Angeln unter dem Nordlicht

Auf den norwegischen Lofoten, einer der schönsten Inselgruppen der Welt, findet dieses Wochenende wieder die Weltmeisterschaft im Kabeljaufischen statt. Blaskapellen werden spielen, und der Aquavit wird in Strömen fliessen.

Die Hauptstadt des Archipels: Im Hafen von Svolvær.

Die Hauptstadt des Archipels: Im Hafen von Svolvær.

(Bild: Ingrid Schindler)

«Smoke on the Water» dröhnt aus dem Lautsprecher der Iversen Jr. Bei starkem Kaffee, selbst gedrehten Zigaretten und fetziger Rockmusik der norwegischen Nachtsendung «Nightwishes» sticht Børge Iversen um Mitternacht in See. Früher fuhr sein Sohn auf dem 14 Meter langen Kutter zum Fischen mit hinaus, doch der arbeitet inzwischen auf einem Versorgungsschiff für Bohrinseln. Normalerweise legt Børge erst zwischen drei und vier Uhr morgens von Ballstad ab, doch für den nächsten Tag ist Sturm angesagt, also fällt die Nacht kürzer aus als sonst. An Land bleiben, das kommt für den 53-jährigen Seebären nicht infrage, denn der Skrei ist da!

Zwischen Anfang Februar und Ende April bestimmt der arktisch-norwegische Stamm des Kabeljaus den Lebensrhythmus der Fischer. Wenn der Winterkabeljau in dieser Jahreszeit aus der Barentssee zum Laichen zu den Lofoten hinunterzieht, dreht sich dort alles um den Fisch, der wegen seines schmackhaften, festen, fetten, saftigen Fleisches als Fisch der Fische gilt. Heute ist der Skrei der einzige Kabeljaustamm, dessen Bestände dank der Quotenpolitik der Norweger und Russen gesund sind. Das bestätigt der WWF und stuft den Verzehr von Kabeljau aus der Barentssee als unbedenklich ein.

Keine Wale mehr, dafür Adler

So wie früher, als sich der Fisch in unvorstellbaren Massen im Vestfjord und den Häfen im Süden der Lofoten tummelte, liegen die Dinge freilich nicht. Konnte man Ende des 19. Jahrhunderts, als der Skreifang bis zu 37 000 Fischer in die Lofotenhauptstadt Svolvær lockte, trockenen Fusses von Boot zu Boot durchs Hafenbecken spazieren, müssen die rund 3000 Berufsfischer heute auf die Nordseite der Inseln ins Nordmeer hinausfahren. Das liegt am Hering, der nicht mehr in den Vestfjord zieht. Und weil der Kabeljau den Hering frisst und der Orca den Kabeljau, kommt auch der Killerwal nicht mehr in den Vestfjord.

Deswegen sieht man auf den Orca-Safaris ab Svolvær keine Orcas mehr und muss sich mit dem Weissschwanz-Seeadler bescheiden. Dessen grösste Population lebt in den einsamen, 1000 Meter jäh aus dem Meer aufragenden Wänden der Lofoten. Mit seiner Leibspeise, tiefgekühltem Hering, locken Walsafari-Guides den Greifvogel umso leichter aus der Reserve. Der macht sich einen Spass daraus, in rasantem Tempo mit seinen über zwei Meter weit gespannten Flügeln dicht über die Touristenköpfe zu rauschen und im Sturzflug die Beute mit seinen Krallen aus dem Meer zu fischen.

Punktgenau peilt auch Fischer Børge Iversen nach dreistündiger Fahrt durch schwieriges Gelände seine zwei Tage zuvor vor Eggum ausgelegten Langleinen an. Acht Leinen von insgesamt sechs Kilometer Länge sind in einer Nacht abzuernten. Alle paar Meter hängt ein prächtiger Skrei am Haken. Der Fischer bohrt einen Enterhaken in die Kiemen, hievt den Fisch herauf, nimmt ihn vom Haken und wirft ihn an Bord. Einen nach dem anderen. Kaliber von 20, 30, ja sogar 40 Kilo sind darunter, bis zu 25-jährige Exemplare. Ist das obere Erntebecken gefüllt, stoppt er die Maschinen und macht dem Leid mit gezieltem Schnitt durch die Kiemen ein Ende, bevor die Fische im Bauch des Schiffs verschwinden. Dann beginnt das Prozedere von vorn. Einzige Abwechslung bieten das Nordlicht, das sich zaghaft in grünen Schleiern in der eisigen Polarnacht zeigt, und das Frühstück aus Kaffee, Butterbrot und Blaubeermarmelade.

Die Fischköpfe für Nigeria

Ungerührt arbeitet Børge weiter, bis um halb elf Uhr vormittags die letzte Haken abgeerntet, die Leinen wieder im Meer platziert sind. Er ist zufrieden, trotz Müdigkeit strahlt er übers Gesicht: «Ein guter Fang. Die lange Nacht hat sich gelohnt.» 2400 Kilo Kabeljau sind im Kasten. Das ist mehr als an anderen Tagen. Børge überschlägt: Bei 14 norwegischen Kronen pro Kilo Skrei bringt ihm der Fang umgerechnet 5000 Franken ein.

