Berner Skepsis wegen Finanzen, Zustimmung aus Ostermundigen

Auf dem Weg zu einem Grossbern? Im «Stadtgespräch» um einen möglichen Zusammenschluss von Bern und Ostermundigen ist eine leichte Tendenz für eine Fusion erkennbar.

Der Grenzstein zwischen Bern und Ostermundigen.

Der Grenzstein zwischen Bern und Ostermundigen.

(Bild: Adrian Moser)

Noah Fend@noahfend

Auf dem Weg zu einem Grossbern? Zwischen Bern und Ostermundigen herrscht Tauwetter. Eine Fusion scheint nun wieder möglich zu sein. Darüber, ob ein Zusammenschluss überhaupt erstrebenswert wäre, diskutieren seit Samstag «Bund»-Leserinnen und -Leser im Stadtgespräch.

Ein erstes Fazit der sachlich geführten Diskussion zeigt: Eine knappe Mehrheit steht den Fusionsplänen grundsätzlich positiv gegenüber. Auffallend ist zudem, dass alle Leserinnen und Leser aus Ostermundigen, die sich bisher gemeldet haben, einer Fusion zustimmen würden.

Zu ihnen gehört Rudolf Alther. Er schreibt in seinem Beitrag, eine Fusion der Stadt mit der Agglogemeinde habe eine nicht zu unterschätzende «nationale Auswirkung». Er spielt damit auf die Einwohnerzahl an, die durch eine Fusion steigen würde. «Zu oft wird Bern meines Erachtens im nationalen Kontext nur schwach wahrgenommen.» Dies könnte sich durch eine einwohnermässig grössere Stadt ändern, meint Alther. «Die Stimme Berns erhält zusätzliches Gewicht.»

Gleicher Meinung ist Regula Unteregger. Auch sie wohnt selbst in Ostermundigen und meint: «Die Stadt Bern könnte wachsen und neuen Planungsraum gewinnen und mit einer grösseren Einwohnerzahl auch interkantonal an politischem Gewicht zulegen.» Gleichzeitig stellt Unteregger in Ostermundigen wegen «vielfältiger Herausforderungen» eine Überforderung fest. Deshalb sei es sinnvoller, die Probleme im Rahmen einer grossräumigen Sozial- und Wohnbaupolitik zusammen mit der Stadt Bern anzugehen.

Fusion aus regionalen Gründen

Statt an nationale Angelegenheiten denkt Timon Richiger an lokale Begebenheiten wie Verkehr und Raumplanung. «Eine Gemeindegrenze in einem solch zusammenhängenden Raum kann eine sinnvolle regionale Entwicklung verhindern.» Richiger ist überzeugt, das sich eine zusammenhängende Region am besten durch eine gemeinsame, vorausschauende Planung entwickelt.

Dass dies derzeit noch nicht funktioniert, zeigt für ihn die aktuell geplante Velohauptroute von Bern nach Ostermundigen, die an der Gemeindegrenze endet. Auch, dass es in Ostermundigen nur eine Publibike-Station gibt, der Veloverleih also quasi an der Grenze zu Ostermundigen haltmacht, bedauert er. Von einer Fusion könne aber nicht nur Ostermundigen, sondern auch Bern profitieren: Eine durchgängige Veloinfrastruktur würde dem Vorantreiben der städtischen Verkehrspolitik dienen und Bern könnte sich bei der Siedlungserweiterung im Osten mehr einbringen, schreibt Richiger.

Kritische Stimmen wegen Ostermundigens Finanzen

Die Kritik an einer Fusion kommt bis jetzt ausnahmslos von Leserinnen und Lesern aus der Stadt. Sie stehen dem Fusionsprojekt primär wegen Ostermundigens finanzieller Sorgen kritisch gegenüber. «Fusionen aus rein monetären Gründen sind besonders problematisch», schreibt etwa Rolf Helbling. Deshalb brauche zumindest die Stadt Bern diese Fusion nicht. Die Interessen seien einseitig und primär finanzieller Natur. Auch die wachsende Grösse der Stadt durch eine Fusion sei für ihn kein relevanter Faktor. «Ich kann nur einigermassen echte Liebesheiraten befürworten», schreibt Helbling. Alternativ schlägt er vor, die Agglogemeinden könnten untereinander fusionieren.

