Durchbrüche und Rückschläge

Die Cloud, Netflix und das mobile Internet haben in diesem Jahr Fortschritte gemacht. «App-Ökonomie und Verschlüsselung kamen in Bedrängnis.

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Alle Fotos bei Google – alle!Die Cloud

Gibt es etwas Schlimmeres, als seine Fotos zu verlieren? Ja. Wenn die ­Fotos zwar noch da sind, aber man sie nie anschaut. Google Fotos ver­hindert für mich beides: den Verlust und das Verschwinden in der Ver­senkung.

Ich sichere meine Fotos schon seit Jahren in der Cloud. Allerdings nur die Handyfotos. Mit Google Fotos habe ich nun alle meine Digitalfotos seit 1999 in der Cloud deponiert. Das Hochladen hat zwar mehrere Tage gedauert, aber es war die Warterei wert. Google hat mir das digitale Fotoalbum gemacht, für das ich nie Zeit, Lust oder die Geduld hatte. Dank der künstlichen Intelligenz, die die Bilder automatisch verschlagwortet, finde ich Fotos, die vor Jahren gemacht wurden, sofort und auf jedem Gerät. Wenn mir jemand nicht glaubt, wie toll mein Pizzastein für den Grill ist, starte ich eine Suche nach «Pizza» und kann sogleich Beweisfotos vorzeigen. Und eben: Selbst musste ich nie nur ein einziges Bild mit Stichworten versehen.

Dank der Ortssuche finde ich auch alte Ferienfotos und mit der optionalen Gesichtssuche sind auch längst vergessene Familienfotos wieder auffindbar. Haben wir Besuch, kann ich Bilder über den Chromecast auf den Fern­seher übertragen. Und ­neuerdings gibt es auch gemeinsame Ordner. Damit können etwa alle ­Teilnehmer eines Wanderausflugs anschliessend ihre Fotos mit wenigen Klicks austauschen.

Sowieso ist die Bedienung von Google Fotos so einfach, dass selbst Smartphone-Neulinge schnell auf den Geschmack kommen. Wer auf seinem Handy zu wenig Speicherplatz hat, kann direkt aus der App heraus alle in der Cloud gesicherten Fotos auf dem Handyspeicher löschen. Was das digitale Fotoalbum angeht, hat die Cloud gewonnen. Und zwar auf ganzer Linie. (zei)

Erfolgsmodell für wenigeApp Stores

Der Umsatz, den mobile Apps erzielen, wächst rasant. 10 Milliarden hat Apple 2014 an die Entwickler ausgeschüttet – das ist mehr Geld, als Hollywood mit seinen Filmen in den USA verdient. Dieses Jahr dürften die Einkünfte noch höher liegen. Der App Store hatte im Sommer einen neuen Quartalsrekord aufgestellt, wie Tim Cook gegenüber Analysten sagte.

Der App Store ist übers Ganze gesehen eine Erfolgsgeschichte. Für den einzelnen Entwickler präsentiert sich die Situation jedoch weniger rosig: «Das Wachstum bei den direkten Einnahmen aus den App Stores geht zurück», stellte Marktforscher VisionMobile fest. Grund dafür ist der zunehmend härtere Konkurrenzkampf. Immer mehr Entwickler bieten in den Stores ihre Apps an. Nur wenige, sehr erfolgreiche Softwareprodukte werden überhaupt noch wahrgenommen. 17 Prozent aller Entwickler erzielen mit ihren Apps überhaupt keinen Umsatz, 18 Prozent generieren weniger als 100 US-Dollar pro Monat, und 17 Prozent nehmen weniger als 1000 US-Dollar pro Monat ein.

Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Entwickler ist weit von einem existenzsichernden Einkommen entfernt. Die App Stores schaffen zwar ein Ökosystem, das Verdienstmöglichkeiten für Entwickler verspricht. Doch die Betreiber der Stores – Apple und in vergleichbarer Weise auch Google – tun zu wenig, damit aus der «App economy» ein stabiler Wirtschaftszweig wird.

Was wäre für 2016 nötig? Sinnvoll wären kostenpflichtige Updates und ein Miet- oder Abomodell für Programme, die teuer im Unterhalt sind oder rasant weiterentwickelt werden. Und vor allem müssten Apple und Google den Store-Kunden vermitteln, dass gute Software ihren Preis hat. Also weg von der Gratismentalität. Sie führt dazu, dass die erfolgreichsten Apps kostenlos sind und ihre Umsätze mit In-App-Käufen erzielen – gelegentlich mit Methoden, die an Nötigung der Kundschaft grenzen. (schü.)

Netflix wurde zum Alltag Film und Musik

2015 war für mich das Jahr von Netflix. Der Videodienst hat bei Filmen das Gleiche geschafft wie Spotify vor vier Jahren bei der Musik. Habe ich früher regelmässig Filme heruntergeladen, ist mir das praktisch verleidet. Hin und wieder liess es sich im vergangenen Jahr dennoch nicht vermeiden. Beispielsweise bei einer neuen Staffel von «Game of Thrones». Aber im Grossen und Ganzen hat mich Netflix mit seinem Komfort von Pirate Bay, Popcorn Time und Co. fern­gehalten. Die Annehmlichkeiten fangen mit der hervorragenden App an. Egal, mit welchem Gerät ich Netflix nutzen will – es funktioniert. Ich streame von Apples iPad über Googles Chromecast auf meinen Samsung-Fernseher: kein Problem.