Im Hafen von Ballstad herrscht Hochbetrieb. Der lange Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Drei Stunden muss Børge warten, bis sein Kutter an der Reihe ist und die Ladung an der Fischfabrik gelöscht werden kann. Nun beginnt die Drecksarbeit: Fische köpfen, ausnehmen, säubern, Leber und Rogen beiseitelegen. Kinder verdienen sich in der Fabrik ein gutes Taschengeld: Sie schneiden den Köpfen Zungen, Backen und manchmal auch die Lippen aus – Delikatessen, für die man in Frankreich gutes Geld bekommt. «Die Fischköpfe selbst sind ausgezeichnete Proteinlieferanten», sagt Børge, «sie werden über London nach Nigeria verkauft.» Erst als der Fisch im Lastwagen verstaut ist, der ihn am selben Abend zu den Trockengerüsten bringt, ist für Børge Feierabend. Skreimølje, gekochter Skrei mit Rogen und Leber, gedämpften Karotten und Kartoffeln, kommt nun auf den Tisch.

Leber, Tran und Rogen waren das Lebenselixier der Lofotfischer zu Zeiten, als sie mit offenen Ruderbooten auf Kabeljaufang gingen und während der Skrei-Saison in erbärmlichen Hütten oder im Freien unter ihren umgedrehten Booten hausten. Die Hütten der Ruderer, die Rorbuer, bestanden häufig nur aus zwei Räumen. In dem einen schliefen, kochten und flickten bis zu 16?Mann ihre Netze, im anderen lagerten das ganze Fischergerät, die Netze und die Vorratskisten.Heute sind die pittoresken, rot angestrichenen Rorbuer begehrte Ferienhäuser, die an Touristen vermietet werden. Manche sind komfortabel ausgestattet, andere einfach, alle liegen am Meer, teilweise stehen sie auf Holzpfählen im Wasser. Die Rorbuer in und um Svolvær sind in diesen Tagen ausgebucht. Die Weltmeisterschaft im Kabeljauangeln steht bevor. Hobbyangler aus ganz Europa reisen an, um ein skurriles Wettfischen auszufechten und zu feiern.

Trinken, tanzen, fischen

Das Kultereignis findet jeweils am letzten Märzwochenende in der Inselhauptstadt Svolvær statt. Am Freitag geht es darum, den grössten Fisch zu angeln, am Samstag den grössten Kabeljau – mit nur drei Haken. Die meisten Teilnehmer schliessen sich zu Mannschaften zusammen, mieten die kleinen Boote alter Fischer und versuchen im Austnesfjord, wohin die Orca-Safaris fahren, ihr Glück. Es geht lustig zu, Blaskapellen spielen, Aquavit fliesst in Mengen, es herrscht eine ausgelassene, feucht-fröhliche Volksfeststimmung.

Manche Berufsfischer nehmen die Freizeitangler auf ihren Booten mit hinaus, wenn sie das Ende ihrer Quote erreicht haben. Børge zum Beispiel. Touristen sind ihm willkommen; ganz ernst nehmen kann er sie nicht. Für ihn ist die Weltmeisterschaft eine Marketingidee, um die Betten in der Nebensaison zu füllen. Die Sportfischer tränken weit mehr, als sie fischten, und seien schon glücklich, wenn sie einen 10 Kilo schweren Fisch an der Angel hätten, meint der Profi amüsiert: «In einer Nacht fange ich mehr Kabeljau als 400 Wettkampfteilnehmer in zwei Tagen.»

Im Sommer bietet Børge inzwischen lieber Angelausflüge für Touristen an, als dem Hering in die Barentssee zu folgen. Ein paar einfache Rudererhütten vermietet er auch. Das Kabeljaufischen will er aber noch lange nicht aufgeben. Deswegen kämpft er als roter Gemeinderat gegen die Pläne von Statoil, in den Kabeljaugründen der Lofoten Bohrinseln zu errichten. Im April fällt die Entscheidung, ob das Öl kommt. «Dann wäre es mit der Fischerei vorbei», ist sich Børge sicher.

Aber weil die dramatische Inselgruppe – laut «National Geographic» eine der drei schönsten der Welt – seit mehr als 1000 Jahren mit dem Kabeljau engstens verbunden ist, versuchen die Ölgegner sie in die Welterbe-Liste der Unesco aufnehmen zu lassen. Dann kann die Weltmeisterschaft gern weiterhin ausgetragen werden. An diesem Wochenende findet sie zum 21.?Mal statt. Ein Angelschein ist nicht erforderlich.

Diese Reportage wurde von Falcontravel und Visit Norway unterstützt.

Hobbyangler aus ganz Europa reisen an, um ein skurriles Wettfischen auszufechten. Und um zu feiern.

Børge Iversen fischt seit 38 Jahren Kabeljau.

Im Hafen von Svolvær, der Hauptstadt des Archipels.Fotos: Ingrid Schindler

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt