Der Besessene

Paulo Sousa war einmal ein scheuer Bub. Heute führt er den FC Basel als Trainer bei Real Madrid in die Champions League.

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere versuchte Paulo Sousa vom Fussball wegzukommen. Er schaffte es nicht. Foto: Juanjo Martin (EPA, Keystone)

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere versuchte Paulo Sousa vom Fussball wegzukommen. Er schaffte es nicht. Foto: Juanjo Martin (EPA, Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Paulo Sousa, wer sind Sie?

Sousa, grau melierte Haare, braune Augen, hageres Gesicht, schaut hoch und lächelt. Vielleicht überrascht ihn die Frage. Doch sie scheint ihm auch zu gefallen. Also beginnt er zu erzählen. Die Stimme ein sonorer Bass.

Sousa – ausgesprochen: Sosa –, am 30. August 1970 im Norden Portugals ­geboren, ist einer, der viel von sich verlangt. Er will immer mehr wissen, mehr entwickeln, mehr Erfolg haben. Das war in seiner Kindheit schon so. Was er von sich fordert, das möchte er von anderen auch. Und jeden Abend, bevor er ins Bett geht, bedankt er sich bei Gott und Fátima, einer Marienerscheinung, weil ihm das Leben wunderbare Möglichkeiten eröffnet hat.

Es ist viel geworden aus dem einst scheuen Buben, der nicht viel redete, dafür aber bald lernte, zu beobachten und zu analysieren, wie sich andere verhalten, und dadurch ein Gefühl entwickelte für Situationen und Entscheidungen.

Der Unfall des Vaters

Immer unbeschwert war seine Kindheit nicht. Er hat sie auch als «anspruchsvolle» Zeit in Erinnerung. Der Vater hatte einen schweren Unfall mit dem Motorrad und lag im Koma, als Paulo vier und sein Bruder drei Jahre alt war. Es war unklar, ob er überleben würde. Nach einem Monat kam er wieder zu Bewusstsein, später begann die Rehabilitation, ein Jahr nach dem ­Unglück reparierte er in seiner Werkstatt wieder die Motorräder der Kunden.

Paulo Sousa sagt, der Unfall und der Kampf um das Leben, das habe seinen Vater, aber auch die ganze Familie stärker gemacht. Er vermutet, dass ihm ­deshalb diese Werte so wichtig sind. ­Respekt. Gerechtigkeit. Leidenschaft.

Was Hunde besser machen

Beide Eltern waren berufstätig, die Mutter als Schneiderin. Sie verliessen das Haus gegen 6.30 Uhr und kamen am Abend spät nach Hause. Die Primar­lehrerin wurde für Paulo eine wichtige ­Bezugsperson. Er mochte, wie sie lehrte. Er wäre deshalb auch im Teenageralter noch gerne Lehrer geworden. Der Fussball kam dazwischen.

Wenn Sousa über das Leben spricht, dann verwendet er oft Begriffe wie «Herausforderungen», «Passion», «weiterentwickeln». Er ist einer, der den Drang zum Fortschritt in seiner DNA zu haben scheint. Und wenn Sousa über seinen Weg redet, dann sagt er Sätze wie diesen: «Wenn du Fragezeichen hast, entwickelst du dich, weil du diesen Fragen folgst.» Oder: «Wenn du in der Komfortzone bist, dann ist es schwierig, vorwärtszugehen.» Oder: «Wenn viele Leute Schwierigkeiten sehen, sehe ich Möglichkeiten.»

Mit 14 weg von zuhause

Mit 14 verliess er das Elternhaus und wechselte in die Nachwuchsakademie von Benfica Lissabon. Er glaubt, dass ihn das schneller erwachsen gemacht hat als andere. Mit 19 debütierte er in der höchsten Liga. Später war er, der elegante Mittelfeldspieler, bei Sporting, Juventus, Dortmund, Inter, Parma, Panathinaikos und Espanyol Barcelona. Er wurde Junioren-Weltmeister. Portugiesischer Meister. Italienischer Meister. Zweifacher Champions-League-Sieger.

