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Songwriter mit posthumem ErfolgAn Covid-19 gestorben – jetzt an der Spitze der Charts

John Prine landet mit seiner allerletzten Aufnahme zum ersten Mal auf Platz 1 einer US-Hitparade. Ein überfälliger Triumph für den Songwriter, der zu den besten seines Fachs gehörte.

«I Remember Everything» heisst John Prines letzte Aufnahme. Dass sich einer der grössten US-Songwriter nicht an seinen grössten Charterfolg erinnern können wird – das passt zu Prine, der Anfang April an Covid-19 gestorben ist und jetzt an der Spitze der Billboard Charts steht, das könnte eine Geschichte aus einem seiner Lieder sein.

Trockener Humor, ein feines Einfühlungsvermögen in randständige Figuren und ein poetischer Schreibstil waren Prines Markenzeichen. 50 Jahre lang schrieb und sang der Amerikaner seine Lieder. Gefährten wie Bruce Springsteen und Bob Dylan rühmen ihn seit Jahren. Auf seinem letzten Album erweisen ihm aktuelle Grössen der amerikanischen Folk- und Countryszene die Ehre. Und als Prine am 7. April dem Coronavirus erlag, ehrten ihn die Kritiker als einen der besten Songwriter der USA.

Doch ein Charterfolg blieb ihm zeitlebens verwehrt. Und jetzt führt der Mann mit der rauen Stimme und dem sanften Blick mit «I Remember Everything» die digitale Rock-Rangliste der US-Charts an.

«John schreibt so gute Lieder, dass wir ihm wohl die Daumen brechen werden müssen.»

Kris Kristofferson über John Prine

Entdeckt wurde Prine vor bald 50 Jahren von einem Mann, der heute noch regelmässig in der Schweiz auftritt. Sänger und Schauspieler Kris Kristofferson erinnert sich, wie er Prine im Jahr 1971 erstmals in einer Bar sah: «Am Ende der ersten Zeile war klar, dass das etwas Aussergewöhnliches war.» Damals bereits arriviert, meinte Kristofferson zu einem Kollegen, Prine schreibe so gut, «dass wir ihm wohl die Daumen brechen werden müssen».

Prine ist hierzulande weniger bekannt als Kristofferson, Springsteen oder Dylan – aber eine Entdeckung wert. Wir machens Ihnen einfach und haben aus den knapp 30 Alben drei Songs ausgewählt, welche die Tür zum Universum dieses Songwriters öffnen.

Hören Sie sich diese 3 Songs von John Prine an

1971 machte Prine mit seinem Debütalbum auf sich aufmerksam. «Sam Stone» wurde zur Hymne der Vietnamveteranen, die zu Hause den Tritt nicht wiederfinden und den Drogen verfallen. Mit der Zeile «There’s a hole in daddy’s arm where all the money goes» zeigte Prine sein seltenes Können: einen rührenden, aber nie kitschigen Blick in die menschlichen Abgründe.

Auf demselben Album finden sich Lieder, die sein aussergewöhnliches Empathievermögen zeigen: «Angel from Montgomery» schreibt Prine aus der Perspektive einer Frau, «Hello in There» über alte Menschen, die man doch einfach laut begrüssen solle, damit sie nicht noch mehr vereinsamen. Eine aussergewöhnliche Haltung für einen 24-Jährigen. – Doch es geht nicht nur düster zu bei diesem Liedermacher.

Ein Mann, den seine Frau erwischt, wie er an ihrer Unterwäsche schnüffelt; eine Frau, die ihre Beine enthaart und dabei lauthals flucht: Das Personal in «In Spite of Ourselves» von 1998 ist nicht sonderlich romantisch. Doch die beiden lieben und zanken sich innig, wie man das tut, wenn die Phase der Verliebtheit vorüber ist – und man trotz aller Keiferei todsicher ist, dass man in den richtigen Händen ist. Das ist wahre Liebe, das ist wahre Kunst.

Auf seinem Abschiedsalbum «Tree of Forgiveness» zeigt er ebenfalls, wie Humor und Countrymusik zusammengehen: In «When I Get to Heaven» stellt Prine, der jahrzehntelang rauchte und nach einer Krebsoperation 2013 damit aufhören musste, sich vor, wie er im Himmel eine kilometerlange Zigarette bekommt – und einen Cocktail dazu.

Höhepunkt dieses letzten Albums ist aber «Summer’s End». Eine dieser wunderschönen, aber tieftraurigen Balladen, wie sie nur John Prine schreiben konnte. Und die zeigen, wie meisterhaft er das tat. Lange merkt man gar nicht, worum es in dem Song eigentlich geht – der Sommer wird verabschiedet, Badekleider hängen an Leinen, ein Schatten gleitet über die Decke, und dann weht Schnee in ein offenes Autofenster – und schon sind wir in der Opioid-Krise, der Zehntausende Amerikaner zum Opfer gefallen sind.

In den Kommentaren unter dem Youtube-Video finden sich Dutzende rührende Einträge von Menschen, die Angehörige verloren haben und im Lied Trost finden. Das ist vielleicht das Vermächtnis des Menschenfreunds John Prine: Seine Lieder zaubern seinen Hörern ein Lächeln ins Gesicht, über das eben noch eine Träne floss.