Kommentar: Papiertiger und Symbolpolitik

Mit dem Verschmähen des Flaschenwassers machte die Stadt Bern eine ganze Branche wütend.

Die Mineralwasserbranche ist erzürnt über die Stadt Bern.

Die Mineralwasserbranche ist erzürnt über die Stadt Bern.

(Bild: Keystone)

Adrian Sulc@adriansulc

Eine grosse Dummheit, ein Unsinn, ja eine bodenlose Frechheit sei es, Mineralwasser verbieten zu wollen. Gewerbeverbands-Kadermann Rudolf Horber ereiferte sich an der Pressekonferenz der Mineralwasserbranche gegen die «Bevormundung von mündigen Bürgerinnen und Bürgern». «Sind wir denn in Nordkorea?», fragte er schliesslich rhetorisch.

Nein, natürlich nicht. Wir wären es auch nicht, wenn Mineralwasser in der Schweiz verboten würde. Doch davon war gar nie die Rede – auch nicht seitens der Wasserinitiative Blue Community. Wer an einer Schweizer Quelle Mineralwasser in Flaschen abfüllt, nimmt dieses Wasser niemandem weg. Es wird nirgends fehlen.

Das räumen auch die Schweizer Vertreter von Blue Community ein. Sie fordern, dass das Recht auf Wasser als Menschenrecht anerkannt wird. Im Wasserschloss Schweiz eine obsolete Forderung. Inhaltlich zielt die Initiative denn auch auf Missstände bei der Wasserversorgung im Ausland ab. Um die Thematik hierzulande aufs Parkett zu bringen, überzeugte man die Stadt Bern zum Beitritt zur Initiative. Das ist grösstenteils Symbolpolitik.

So verkündete Stadtpräsident Alexander Tschäppät vor Monatsfrist eine einzige konkrete Massnahme: Die Verwaltung verzichtet «so weit wie möglich» auf Flaschenwasser. Damit lindert sie den Wassermangel in anderen Teilen der Erde keineswegs. Aber so soll der ökologische Fussabdruck der Stadtverwaltung reduziert werden. Immerhin spart die Stadt damit auch Steuerfranken.

Doch mit dem Verschmähen des Flaschenwassers machte Bern eine ganze Branche wütend. So setzte der Mineralwasserverband die Polit-PR-Maschinerie in Gang. Dazu gehören empörte Stellungnahmen gegenüber den Medien («Sind wir denn in Nordkorea?»), obwohl nie jemand ein Verbot von Mineralwasser gefordert hat. Und dazu gehört, dass IG-Mineralwasser-Präsident Christophe Darbellay im Nationalrat zwei Vorstösse lancieren wird. Er will die heimischen Mineralwassermarken mit einem Label versehen lassen. Und er will, dass der Bundesrat einen Bericht zur Frage erstellen lässt, wie die Unterscheidung von Mineral- und Leitungswasser verdeutlicht werden kann.

Kurz: Es sind zwei Vorstösse für die Galerie, Papiertiger par excellence. Wer sich gegen die «Bevormundung von mündigen Bürgern» wehrt, sollte nicht gleich nach dem Staat schreien, sobald er den Verlust einiger Umsatzpromille fürchten muss.

Der Bund

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