Als seine Karriere 2002 auf das Ende zuging, dachte Sousa nie daran, sich ein Boot zu kaufen und an jedem schönen Tag hinauszufahren aufs Meer, das wäre ihm viel zu langweilig gewesen. Doch er fragte sich, ob er sich aus dem Fussball verabschieden sollte, weil er oft Mühe hatte mit Leuten, die seine Werte nicht teilten. Sechs Monate lang versuchte er es ohne Fussball und stellte fest, wie schwierig es ist, nach 17 Jahren als Profi oder Fast-Profi davon wegzukommen. Vor allem für einen wie ihn, der über sich sagt: «Ich habe die Liebe und Leidenschaft zu diesem Sport in den Adern.»

Zusammen mit seiner Frau und einem Partner stieg er zwar ins Geschäft mit Springpferden ein, er besitzt «eine schöne Anzahl» Pferde. Geld verdienen wollen die drei zwar schon damit, für die Sousas aber steht die Liebe zu den Tieren über dem finanziellen Erfolg. Die Sousas haben auch noch drei Hunde. Er schätzt an ihnen, dass sie nicht ­geben, weil sie selbst etwas wollen. Das unterscheide die Hunde von den meisten Menschen.

Mit dem Pulsgurt ins Bett

Sousa reiste, um bei Trainern und Managern neue Ideen zu entdecken. Er entwickelte in Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Verband und einer Universität ein dreijähriges Studium für Fussballmanagement. Er wurde 2008 Trainer bei den Queens Park Rangers und lernte danach innert fünf Jahren Swansea, Leicester, Videoton und Maccabi TelAviv kennen. Manchmal musste er schnell gehen. Manchmal wollte er schnell gehen. Wie zuletzt in Israel, wo er Meister geworden war. Er hat etwas Rastloses.

In Basel soll er drei Jahre bleiben – ­gemäss Vertrag. Er lässt die Spieler schon zum Frühstück ins Stadion kommen, nach dem Training wird ebenfalls gemeinsam getafelt, Sousa sieht das ­Essen als wichtigen Teil der Erholungsphase. Er lässt sein Personal mit Pulsgurt trainieren und schlafen. Er hat auch die Medientermine der Spieler reduziert, weil er überzeugt ist, dass der Job für sich schon anspruchsvoll genug ist, dass er sich selbst und sein Personal schützen muss vor zusätzlichen Belastungen, auch mentalen.

Nein, zimperlich ist er nicht

Die Spieler stören sich nicht an seiner Arbeitsweise. An den Sitzungen vor den Trainings. An den Rotationen von Spiel zu Spiel. Das Gegenteil ist der Fall, zumindest jetzt, da noch alles recht neu ist. Das hat auch damit zu tun, dass Sousa menschliche Nähe zulässt. Seine Entscheidungen erklärt. Zimperlich ist er nicht, wenn ihm etwas nicht passt. Am Samstag beim 1:3 gegen GC hat er ­Nationalverteidiger Fabian Schär in der 36. Minute ausgewechselt. So kann sich ein Trainer auch Feinde schaffen.

Es fällt Sousa nicht immer leicht, sich zu lösen vom Arbeitsalltag. Er findet Ruhe und gewinnt Energie bei gemeinsamen Stunden mit seiner Frau, mit der Familie, mit den Hunden, beim Joggen, in der Natur. Er erzählt aber auch, dass seine Gedanken selbst zu Hause oft beim Club, bei den Spielern, beim nächsten Match sind. Wenn er liest, beschäftigt er sich gerade mit zwei Bereichen: Leadership. Und dem Funktionieren des Hirns. Beides ist für ihn mit der Frage verbunden: «Wie kann ich mich entwickeln, damit ich meine Spieler weiterbringe?»

Gestern ist Sousa mit seiner Mannschaft nach Madrid geflogen zu seiner Champions-League-Premiere als Trainer. Real ist der Gegner. Die Niederlage bei GC hat ihm den Mut nicht genommen. Er tritt an, um erfolgreich zu sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt