Ein ungewöhnliches Haus

Die Hälfte des Schauspielensembles von Konzert Theater Bern wird ausgetauscht. Die meisten gehen freiwillig. Das wirft Fragen auf – denn das Stadttheater ist ein attraktiver Ort für Schauspieler.

Blick ins Ungewisse: Szenenbild aus Lars Noréns Stück «3.31.93».

Blick ins Ungewisse: Szenenbild aus Lars Noréns Stück «3.31.93».

(Bild: Annette Boutellier)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Ein Theater, das ist der Ort für Ideen und Visionen. Im besten Fall und von der Bühne aus gesehen. Dahinter aber steckt fast immer ein nüchterner Betrieb mit festen Hierarchien. Hier haben Regisseure das letzte Wort, Intendanten ihr Durchgriffsrecht, und Schauspieldirektoren tauschen beim Stellenantritt nicht selten das ganze Ensemble aus.

So gesehen sind die Eingriffe von Cihan Inan harmlos, der bei Konzert Theater Bern (KTB) ab nächster Saison auf die freigestellte Schauspielchefin Stephanie Gräve folgt: Knapp die Hälfte des Ensembles, also 6 von 14 Stellen, besetzt er im Sommer neu. Wobei er selbst nur zwei Verträge auf die Saison 2017/18 hin nicht verlängert hat, diejenigen von Kornelia Lüdorff und Tobias Krüger. Hinzu kommen vier Schauspieler, die von sich aus gekündigt und KTB auf Ende letztes Jahr verlassen haben.

Nicht gerade rosig

Gewöhnlich ist eine solche Häufung freiwilliger Abgänge nicht. Doch Intendant Stephan Märki relativiert: Es sei schwierig, junge Schauspieler «über zwei Jahre hinaus zu binden», sagte er im November dem «Kleinen Bund». Ein Blick auf die Zahlen lässt an dieser Aussage zweifeln. Denn während sich Ensemble-Stellen kaum vermehren, drängen alleine von den über zwanzig staatlichen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum jedes Jahr über 200 Abgängerinnen und Abgänger auf den Markt.

Gleich im Anschluss ein erstes Engagement zu finden, gelingt rund drei Vierteln von ihnen. Diese vergleichsweise hohe Quote hat damit zu tun, dass vor allem in der Schweiz viele Theaterhäuser mit den Schauspielschulen im Kontakt stehen und die Studierenden teilweise schon während der Ausbildung für Gastrollen engagieren; später dann auch fürs Ensemble. So hat etwa Stephanie Gräve auf die letzte Saison hin gleich mehrere Abgänger von Schauspielschulen ans KTB geholt, darunter etwa Deleila Piasko, Lukas Hupfeld oder Mariananda Schempp; und auch das Zürcher Schauspielhaus nimmt pro Jahr ein bis zwei Absolventen auf.

Als Berufseinsteiger müssen diese erst einmal mit dem Mindestlohn auskommen. Obwohl auch nicht gerade rosig, sind die Anstellungsbedingungen an einem Schweizer Stadttheater im Vergleich zu Deutschland doch meistens besser. Zum einen was den Lohn und nicht selten auch was die Auslastung mit Proben und Vorstellungen angeht, wie verschiedene Schauspieler von KTB im Gespräch mit dem «Kleinen Bund» erzählen. Für die meisten ist die grösste Herausforderung aber auch hierzulande, langfristig auf dem Beruf zu arbeiten und davon leben zu können.

Als Team zusammenwachsen

Kornelia Lüdorff zum Beispiel wäre gerne in Bern geblieben. Vor einem Jahr ist sie hierhergezogen und hat für ihre Anstellung bei KTB ihr Leben in Berlin aufgegeben. Den Vertrag für zwei Jahre unterschrieb sie in der Hoffnung auf eine spätere Verlängerung, da es Gräve war, die sie ans Haus geholt hatte und die als Schauspielchefin ursprünglich für vier Jahre verpflichtet war. Es kam alles anders. Als Schauspielerin ist sich Lüdorff Wohnortwechsel gewohnt. Nur nicht so unverhoffte.

Denn was sie vor allem schätze an der Arbeit in einem Ensemble, das sei die Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Kollegen und Regisseuren und dass man als Team zusammenwachse. «Dadurch hat man die Chance, sich als Schauspielerin weiterzuentwickeln», sagt sie. Das alles wäre für sie in Bern möglich gewesen. «Mein Start hier war vielversprechend. Es hat sich sehr gut angefühlt, Teil eines neuen Ensembles zu sein.»

