Viele Badis fallen durch Hygienetest

Von Fäkalkeimen über Algen bis zu Harnstoff – was die Inspektoren in Hitzesommern alles in den Schwimmbecken finden.

Wasserprobe in der Badi Talegg in Embrach ZH: 100 Becken hat Inspektor René Schittli im Juli kontrolliert. Bild: Michele Limina

Wasserprobe in der Badi Talegg in Embrach ZH: 100 Becken hat Inspektor René Schittli im Juli kontrolliert. Bild: Michele Limina

Nadja Pastega@sonntagszeitung
Roland Gamp@sonntagszeitung

Im Sommer sind bei René Schittli, 53, die Ferien gestrichen. Sobald die Temperaturen steigen und sich die Freibäder füllen, herrscht bei ihm Hochbetrieb. Dann macht er sich auf mit seinem blauen Chemikantenkoffer, klappert die Freibäder ab, entnimmt Wasserproben und misst die Verschmutzung. Schittli arbeitet im Kantonalen Labor der Gesundheitsdirektion Zürich. Er ist eine Art Schwimmbad-Cop, amtliche Bezeichnung: Badewasserinspektor.

«Diese Woche habe ich jeden Tag fünf bis sechs Badeanstalten kontrolliert», sagt Schittli, «seit Anfang Juli sind es über 100 Becken.» Längst nicht immer sind sie sauber. Das zeigen die Zahlen der Kantonalen Labors zu den Wassertests, die 2017 in Schweizer Freibädern durchgeführt wurden. Beispiel Kanton Zürich. Hier wurden letztes Jahr 195 Schwimmbecken kontrolliert, bei 166 Pools beanstandete der Wasserinspektor Mängel. In 30 Becken enthielt das Wasser zu viel Harnstoff, also Urin und Rückstände von Sonnencremes. In sieben Becken wies der Prüfer Escherichia coli nach – Keime aus Fäkalien. Bei anderen Schwimmbecken stimmte der pH-Wert oder die Dosierung des Desinfektionsmittels nicht.

«Chlorat schädigt die roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport im Körper zuständig sind.» Martin Brunner, Zürcher Kantonschemiker

In einem Becken fand man Pseudomonas aeruginosa. «Ein Bakterium, das eitrige Infektionen hervorrufen kann», sagt der Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner. Der häufigste Beanstandungsgrund war zu viel Chlorat, eine Chemikalie, die bei der Aufbereitung des Badewassers und wahrscheinlich auch durch UV-Strahlen im Becken entsteht. «Chlorat schädigt die roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport im Körper zuständig sind», sagt Brunner. In 113 Zürcher Schwimmbecken wurde der vorgeschriebene Chlorat-Wert überschritten.

Auch andernorts schlugen die Messgeräte der amtlichen Prüfer aus. Im Kanton Aargau kontrollierten sie 148 Freibadbecken, 39 erhielten die Note «ungenügend» – jedes vierte. In 18 Aargauer Pools waren die Harnstoffwerte «erhöht», in anderen stimmte die Dosierung der Desinfektionsmittel nicht, oder es waren zu viel Sand, Algen, Blätter und Filterrückstände im Wasser. Auch im Kanton Bern bemängelten die Inspektoren bei jedem vierten geprüften Becken die Qualität des Badewassers. Sie fanden hier unter anderem Verunreinigungen mit potenziell krankheitserregenden Keimen.

Vor allem die Badegäste verunreinigen das Wasser

Wenn das Wasser im Schwimmbecken zu wünschen übrig lässt, sind oft Grüsel-Gäste schuld, die nicht duschen vor dem Baden. Und nicht nur die Kleinen erleichtern sich im Wasser. Im Kanton Basel-Stadt stellten die Prüfer bei 15 Prozent der Wasserproben aus Frei­bädern einen zu hohen Harnstoffgehalt fest, «deutlich häufiger» als ein Jahr zuvor – eine Folge von «wiederholten Schönwetterperioden» und dem «grösseren Ansturm auf die Bäder», wie das Kantonale Laboratorium Basel-Stadt zu den Testergebnissen 2017 schreibt. Und es gibt auch gleich die Hygiene­regeln durch: «Unterwäsche gehört nicht unter den Badeanzug. Das Erledigen natürlicher Bedürfnisse hat nicht im Schwimmbecken, sondern auf den Toiletten zu erfolgen.»

René Schittli, Wasserinspektor des Kantons Zürich, nimmt in der Badeanstalt Talegg in Embrach eine Wasserprobe. Bild: Michele Limina

Dass sich nicht alle daranhalten, beschäftigt auch die Bade­meister. Die bei jungen Männern verbreitete Mode, mit Unterhosen unter der Badehose ins Becken zu steigen, sei «eine unnötige Zusatzbelastung für das Badwasser», sagt Michel Kunz, der Präsident des Schweizer Bademeisterverbands. Ein «Dauerthema» sei auch das Duschen. «Die Leute finden das nicht nötig, da sie ja angeblich zu Hause schon geduscht haben», sagt Kunz. Büssen könne man die notorischen Duschverweigerer nicht. «Möglich ist aber eine Wegweisung oder bei groben Fällen ein Badiverbot.»

An heissen Tagen, wie sie die Schweiz derzeit erlebt, herrscht in den Schwimmbecken Gross­andrang. Dann müssen Badewasserinspektoren wie René Schittli besonders genau hinschauen.

Der Zürcher Badi-Experte ist gewappnet. Er rechnet bereits damit, dass seine Messgeräte häufiger ausschlagen werden als letztes Jahr. Wegen zu viel Harnstoff im Badewasser – eine Folge des Schweizer Supersommers.

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