Protestwelle am Egelsee

Gegen 500 Leute setzten sich am Freitagabend in einem friedlichen Flashmob für die Bar am Egelsee ein.

Rund 500 Leute demonstrieren am Freitagabend für die Bar am Egelsee.

Rund 500 Leute demonstrieren am Freitagabend für die Bar am Egelsee.

(Bild: mck)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Freitagabend am Berner Egelsee: Was nach einem Schulsporttag aussieht, ist eigentlich so etwas wie ein Protest: Bis zu 500 Menschen haben sich zu einem Flashmob versammelt, um für eine Beiz am See einzustehen. Pläne für die Zwischennutzung der ehemaligen Entsorgungsanlage sind durch Einsprachen aus der Anwohnerschaft wiederholt vereitelt worden.

Anwesend sind viele Familien mit Kindern, aber auch Jugendliche und ältere Menschen. Sie tragen Plakate und Schilder mit Aufschriften wie «ich bin auch Anwohner» und «wir wohnen an diesem See». Sie jubeln, klatschen und machen den Conga-Tanz. Mit zwei Beamten ist auch die Polizei zugegen; Politiker wie Grossrat David Stampfli (SP) und Stadtrat Manuel Widmer (GFL) sind in der Menge zu erkennen. Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) schaut ebenfalls kurz vorbei.

Ein «Begegnungsort» fürs Quartier

«Das ist so ein schöner Ort», sagt Anwohnerin Mona Pfäffli. Im Quartier gebe es fast keine Begegnungsorte. «Ich verstehe nicht, weshalb man das mit einem solchen Groll verhindern will.»

Auch Ueli und Anna können sich nicht vorstellen, weshalb man gegen die Bar sein sollte. «Der Entsorgungshof hat früher viel mehr Lärm gemacht», sagt Anna. Der Tenor im Quartier sei der Beiz generell wohlgesinnt, schätzen sie ein. «Das hat man heute gut gesehen», sagt Ueli.

«Die Nachfrage nach so einem Ort ist riesig, vor allem für Familien wie wir», sagt Sabrina Leuenberger, die ihr Kleinkind auf dem Arm hält. «Ich freue mich riesig, weil es hat so viele Leute da, die ich kenne», sagt sie. «Das ist eine richtige Quartieraktion.»

Bar im Sinne der Anwohner

Ziel der Aktion ist es laut Organisatoren zu zeigen, dass die Bar im Quartier weitgehend befürwortet werde. «Wir zeigen, was die Anwohnerinnen und Anwohner tatsächlich wollen», schrieb der «Verein am See» im Aufruf zur Aktion.

«Die Zwischennutzung wird vehement durch drei Einzelpersonen bekämpft», schreibt der Verein, der zur Vertretung der Quartierbevölkerung im Rahmen der städtischen Zwischennutzung gegründet wurde, in einem am Donnerstagabend verschickten Communiqué weiter. «Lediglich die wenigen, aber prominent weibelnden Mitglieder der IG Egelsee bemühen die Berner Amtsstuben mit Einsprachen, Beschwerden und Anzeigen.»

Gegnergruppe oder Einzelkämpfer?

Die Interessengemeinschaft (IG) Egelsee gilt als treibende Kraft hinter den Einsprachen und Beschwerden gegen die Bar. Von der IG wird jedoch schon lange gemunkelt, dass sie nicht die breit abgestützten Interessen eines Teils des Quartiers, sondern allein die Vorzüge einzelner Anwohnenden vertrete. Auf Anfrage sagte Yvonne Prieur von der IG am Donnerstag dem «Bund», die Gruppe habe mehr als nur zwei oder drei Mitglieder und wachse stetig. Mit der Behauptung, die Bar-Gegner beschränkten sich auf wenige Individuen, wolle der «Verein am See» diese mundtot machen. «Wir lassen uns nicht auf dieses Niveau runter. Deswegen haben wir auch bewusst beschlossen, die Mitgliederzahl der IG nicht zu nennen.»

Einen Hinweis auf das Ausmass der Widerstandskräfte gegen die Sommerbar gibt jedoch der Entscheid der bernischen Volkswirtschaftsdirektion, die den Testbetrieb der Bar 2017 nachträglich für unzulässig erklärte. Diesen hat die IG Egelsee auf ihrer Webseite veröffentlicht. Unter den erfolgreichen Beschwerdeführenden wird jedoch nicht die IG, sondern neben Prieur drei weitere Privatpersonen und der Angelfischerverein Bern aufgeführt.

Der Angelfischerverein hat laut Angaben des Präsidenten Ronald Sonderegger rund 165 Mitglieder aus dem ganzen Raum Bern. «Wir sind nicht generell gegen die Beiz, sondern gegen den Druck auf die Gewässer», sagt er. Der Egelsee sei ein kleines Ökosystem, der durch Licht, Lärm und Abfall vom Aussenbetrieb der Bar gestört werde. «Uns ist wichtig, dass das Gesetz, insbesondere die Wasserschutzgesetze, eingehalten wird», sagt Sonderegger. Für die Zwischennutzung setze sich die Stadt Bern über die Rechtsordnung hinweg. «Das geht so nicht. Wir leben in einem Rechtsstaat, und es muss nicht jeder Platz belebt werden.»

Fehlende Begegnungsorte

Der «Verein am See», der sich für die Bar einsetzt, hat rund 140 zahlende Mitglieder. Vanessa Kaeser vom Verein verneint, dass die Stadt die Egelsee-Bar «durchdrücken» wolle. «Von Anfang an waren es Quartierbewohner, die einen Begegnungsort auf dem Areal des alten Entsorgungshofs wollten», sagt sie. Zu diesem Zweck sei man bereits vor Jahren auf die Stadt zugegangen. Fragen zum Naturschutz und Berichte der städtischen Fachstelle Natur habe man immer berücksichtigt. Da nur eine kleine Ecke des Sees von Licht und Lärm betroffen sei, habe das Amt die ökologischen Auswirkungen als unbedenklich beurteilt. Dem Angelfischerverein sei die Stadt mit verschiedenen Massnahmen, etwa gesperrten Uferzonen, entgegengekommen.

Der Flashmob richte sich nicht gegen die IG Egelsee, sondern solle zum Ausdruck bringen, dass man aus dem Unort Entsorgungshof etwas machen wolle. «Mundtot» wolle man niemanden machen. «Ich schätze Frau Prieur als engagierte Quartierbewohnerin, die wichtige Fragen im Zusammenhang mit Partizipationsprozessen im Allgemeinen aufwirft», sagt Kaeser. Prieurs Fokus liege aber momentan eher auf verhindern als auf entwickeln. «Um so eine kleine Parzelle müsste es nicht so ein grosses Gestürm geben», so Kaeser. Man spüre aber, dass im Quartier 4 die Begegnungsorte fehlten. «Darum wünschen sich die Leute diese Zwischennutzung.»

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