Anwaltschaftliche Faustschläge für Flüchtlinge

Zwei junge Zürcher Anwältinnen unterrichten Asylsuchende im Fitboxen. Und bekommen so gleich selbst den Kopf frei.

Im Löwenbräu-Areal: Beim Fitboxen lernen die Flüchtlinge Selbstbeherrschung und Konzentration. Foto: Doris Fanconi

Im Löwenbräu-Areal: Beim Fitboxen lernen die Flüchtlinge Selbstbeherrschung und Konzentration. Foto: Doris Fanconi

Denise Marquard@tagesanzeiger

Zehnmal, dreissigmal, fünfzigmal hüpft Mohammed Reza mit dem Springseil. Dann legt er sich am Boden auf eine Gummimatte. Trainer Mohammed Tahchi, genannt Simo, klatscht in die Hände. Die Bauchmuskeln sind an der Reihe. Zuerst übt Reza alleine, dann mit seinem Nachbarn zusammen. Aus den Lautsprechern tönt Rap. Weiter gehts mit Liegestützen. Wieder klatscht Simo in die Hände. Fitboxen und Selbstverteidigung sind angesagt. Für Reza und die andern Flüchtlinge heisst das: 90 Minuten vergessen, woher sie kommen, wie sie hier leben – und dass sie auf ihren Asylentscheid warten.

Trainiert wird im Silo des Löwenbräu-Areals, einem der hippen Orte in Zürich. Hier wird der Wandel vom Industrie- zum Dienstleistungsquartier offensichtlich. Von der Decke hängen riesige Tanks, in denen früher Getreide lagerte. Die Firma «Raumzuerich» hat diese Lokalität ans Fitnesscenter Balboa untervermietet. Am Montag- und am Donnerstagabend stellen die beiden den Ort für das Projekt «Sportegration» gratis zur Verfügung.

Nicht einfach dreinschlagen

Hier können Asylsuchende sich sportlich austoben. Sie erhalten die nötige Ausrüstung und wenn nötig auch anderweitige Unterstützung wie zum Beispiel einen finanziellen Beitrag an die ÖV-­Tickets. Bei unserem Besuch sind 25 Asylsuchende anwesend, junge Männer aus Afghanistan, dem Iran und Eritrea. Die einen üben Schrittabfolgen, die anderen Schläge gegen Sandsäcke oder Pratzen – so heissen die gepolsterten Schlagpolster der Trainerinnen. Handgelenke werden eingebunden, Boxhandschuhe übergestreift. Niemand steht herum, alle wissen, was zu tun ist.

«Die Flüchtlinge haben sich uns anzupassen, und nicht wir uns ihnen.»Annina Largo, Anwältin und Fitboxtrainerin

Initiantinnen des Sportegration-Trainings sind zwei junge attraktive Frauen: Annina Largo und Piera Cerny. Im Hauptberuf sind sie Anwältinnen. 2016 verspürten sie wie andere den Wunsch, etwas Sinnvolles für Flüchtlinge zu machen. Die Frage war bloss, was. Largo ist Kickpower- und Fitbox-Trainerin. Irgendwann hatte sie die Idee, ihre sportlichen Ambitionen für Asylsuchende einzusetzen. Eins ergab das andere. Seit acht Monaten unterrichtet sie zusammen mit Piera Cerny und Mohammed Tahchi jeden Donnerstagabend im Silo Löwenbräu-Areal. Am Montag helfen jeweils noch andere Freiwillige, die Flüchtlinge zu trainieren.

Kampf den Vorurteilen

Die Migranten stehen Schlange. Alle wollen einmal gegen Largos Pratzen ihre Schläge einsetzen. Als einer mit besonders viel Kraft dreinschlägt, ruft die Trainerin Stopp. «Es braucht nicht einfach Kraft, du musst vor allem schnell sein», belehrt sie ihn. Largo zeigt immer wieder, wie es geht, sie ermuntert, sie kritisiert. Fitboxen hat viel mit Selbst­beherrschung und Konzentration zu tun. Wenn sie den Schlag oder die Bewegung gut machen, lobt Largo die Migranten. Dann huscht ein Strahlen über deren Gesicht.

«Es herrscht eine kameradschaftliche Stimmung», sagt ein Flüchtling aus Afghanistan. Obwohl geboxt wird, ist nichts von Machotum zu spüren, auch nichts von Anmache gegenüber den zierlichen Frauen. Die Vorbehalte kommen von aussen. «Warum bringt ihr den Flüchtlingen Boxen bei?», werden Largo und Cerny immer wieder gefragt. «Warum nicht?», fragen sie zurück. Man müsste Flüchtlingen viele Sportarten beibringen, damit sie auswählen können. «Unser Training hat nichts mit Kampf zu tun», antwortet Piera Cerny. «Es geht vielmehr um Fitness und Boxen.» Fitboxen ist für Largo Boxen ohne Gegner. «Es ist eine Möglichkeit, Selbstbeherrschung und Selbstverteidigung zu erlernen.»

Hemmschwelle für Frauen

Um zu zeigen, dass die positiven Auswirkungen des Fitboxens auch von Fachleuten anerkannt werden, verweist Cerny auf Johannes Ullrich vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Das Projekt Sportegration kann einen wertvollen Beitrag für die Gesundheit und soziale Integration der Asylsuchenden und Flüchtlinge leisten», sagt Ullrich. «Sie lernen, sich hier kompetent innerhalb gegebener Regeln zu bewegen, und erhalten die Möglichkeit, Schweizer Sportinteressierte kennen zu lernen.»

Das mit dem Kennenlernen ist vorläufig noch Wunschdenken. Die Hoffnung der beiden Frauen, dass auch Schweizerinnen und Schweizer mit den Flüchtligen trainieren und so den Austausch zwischen den Kulturen fördern, wurde bisher nicht erfüllt. «Es hat nicht funktioniert, weil das Training nicht öffentlich ist», sagt Cerny.

Für die Migrantinnen hingegen gibt es einen Grund, warum sie nicht teilnehmen: Für sie sei die Hemmschwelle aus kulturellen Gründen zu hoch. Als Trainerinnen hatten die Frauen mit den Migranten nie Probleme. «Wir haben uns von Anfang an so verhalten, als wäre es das Normalste der Welt», sagt Largo. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie nicht in kurzen Shorts auftreten. Ärmellose Leibchen tragen sie aber schon. «Die Flüchtlinge haben sich uns anzupassen – und nicht wir uns ihnen.» Und das Trainerteam besteht ja nicht nur aus den zwei Frauen, sondern es gehört auch ein Mann dazu: Simo, der Ehemann von Piera Cerny. Er spricht zudem Arabisch und Französisch.

Dass die beiden Frauen diesen Sport ausüben, hängt mit ihrem stressigen Job zusammen. Largo: «Wenn wir trainieren, können wir abschalten. Es geht uns gleich wie den Flüchtlingen: Wir lassen Dampf ab, um anschliessend relaxt und ausgeglichen zu sein.» Die beiden sind überrascht, wie kooperativ und engagiert die Migranten mit ihnen zusammenarbeiten.

Mit einem Stretching wird das Training beendet. Jeder räumt etwas weg. Im Nu sieht der Raum wieder aus wie zu Beginn. Die Migranten, die aus dem ganzen Kanton hierherkommen, eilen aufs Tram. Einer ist sogar aus Solothurn angereist. Es ist der aus Afghanistan stammende Rahmet. Er spricht schon sehr gut Deutsch und hat einen Nachtschicht-Job. «Mit dem Fitboxen kann ich dem Alltag entfliehen», sagt er. «Nach dem Training schlafe ich besonders gut.»

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