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Neuer Krimi von Peter BeutlerArsen und ein Schürzenjäger

Dreiecksgeschichte mit tödlichem Ausgang: Der Berner Krimiautor Peter Beutler rollt einen berühmten Berner Giftmordprozess aus den 1920er-Jahren auf.

Auf Schloss Burgdorf werden im Juli 1926 der Arzt Wendolin Roder und seine Geliebte wegen Mordes verurteilt.
Auf Schloss Burgdorf werden im Juli 1926 der Arzt Wendolin Roder und seine Geliebte wegen Mordes verurteilt.
Foto: Adrian Moser

Vor hundert Jahren stand auch in der Praxis eines Landarztes ein Giftschrank, der eine Flasche mit der Fowlerschen Lösung enthielt. Diese anorganische Arsenverbindung, benannt nach dem britischen Arzt und Apotheker Thomas Fowler, galt bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als probates Medikament bei verschiedenen Krankheiten. Gemäss Paracelsus entschied allerdings auch hier die Dosis über Heil oder Unheil.Der promovierte Berner Chemiker Peter Beutler, der in seinen akribisch recherchierten Kriminalromanen immer wieder reale Fälle aufgegriffen hat, wählt auch diesmal eine Geschichte, die sich tatsächlich 1925 zugetragen hatte – und zwar in Langnau im Emmental. Der Arzt Wendolin Roder und seine Praxisgehilfin und Geliebte, Laura Borelli, werden in seinem neuen Roman beschuldigt, Roders Frau Linda vergiftet zu haben.

Im Giftmordprozess vom Juli 1926 werden sie vom Geschworenengericht im Schloss Burgdorf zu je zwanzig Jahren Zuchthaus in den Strafanstalten Thorberg bzw. Hindelbank verurteilt. Die reale Causa ist als Fall «Riedel-Guala» nicht nur in die Geschichte berühmter Kriminalfälle, sondern auch in die Literatur eingegangen: Ernst Toller verarbeitete bereits 1932 den Stoff in seinem Schauspiel «Die blinde Göttin», und der Berner Hans Mühlethaler gestaltete ihn 1978 im Roman «Die Fowlersche Lösung».

Im Berner Staatsarchiv befinden sich mehrere Tausend Dokumente zum Fall, und die Schweizerische Nationalbibliothek gestattet im Lesesaal Einblick in sämtliche Presseartikel. Man kann daher eine Vorstellung gewinnen, durch welche Materialfülle sich Peter Beutler hindurchgearbeitet hat.

Wüterich sind alle Mittel recht

Keinesfalls sei der Ausgang des Romans verraten, der gleich zu Beginn mit der Verhaftung in Langnau aufwartet, danach zurückblendet und sich derart spannend aufbaut, dass man ihm zu verfallen droht. Nur dies: Es kommt im Dezember 1931 zu einem Revisionsprozess, der den Fall nochmals aufrollt und schliesslich zum Freispruch führt. Unter welchen Umständen jedoch Roders Gattin im Dezember 1925 gestorben ist, enthüllt sich erst dreissig Jahre danach – zu spät für die Angeschuldigten, sodass sich eine menschliche Tragödie erahnen lässt.

Ein Mord muss her, weil er seiner Karriere dient. Deshalb missachtet der Untersuchungsrichter das Prinzip der Unschuldsvermutung grob.

Was man aber früh bemerkt, ist die schlampige Untersuchung durch Friederich Wüterich, der seinen Namen zu Recht trägt (ohnehin hat der Autor die Namen der Romanfiguren gegenüber jenen der realen Protagonisten oft nur leicht verändert). Wüterich ist ein typisches Beispiel für Ämterkumulation: Er ist Regierungsstatthalter des Amtes Signau, Gerichtspräsident und Untersuchungsrichter in Personalunion. Die Liste seiner Verfehlungen ist lang: Wüterich stellt unzulässige Suggestivfragen, biegt Protokolle zurecht, beeinflusst Auskunftspersonen in seinem Sinn, unterlässt die Spurensicherung oder die Befragung sämtlicher Zeugen am Tatort. Ein Mord muss her, weil er seiner Karriere dient. Deshalb missachtet er das Prinzip der Unschuldsvermutung für den Arzt und seine Assistentin während der Untersuchungshaft grob. Mit Massnahmen aus dem finstersten Mittelalter setzt Wüterich alles daran, die beiden zu zermürben.

Geschlossene Gesellschaft

Aufschlussreich für die heutige Leserschaft ist das Bild, das Peter Beutler von der Mentalität im Emmental zu jener Zeit zeichnet. Diese geschlossene Gesellschaft mit ihren politischen Klüngeleien lässt Aussenstehende nur schwer in ihre Zirkel gelangen – und sie auch leicht wieder fallen. Sitte und Ordnung spielen im evangelikal geprägten Milieu eine zentrale Rolle. Daher ahndet man unzimperlich Verstösse gegen das Konkubinatsverbot. So kann ein Polizist auf höhere Weisung hin nachts um drei Uhr ins Schlafzimmer eindringen, um ein verdächtiges Paar in flagranti zu ertappen.

Er greift in seinen Büchern immer wieder kontroverse, reale Fälle auf: Der Berner Krimiautor Peter Beutler.
Er greift in seinen Büchern immer wieder kontroverse, reale Fälle auf: Der Berner Krimiautor Peter Beutler.
Foto: Adrian Moser

Der Autor ist in seinem kritischen Befund jedoch klug genug, nicht einfach sämtliche Vertreter der Berner Justiz einer Schwarz-Weiss-Zeichnung zu überlassen. Dazwischen treten Figuren auf, oft auch in Nebenbereichen, die Fairness walten lassen und sich korrekt verhalten. Auch Linda Roder ist kein Unschuldslamm innerhalb der Dreiecksgeschichte im Doktorhaus. Die Hauptfigur, der Arzt Wendolin Roder, agiert zwar als Schürzenjäger, Heiratsschwindler und Geldverschwender, der sich deswegen immer wieder Probleme aufhalstob er aber für seine Zwecke über Leichen ginge?

Peter Beutler: Langnauer Gift. Kriminalroman. Emons-Verlag, Köln 2021. 336 Seiten, 19.90 Fr.