«Die unnahbare Autorität am Pult - das war einmal»

Wieder Montag

Der Dirigent Martin Studer arbeitet mit Profis und Laien. Am Sonntag spielte er in der Berliner Philharmonie, am Mittwoch tritt er in Bern auf.

Martin Studer in Fahrt: Konzert gestern in der Berliner Philharmonie.

Martin Studer in Fahrt: Konzert gestern in der Berliner Philharmonie.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Gestern Sonntag hat Martin Studer im «Zirkus Karajani» dirigiert. So nennt die «Berliner Schnauze» die Philharmonie, das zeltartige Konzerthaus in der deutschen Hauptstadt, in dem Herbert von Karajan wirkte. Karajan und Studer in einem Atemzug: eine kühne Assoziation. Doch sie passt zu Studer, in dessen rast- und ruhelosem Kopf sich alles mit allem verbindet, auch auf dieser Tournee.

Geschickt verknüpft er «Jubiläen & Jubilare», wenn er mit den «Gala-Events» in Berlin auftritt und durch die Schweiz tourt. Eines ist der 300. Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach, berühmter Sohn des noch berühmteren Johann Sebastian. C. P. E. Bach arbeitete als Hofmusiker und Komponist beim Preussenkönig Friedrich dem Grossen. Der «Alte Fritz» spielte Flöte und komponierte Flötenkonzerte, eines wird auf der Tournee aufgeführt. Auch für das Konzert in Neuenburg hat Studer Jubiläen gefunden.

Weiter Horizont

150 Jahre, von 1707 bis 1857, war République et Canton de Neuchâtel mit Preussen verbunden, selbst dann noch, als es 1815 Mitglied der Eidgenossenschaft wurde. Weil Studer aus terminlichen Gründen den Pianisten Severin von Eckardstein für Neuenburg nicht verpflichten konnte, fand er Ersatz in Laurent Nicoud. Letzte Woche überraschte der junge «Neuenburger Pianist» das Publikum mit jazzigen Zugaben im Bach-Stil.

Studer gefällt das, denn er hat einen weiten Horizont - und als Dirigent eine lange Konzerterfahrung. Zwei Jahrzehnte führte er das Studentenorchester der Uni Bern, oft trat er mit ihm am Dies academicus auf. Die Leitung hat er inzwischen abgegeben. Dennoch bleibt er den Musikerinnen und Musikern verbunden, denn einige spielen im Also, dem Alumni- & Sinfornie-Orchester Uni Bern. Wieder andere machen im NZO mit, im Neuen Zürcher Orchester, das laut Studer zu mindestens einem Drittel ein Berner Orchester sei. Der Name werde jedoch nicht geändert, «denn sonst müssten wir beim Bekanntheitsgrad von vorne anfangen». Auf der NZO-Webseite heisst es über Studer: «Besitzt einen hervorragenden Ruf als Persönlichkeit mit grosser Begeisterungsfähigkeit, hervorragender Motivationskunst, vielseitigem Interesse sowie profunden Kenntnissen auf zahlreichen Gebieten.»

Griffige Affichen

Wer immer der Verfasser ist: Er teilt Studers Sinn für griffige Affichen. So hiess es auf dem ersten Datenblatt zur Tournee: Peter Lukas Graf, «Weltstar-Flötist (Solist)». Klassikkenner erinnern sich: Graf war vor der CD-Ära der Schweizer Flötist. «PeLuk», wie Studer den väterlichen Freund nennt, hat ihm den «Weltstar» ausgeredet: «Das bin ich doch nicht.»

Der Doyen ist 85-jährig geworden, auch das ein Jubiläum. Er sei eine grosse Persönlichkeit und wirke wie 65, so Studer. Graf gebe zu, dass Jungmusiker oft technisch brillanter seien, und manch früherer Konsi-Absolvent würde kaum die Aufnahmeprüfung schaffen. «Doch nicht selten fehlt die musikalische Tiefe, die Seele», räsoniert Studer. Umso wichtiger sei es, wenn Nachwuchskünstler mit Arrivierten spielen könnten. «Mit Graf in der Berliner Philharmonie: Davon werden die Jungen ihren Enkeln erzählen», schwärmt Studer.

Zwischen Scherzen und Maestro

Generationenübergreifende Projekte sind für ihn ein Leitmotiv. Gerne erinnert er sich, wie sehr er von den Kursen bei der Dirigentenlegende Antal Dorati profitierte. Studer hat als Gastdirigent in ganz Europa Erfahrungen gesammelt. Die Unterschiede zwischen Laienorchestern, semiprofessionellen und Profiklangkörpern kennt er genau. Laien spielten «auf Schlag» los, wenn der Dirigent den Taktstock senke, Profis begännen manchmal mit Verzögerung, was irritiere.

Der unnahbare Diktator am Pult sei passé. Orchestermusiker hätten heute ein viel höheres Niveau, weshalb das Verhältnis partnerschaftlicher sei. In Osteuropa sei das oft noch anders. So sei er in Rumänien einmal wie ein strenger Maestro alter Schule aufgetreten, «danach lief alles reibungslos». Man glaubt es fast nicht, denn Studer ist ein freundlicher Mensch. Für Gags lässt er sich gerne einspannen, wie kürzlich im Stadttheater Bern, wo er das musikalische Rahmenprogramm am «Schweizer Journalistenpreis» dirigierte - mit unvollständigem Orchester. Die Bläser seien auf einem US-Flughafen gestrandet, hiess es, sie spielten per Videokonferenz mit. Doch dann hob sich der Vorhang, und plötzlich waren sie da.

Der Bund

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