Am Ufer des Greifensees liegt ein Dorf über dem anderen

Kinderrasseln und Handschellen aus der Steinzeit: Für Archäologen ist der Greifensee ein Paradies.

. . . das Ried am südlichen Ende des Greifensees bis in die Neunzigerjahre ein Acker war, auf dem Kartoffeln angepflanzt wurden – und dass dort heute wilde Orchideen wachsen? . . . der Berufsfischer Zollinger in Riedikon jedes Jahr Besuch von einem schwarzen Storch erhält? . . . die Altersringe eines Baums über seinen Jahrgang Auskunft geben? Dank der unterschiedlich harten Winter entsteht ein natürlicher «Strichcode». So weiss man, dass ein Pfahl aus einer Hombrechtiker Siedlung im Jahr 2352 vor Christus gefällt wurde. . . . man früher glaubte, dass sich der Hausrotschwanz, ein bei uns heimischer Singvogel, im Winter in ein Rotkehlchen verwandelt? Erst als die Menschen begannen, ausgedehntere Reisen zu unternehmen, stellten sie fest, dass der Hausrotschwanz die Wintermonate am Mittelmeer verbringt. (mep) Von Melanie Pfändler Mönchaltorf/Uster – Idyllische Landschaft, breites Kultur- und Sportangebot, zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten und gute ÖV-Verbindungen nach Zürich – die Gemeinden um den Greifensee geniessen unter Mietern und Häuslebauern einen ausgezeichneten Ruf, und das schon viel länger, als man vermuten würde: Bereits vor Tausenden Jahren, als Kinos, Inlineskates und S-Bahnen noch in weiter Ferne lagen, war die Gegend ein beliebtes Wohngebiet. Steinzeitsuppe mit Speck Am Sonntag gewährten die Greifensee-Stiftung und die Kantonsarchäologie einen Einblick ins Leben der Menschen, welche die Ufer des Greifensees damals schon schätzten: die Pfahlbauer. In der Naturstation Silberweide informierte eine vielfältige Ausstellung über die Epoche. Die Besucher durften selber Mehl mahlen, einer Töpferin über die Schulter gucken und eine Sammlung von Fundstücken unter die Lupe nehmen. Darunter befanden sich unter anderem eine steinerne Rasierklinge, Handschellen und eine Kinderrassel. «Über den Nutzen dieser Geräte können wir allerdings nur Vermutungen anstellen», räumte Kantonsarchäologe Markus Graf ein, «vielleicht hat die Rassel auch ein Schamane verwendet, um sich damit in Trance zu versetzen.» Mutige Besucher durften sogar kosten, wie das Mittagessen ihrer Oberländer Vorfahren geschmeckt haben dürfte: Über offenem Feuer brodelte eine echte Steinzeitsuppe, gebraut aus Getreide, Sellerie, Rüebli und Speck. Historischer Spaziergang Zwei zweistündige Exkursionen boten die Möglichkeit, die Pfahlbauersiedlungen am Ufer des Greifensees unter fachkundiger Leitung zu besichtigen. Wer sich auf morsche Holzhäuschen oder Steinruinen gefreut hatte, wurde allerdings enttäuscht. «Leider kann man von den Fundstellen gar nichts sehen», warnte Markus Graf schon im Voraus, «sie liegen ausserhalb des Schilfgürtels im Wasser.» Aber meistens sei der Weg ja sowieso spannender als das Ziel, fügte Graf hinzu, und teilte die Strecke von der Silberweide nach Riedikon in sieben Etappen auf. Jede Zwischenstation nutzte er für einen historischen Exkurs. Die Umweltingenieurin Vera Zahner, die sich für die Stiftung Greifensee als «Greifensee-Rangerin» um den Schutz des Seeufers kümmert, ergänzte Grafs Ausführungen mit naturwissenschaftlichem Fachwissen. So erfuhren die Teilnehmer spannende und lustige Fakten über die Region (siehe Kasten). Auf dem Vogelbeobachtungsturm in der Nähe des Aaspitzes überraschte Graf seine Zuhörer mit der Bemerkung, dass sie sich an dieser Stelle vor einigen Tausend Jahren noch mitten im See befunden hätten: Als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit zurückzogen, rissen sie tiefe, mit Wasser gefüllte Furchen in den Boden – den Greifensee und seinen grossen Zürcher Bruder. Der Greifensee reichte damals von Fällanden bis weit in die Gemeinde Mönchaltorf. Bereits in der Mittelsteinzeit lebten Jäger und Sammler in der Nähe des Greifensees. Als sich zwischen 4000 und 3000 vor Christus die ersten Bauern niederliessen, war die gesamte Gegend dicht bewaldet. Nur am Seeufer konnten die Pfahlbauer ihre Dörfer errichten, ohne grossflächige Rodungen vorzunehmen. Zehn Siedlungen haben die Archäologen bis heute aufgespürt. Doch unterhalb der Riedikerstrasse gäbe es noch einiges zu entdecken, davon ist Markus Graf überzeugt: «Da, wo früher die Ufer waren, würde es sich wirklich lohnen zu suchen.» Zudem finde man an einem Fundort typischerweise mehrere Siedlungen aufs Mal: Da der See regelmässig über die Ufer trat, wurden ganze Dörfer überflutet und dem Erdboden gleichgemacht. Doch davon liessen sich die greifenseebegeisterten Pfahlbauer nicht abschrecken: Immer wieder kehrten sie an seine fruchtbaren Ufer zurück. Ihre neuen Häuser bauten sie jeweils auf die alten drauf.

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