Für einige der Schauspieler bei KTB ist es nicht nur ein neues, sondern das erste Ensemble überhaupt. Eine Situation, in der sie möglichst viel Bühnenerfahrung sammeln wollen. So ging es zumindest Andri Schenardi, als er 2007 nach Bern kam und für acht Jahre Teil des Ensembles war. «Die Sicherheit, die man am Stadttheater hat, ist schon toll», sagt er. «Du spielst sicher fünf Premieren im Jahr und musst dich um keinen Papierkram kümmern.»

Trotzdem zieht Schenardi heute das freie Schaffen vor. Ausschlaggebend, das Haus zu verlassen, war für ihn das gewachsene Bedürfnis, selber über seine Arbeit bestimmen zu können: von den Stücken, in denen er mitspielt, über die Frequenz, in der er auf der Bühne steht, bis hin zu den Bedingungen, zu denen er es tut. «Wenn man angestellt ist an einem Haus, wird das alles für dich entschieden.» Schenardi findet ausserdem, es werde zu viel produziert an den Stadttheatern. «Mit solchen hohen Arbeitsrhythmen wird man den Schauspielern nicht mehr gerecht.»

Alternative gesucht

Mit der Freiheit, sich seine Engagements aussuchen zu können, befindet sich Schenardi in einer vergleichsweise luxuriösen Position. Vor allem in Deutschland hat der Leidensdruck seiner Berufskollegen zugenommen: Mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen an Theaterhäusern zu verbessern, haben sich dort Theaterschaffende zur Protestbewegung «Ensemble Netzwerk» zusammengeschlossen. Die Gruppe prangert vor allem zu tiefe Gagen an; aber auch fehlender Respekt von Regisseuren oder Leitungspersonen sei an der Tagesordnung, ebenso geballte Proben, die ein Sozialleben praktisch verunmöglichen.

Parallel dazu findet in deutschen Medien und im Netz derzeit eine Debatte darüber statt, wie eine Alternative zum Intendantenmodell aussehen könnte. Gefordert wird beispielsweise mehr Mitsprache für die Schauspieler, etwa wenn es um die Auswahl von Regisseuren geht. Trotz solcher Reformbemühungen geniesst die Institution Stadttheater aber nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter Schauspielern noch immer hohes Ansehen.

In Deutschland kam es in letzter Zeit zu heftigen Reaktionen in diversen Theater-Belegschaften, als es darum ging, Traditionshäuser konzeptuell zu erneuern. So etwa bei den Münchner Kammerspielen, die sich unter der Leitung von Matthias Lilienthal zur freien Szene hin geöffnet haben. Oder bei der Berliner Volksbühne, wo auf Intendant Frank Castorf nächstes Jahr Chris Dercon folgen wird, der derzeitige Direktor der Tate Modern in London, der die Grenzen zwischen Sprechtheater, Film, Musik und Tanz aufheben will.

Und in Bern? Für Diskussionen über die künstlerische Ausrichtung und innere Organisation des Stadttheaters gab es bisher wenig Anlass. Dies vor allem, weil die Berner Bevölkerung KTB ein bemerkenswertes Vertrauen entgegenbringt: Fast 80 Prozent haben sich bei der letzten Abstimmung, als es um städtische Subventionen ging, für das Stadttheater ausgesprochen. Ein Wohlwollen, das auch die Schauspieler spüren: «Ich habe das Publikum hier als sehr aufgeschlossen und interessiert wahrgenommen», sagt Kornelia Lüdorff. Für Andri Schenardi sind die Besucher sogar der Hauptgrund, warum er unter Umständen wieder einmal bei KTB auftreten würde. «Als ich weggegangen bin, waren viele traurig.»

Zerrüttetes Vertrauen

Aus Schauspielersicht spricht also einiges fürs Berner Stadttheater. Akzeptable Bedingungen, ein starker Rückhalt beim Publikum: Im Vergleich mit anderen Häusern ist KTB ein intakter Betrieb und attraktiver Arbeitgeber. Umso grössere Fragen werfen die freiwilligen Abgänge aus dem Ensemble auf. Vor einem Jahr sprachen Ensemble-Mitglieder gegenüber dem «Bund» von einem «nachhaltig zerrütteten Vertrauensverhältnis» zwischen Bühnenpersonal und Leitung. Es scheint, als hätte sich daran wenig geändert. Über konkrete Gründe will zwar niemand öffentlich sprechen. Sicher ist hingegen: Eine Abneigung zur langfristigen Verpflichtung, wie sie Stephan Märki den jungen Schauspielern zuschreibt, können sich diese in Anbetracht ihrer Berufssituation nicht leisten.

Der Bund

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