Piatti. Knowles erzählte, er habe Raonic vor der Partie stundenlang eingetrichtert, er sei erfahrener und besser auf Rasen als der 20-jährige Zverev. Grossartig habe der Kanadier allerdings nicht gespielt, bemerkte auch Knowles.

Bildstrecke – der besondere Blick auf Wimbledon:

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Das wusste dieser auch selber: «Ich gewann vor allem dank meiner Beharrlichkeit», sagte der achtfache Turniersieger, der aus halb so vielen Breakchancen (8:17) zwei Breaks mehr herausholte als Zverev (5:3). Der Weltranglistensiebte lebt vor allem von seinem bis 230 km/h schnellen Aufschlag, der ihm schon 91 Asse brachte, sowie seiner ­Fähigkeit, auch am Netz Punkte zu beenden. Dennoch gab er bereits drei Sätze ab und stand 10:41 Stunden auf dem Patz – fünf Stunden länger als Federer.

Der Schweizer ist im 13. Duell (er führt 9:3) denn auch klar favorisiert. «Ich darf mich nur nicht frustrieren lassen, auch wenn er immer wieder Asse und Winner in wichtigen Momenten schlagen sollte», sagt er vor seinem 50. Grand-Slam-Viertelfinal. «Der Schlüssel ist, dass ich ihn immer wieder in schwierige Situationen drängen kann. Und vielleicht blinzelt er dann einmal im falschen Moment.»

Federer trainierte gestern Nachmittag mit Coach Ivan Ljubicic, gab ­einige Kurzinterviews und Autogramme. Dass er bisher noch kaum geprüft wurde und zum 7. Mal ohne Satzverlust unter den letzten acht in Wimbledon steht, empfindet er nicht als Nachteil. «Dafür bin ich frisch und fit und freue mich auf jedes Training.» Die vier klaren Siege verleiten ihn auch nicht dazu, leichtsinnig zu werden. Raonic gehöre zu den besten vier, fünf Aufschlägern und sei bereit, hohe Risiken einzugehen. «Manchmal spielt er fast über seinen Verhältnissen. Das macht ihn extrem gefährlich. Ich weiss, dass dies kein Selbstläufer ist.»

Was war, zählt nicht

Raonic gilt als einer der denkfreudigsten und intelligentesten Spieler der Tour, sein Horizont geht weiter über das Tennis hinaus. «Federer war bisher zweifellos der beste Spieler dieses Jahres», anerkennt er. «Aber es geht nicht darum, was in den vergangenen sechs Monaten war. Es geht darum, was in diesem einen Spiel sein wird. Ich muss einfach einen Weg finden, um besser zu sein.» Auch der Kanadier ist aber voller Bewunderung für ­Federers Klasse und Enthusiasmus. «Wenn ich in die Gesichter der Spieler schaue, finde ich niemanden, der das Tennis so geniesst wie er.»

DerBund.ch/Newsnet

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