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Ärgerliche Thuner NiederlageAls die Thuner erwachen, ist es zu spät

Zuerst lässt sich der FC Thun in St. Gallen nach Belieben dominieren, dann zeigt er Moral. Trotzdem verlieren die Oberländer 2:3.

St. Galler Jubel – Thuner Frust: Ehe Ridge Munsy (rechts) noch positiv in Erscheinung treten sollte, ist die Partie bereits vorentschieden.
St. Galler Jubel – Thuner Frust: Ehe Ridge Munsy (rechts) noch positiv in Erscheinung treten sollte, ist die Partie bereits vorentschieden.
Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Als alles vorbei ist, geht Simone Rapp auf Peter Zeidler zu. «Trainer, fünf Minuten länger, und ich hätte noch einen gemacht», sagt der Thuner Stürmer zum St. Galler Coach. Zeidler erzählt diese Anekdote nach dem Spiel, dann beginnt er zu schmunzeln und meint: «Und ich hab ihm das abgenommen.»

Es mag den Thunern schmeicheln, wenn Zeidler sie als gute Mannschaft rühmt, die nie aufgibt. Aber Punkte gibt es dafür keine. Denn am Ende gewinnt St. Gallen 3:2 und bleibt damit im Gleichschritt mit Leader YB. Derweil die Oberländer nicht vom Tabellenende wegkommen und sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, eine gute Chance verspielt zu haben. «Wir haben uns nicht zugetraut, von Anfang an gleich aufzuspielen wie gegen YB», sagt Thun-Trainer Marc Schneider. Hatte sein Team im Derby noch während 90 Minuten kämpferisch überzeugt und entgegengehalten, war davon in der Ostschweiz lange nichts zu sehen.

Munsy trifft und trifft

Zwei Dinge stellt der FCSG in diesem Rencontre von Anfang an klar. Erstens: Rassismus wird nicht toleriert. Nachdem der Zürcher Stürmer Aiyegun Tosin am Donnerstag von einem Zuschauer als «Scheiss-Mohrechopf» und «Scheiss-N...» beschimpft worden war, reagierte der Club. Auf Werbebanden prangt Grün auf Weiss und Weiss auf Grün das Statement: No to racism. Zudem wollen die St. Galler Strafanzeige gegen den fehlbaren Fan einreichen.

Zweitens: Auf dem Platz machen die St. Galler klar, dass das 0:4 gegen den FCZ in die Kategorie Ausrutscher einzuordnen ist. Keine 13 Minuten sind gespielt, da führen sie nach Treffern von Silvan Hefti und Cedric Itten schon 2:0. Beide Male sieht Thun-Goalie Guillaume Faivre dabei nicht gut aus. Zuerst irrt er nach einem Corner im Strafraum umher, dann zögert er beim Hinauslaufen, was Itten ermöglicht, sich die Ecke auszusuchen. Allerdings verdient sich Lukas Görtler beim zweiten Tor ein Sonderlobmit seiner Flanke düpiert er die gesamte Thuner Hintermannschaft. Greifen die St. Galler schnell an, wackeln die Thuner gehörigund in der ersten Halbzeit wird praktisch Einbahnfussball gespielt. Als schliesslich Jordi Quintillà mit einem sehenswerten Freistoss zum 3:0 trifft (42.), scheint die Partie entschieden.

Doch in der Pause spricht Schneider seinen Spielern ins Gewissen: «Jungs, hier kannst du punkten. Aber du musst die Zweikämpfe annehmen und mehr nach vorn verteidigen.» Seine Botschaft unterstreicht er mit einem Dreifachwechsel: Nikki Havenaar kommt für Nicola Sutter, Nias Hefti für Chris Kablan und Simone Rapp für Hassane Bandé. Und siehe da, plötzlich nehmen die Thuner am Geschehen teil. Und natürlich spielt Ridge Munsy diesbezüglich eine Hauptrolle. Zuerst trifft er den Pfosten (56.) dann das Tor (61.). Womit der Stürmer nun in den letzten sechs Partien immer reüssiert hat. Ist er auch im nächsten Spiel erfolgreich, egalisiert er den Rekord von Mauro Lustrinelli. Der Tessiner traf in der Saison 2004/2005 in sieben aufeinanderfolgenden Meisterschaftsspielen.

Was nicht unerwähnt bleiben darf: Im gleichen Mass, wie die Thuner aufbauen, bauen die St. Galler ab. Das ermöglicht den Gästen, Nadelstiche zu setzen. Wobei sie damit auch Pech bekunden: Leonardo Bertone trifft die Latte (65.), Nikki Havenaar den Aussenpfosten (76.). Und als Rapp den Ball doch noch im Tor unterbringt, läuft bereits die 92. Minute.

Der Unterschied zu einer Spitzenmannschaft

Zehn Spiele stehen für den FC Thun nun noch bevor. Und damit genügend Möglichkeiten, den Ligaerhalt zu sichern. Zumal die Oberländer in diesen ersten drei Partien nach der Corona-Pause gezeigt haben, dass die Moral intakt ist. Nur genügt es nicht, wenn diese aufsässige, aggressive Spielweise nur in Teilzeit praktiziert wird. Das sei der Unterschied zu einer grossen Mannschaft, die in jedem Spiel von Anfang an entschlossen auftrete, sagt Schneider. «Es liegt nur an uns, den Stolz auf den Platz zu bringen. Bringen wir das hin, ist ein Schritt für die letzten zehn Spiele gemacht.»

Beweisen können sie das bereits am Mittwoch, wenn der formstarke FCZ in der Stockhorn-Arena gastiert. Allerdings müssen die Thuner dabei auf Miguel Castroman und Stefan Glarner verzichten, die beide eine Gelbsperre abzusitzen haben. Die Herausforderungen werden Schneider und seinem Team gewiss nicht ausgehen.