Ähnlich sieht das Rudolf Käser. «Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, die Stadt als Kerngemeinde zu belassen und Fusionen um Speckgürtel zu fördern.» Eine Eingemeindung Ostermundigens mache zwar Sinn, doch leuchte ihm nicht ein, weshalb dann Köniz nicht zur Stadt gehöre. «Da hat es Quartiere, die sind weit städtischer und bernverbundener als die Quartiere von Ostermundigen.»

Nur die Finanzen? «Das greift zu kurz»

Die finanziellen Schwierigkeiten und das strukturelle Defizit Ostermundigens seien bekannt und wohl kaum auf kurze Zeit zu eliminieren, schreibt Jürg Schärer aus Ostermundigen. Dennoch greife zu kurz, wer bei der Fusion nur an die Finanzen denkt. Denn «Ostermundigen hat auch einiges zu bieten». Schärer denkt an den Entwicklungsschwerpunkt Bahnhof mit dem neuen Hochhaus, an das Tram oder an eine lebendige Siedlungsentwicklung mit Quartiergeist, wie er auch in der Länggasse, im Breitenrain oder in der Lorraine herrsche. Durch eine Zusammenschliessung würde die Planung auf allen Gebieten stark vereinfacht. «Eine Fusion ist eine vielfältige Angelegenheit», plädiert deshalb Schärer.

Werner Hoffmann schliesst sich dem an. Der Fokus auf die Finanzen sei zwar nicht erstaunlich, entlarve aber die ganze Diskussion um Eigenständigkeit, Behördennähe und lokale Identität weitgehend als «vorgeschobenes Geschwurbel». Lasse man diese weg, blieben als greifbare Auswirkungen «bessere Steuergerechtigkeit, weniger Verwaltungsaufwand und mehr Mitbestimmung bei regionalen Fragen. Deshalb findet Werner Hoffmann: «Also dann!»

Wie gehts nun weiter?

Die «Bund»-Leserschaft lehnt im Stadtgespräch eine Fusion also nicht grundlegend ab. Trotzdem müssen auf dem Weg zu einem Grossbern noch einige wichtige Hürden überwunden werden. Der Berner Stadtpräsident von Graffenried (GFL) rechnet damit, dass der Fusionsprozess bis zur Abstimmung etwa vier Jahre dauert. Bei der entsprechenden Abstimmung müssten denn auch beide Gemeinden der Fusion zustimmen.

Von Graffenried will auch weiteren umliegenden Gemeinden die Möglichkeit geben, ihrerseits eine Fusion mit der Stadt Bern zu prüfen und so «auf den Zug aufzuspringen», wie er sagt.

In einem nächsten Schritt will der Gemeinderat in Ostermundigen noch diese Woche am Donnerstag (13. Dezember) darüber informieren, wie die Prüfung einer möglichen Fusion vonstattengehen soll. Grundsätzlich soll der Ostermundiger Gemeinderat die Chancen und Risiken einer Fusion mit Bern oder anderen Gemeinden bis 2020 analysieren und dem Parlament in Form eines Berichtes vorlegen. In einer Konsultativabstimmung möchte der parteilose Gemeindepräsident Ostermundigens, Thomas Iten, möglichst bald herausfinden, ob eine allfällige Fusion auch in der Bevölkerung auf Interesse stösst.

Zwischen Bern und Ostermundigen herrscht Tauwetter: Eine Gemeindefusion liegt auf einmal wieder im Bereich des Möglichen. Ist es Zeit für Gross-Bern? Diskutieren Sie weiter im «Stadtgespräch».

DerBund.ch/Newsnet

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