Die zwei Gesichter der Gu Kailai

Sie war einst die privilegierte Frau an der Seite des Politstars Bo Xilai, bald könnte sie zur verurteilten Mörderin werden: Wer ist die Frau, der in China der Prozess gemacht wird?

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Franziska Kohler@tagesanzeiger

Mit der 53-jährigen Ehefrau des ehemaligen Spitzenpolitikers Bo Xilai wurde heute kurzer Prozess gemacht: Nur einen Tag dauerte die Verhandlung, die gegen Gu Kailai in einem chinesischen Provinzgericht geführt wurde. Beobachter rechnen damit, dass Gu des Mordes am britischen Geschäftsmann Neil Heywood schuldig gesprochen wird. Wann das Urteil verkündet wird, ist noch nicht bekannt.

Von der privilegierten Ehefrau eines gefeierten Politstars zur verurteilten Mörderin: Es wäre ein tiefer Fall für Gu Kailai. Ob sie die Tat wirklich begangen hat oder ob sie das Opfer eines Machtkampfs innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KP) wurde, ist umstritten. Genauso umstritten wie die Person Gu Kailai selbst: Die einen zeichnen das Bild einer klugen, eleganten und charmanten Frau, andere beschreiben sie als skrupellos, berechnend und stets auf den eigenen Vorteil bedacht.

Von den Eltern und Geschwistern verlassen

Gu Kailai kam im November 1958 als jüngste von fünf Töchtern zur Welt. Ihr Vater war General Gu Jingsheng, ein prominenter Revolutionär in den Jahren vor der Machtübernahme der KP. Er besetzte danach zunächst verschiedene Posten in der Regierung, wurde aber im Zuge der Kulturrevolution gemeinsam mit seiner Ehefrau festgenommen und eingesperrt. Die vier ältesten Kinder wurden laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zur «Umerziehung» aufs Land gebracht. Die junge Gu, damals noch in der Grundschule, blieb allein zurück. Um durchzukommen, begann sie, in einer Metzgerei und einer Textilfabrik zu arbeiten.

Über die folgenden Jahre ihres Lebens ist nicht viel bekannt. Später absolvierte Gu ein Studium in Recht und Internationaler Politik an der Peking University. Den neun Jahre älteren Bo Xilai lernte sie 1984, mit Mitte zwanzig, bei einer Studienreise kennen. Er war damals Parteisekretär der KP und schon einmal verheiratet gewesen.

«Er ist ein Idealist, wie mein Vater»

Bo habe sie sofort fasziniert, erzählte Gu einst gegenüber chinesischen Medien. «Er ist ein Idealist, genau wie mein Vater», sagte sie. «Er lebte in einem kleinen, dreckigen Haus und offerierte mir Äpfel, die in einem Pappkarton auf dem Küchentisch standen. Und dann begann er, über seine Prinzipien zu sprechen.»

Drei Jahre nach ihrem Kennenlernen kam Sohn Bo Guagua zur Welt. Seine Eltern schickten ihn auf britische Eliteschulen, er studierte in Oxford und Harvard. Wo er sich heute, nach der Festnahme seiner Mutter und dem Fall seines Vaters, aufhält, ist nicht bekannt.

Während ihr Ehemann seine politische Karriere auf den Weg brachte, machte sich Gu einen Namen als erfolgreiche Anwältin. Sie eröffnete ein eigenes Anwaltsbüro in Peking und war an mehreren aufsehenerregenden Gerichtsprozessen beteiligt. Sie gilt ausserdem als erste Chinesin, die einen Zivilprozess in den USA für sich entscheiden konnte, als sie mehrere chinesische Firmen bei einem Prozess in Alabama vertrat.

«Attraktiv, charismatisch und witzig»

Als Bo Xilai 2007 Parteichef in der Stadt Chongqing wurde, gab seine Ehefrau ihre Kanzlei schliesslich auf – um nicht den Eindruck zu erwecken, sie könnte bei ihrer Arbeit von der Position ihres Mannes profitieren. «Sie hat so viel aufgegeben für mich», sagte Bo bei seinem letzten Auftritt in der Öffentlichkeit. Sie sei ihm immer beigestanden, «ich bin so dankbar für die Opfer, die sie für mich brachte». Andere sehen die Rolle von Gu nach ihrem Rückzug aus dem Berufsleben weniger verklärt: Sie habe hinter den Kulissen weiterhin Millionengeschäfte eingefädelt und durchgezogen.

Auch von der Persönlichkeit der heute 53-Jährigen lässt sich kein einheitliches Bild zeichnen. «Attraktiv, charismatisch und witzig» sei Gu gewesen, zitiert der britische Fernsehsender BBC einen amerikanischen Anwalt, der einst mit ihr zusammenarbeitete. Sie habe viel Wert auf ihr Äusseres gelegt, «immer trug sie Stöckelschuhe, Kleider, Strümpfe und viel teuren Schmuck», sagt ein ehemaliger Geschäftspartner. Wer sie auf der Strasse gesehen habe, sei automatisch davon ausgegangen, dass diese Frau extrem reich sein muss.

Abgezweigte Spesen und eine aussereheliche Affäre

Der britische Unternehmer Peter Giles Hall allerdings, der mit Gu Geschäfte gemacht hatte, wirft ihr Skrupellosigkeit vor. Sie habe mit seiner Hilfe ihre eigene Spesenrechnung fälschen wollen, um Geld für die Schulgebühren ihres Sohnes abzweigen zu können. Als er sich weigerte, habe sie die charmante Maske abgelegt und ihr wahres Gesicht gezeigt. «Sie sagte zu mir: ‹Falls du mich hintergehst – komm niemals wieder nach China zurück, denn du wirst das Gefängnis nicht mehr verlassen.›» Der Unternehmer berichtet ausserdem von einer Affäre, die Gu mit dem französischen Architekten Patrick Devillers gehabt haben soll. «Er hat immer ihre Hand gehalten», zitiert ihn die AP. Niemand habe ihnen geglaubt, dass sie nur Freunde seien.

Wer sich mit früheren Weggefährten der 53-Jährigen unterhalte, bekomme kein klares Bild, schreibt auch die AP: Es entstehe das Porträt einer Frau, die sich nach einem beschwerlichen Start ins Leben zur privilegierten Politikergattin hochgearbeitet habe – «fähig, ihren Charme spielen zu lassen, wenn die Dinge sich nach ihrem Willen entwickeln – aber auch schnell im Zuschlagen, wenn sie sich bedroht fühlt».

DerBund.ch/Newsnet

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