Auch auf dem Surface mit Windows 10 macht Netflix eine gute Figur. Ja selbst auf dem Handy im Zug unterwegs von St. Gallen nach Zürich kann ich ohne Unterbrüche Jessica Jones ­ bei der Jagd nach dem mysteriösen ­Kilgrave zusehen.

Und das ist das zweite Argument für Netflix: die Eigenproduktionen. Der Streamingdienst bietet nicht jeden neusten Kinofilm und jede neue Serie («Mr. Robot», «Gotham» oder eben «Game of Thrones») an. Aber dafür gibt es herausragende Eigen­produktionen. «Jessica Jones» ist nur das letzte Beispiel einer langen Reihe. Die vielen Auszeichnungen und Nominationen zeugen davon. Zugegeben, Netflix macht auch Filme mit Adam Sandler. Aber anders als im traditionellen Fernsehen muss die niemand schauen. Es gibt immer eine Alternative.

Darum haben wir zu Hause seit diesem Jahr auch keinen Kabelanschluss mehr – der Bedarf für klassisches lineares Fernsehen ist nicht mehr vorhanden. Mit Netflix ist man in der Tat sein eigener Programmchef, so wie uns das versprochen wurde. Für gelegentliche Live-Ereignisse reichen Zattoo oder Wilmaa allemal aus. (zei)

Immer und überall im NetzMobiles Internet

2015 ist das Jahr, in dem das mobile Internet endgültig den Durchbruch schaffte. Der Netzausbau mit dem schnellen LTE-Datennetz ist zwar nicht so gut, wie wir Konsumenten uns das wünschen würden. Die Funklöcher lauern weiterhin immer genau am falschen Ort. Aber sie werden zahlenmässig weniger. Dafür macht der Smartphone-Akku nun nicht mehr gleich schlapp, wenn man datenintensive Dienste nutzt. Und vor allem: Die Abos mit grossen und unbegrenzten Datenvolumen sind bezahlbar geworden. Flatrate-Angebote sind ab ungefähr 30 Franken erhältlich. Wer unterwegs Spotify oder sogar Netflix nutzen will, kann das inzwischen tun – ohne riesige Kosten befürchten zu müssen.

Die mobile Freiheit öffnet neuen Diensten Tür und Tor: zum Beispiel Periscope. Apple hat diese App zum Abräumer des Jahres gekürt. Mit ihr kann jedermann per Smartphone live auf Sendung gehen, wo immer ein mobiles Datennetz in Reichweite ist. Alle Handybesitzer haben ihr eigenes CNN in der Hosentasche. «Vergesst das Fernsehen!», behauptete «MacWorld» vor kurzem. Periscope lässt manche von einer neuen Form des Bürger­journalismus träumen, der nun auch televisionär um sich greift – Youtube, aber mit der Unmittelbarkeit eines Echtzeitmediums wie Twitter. Andere sehen einen erneuten Siegeszug der Selbstdarsteller, die einen weiteren Kanal zur Verbreitung ihrer Belang­losigkeiten zur Verfügung haben.

Doch gleichgültig, ob Periscope ein weiterer sozialmedialer Meilenstein oder ein Rohrkrepierer wird – das mobile Internet ist nicht aufzuhalten. Das haben Publizistikwissenschaftler der Universität Zürich kürzlich herausgefunden: Das Internet ist nun die wichtigste Informationsquelle überhaupt. Die Frage, wie lange man sich darin aufhält, hat vor zehn Jahren die Gemüter noch bewegt. Heute gibt es von vielen Leuten nur noch ein Schulterzucken und eine lapidare Antwort: immer! (schü.)

Der Ruf nach HintertürenVerschlüsselung

Nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» im Januar hatte der britische Premier David Cameron gefordert, den Terroristen sichere Kommunikationsmittel zu verweigern. Im Sommer 2015 rief FBI-Chef James Comey bei einer Anhörung im US-Senat nach Hinter­türen in Verschlüsselungsprodukten. Das würde das «going dark»-Problem lösen, bei dem Ermittlungsbehörden im Dunkeln tappen, weil sie chiffrierte Kommunikation nicht abhören ­können. Ex-CIA-Chef James Woolsey ging sogar so weit, Snowden für die Anschläge von Paris im November verantwortlich zu machen. In Frankreich seien ­Menschen gestorben, weil die Geheimdienste wegen des Whistleblowers nicht mehr so arbeiten können, wie sie arbeiten müssten.

Es ist nicht wegzudiskutieren, dass die Verschlüsselung die Arbeit der Ermittler und Geheimdienste erschwert. Es ist aber auch eine Tat­sache, dass eine Hintertür nie nur den «Guten» offensteht. So geschickt sie auch getarnt ist, früher oder später wird sie von feindlichen Geheimdiensten, Terroristen, Cyberkriminellen oder neugierigen Teenagern entdeckt. Ein Softwareprodukt ist entweder sicher für alle – oder angreifbar durch jeden.

Auch Politiker, Schlapphüte und Ermittler sollten die Diskussion um Hintertüren für 2016 endgültig ad acta legen und zur Einsicht gelangen, dass unsere digitalisierte Gesellschaft nur mit unangreifbaren Sicherheitsmechanismen funktioniert. Da geht es nicht nur um Datenschutz, sondern um das grundlegende Vertrauen in die Infrastruktur – nicht nur des Internets.

Denn wer würde noch bei Amazon bestellen, sein Geld elektronisch verwalten oder in ein über Computersysteme gesteuertes öffentliches Verkehrsmittel steigen wollen, nachdem gerade bekannt wurde, dass dem FBI sein Hintertür-Generalschlüssel ­entwendet wurde? (schü.)

Fotos: AFP, Bloomberg, Netflix, Getty Images, Keystone

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