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Glosse über den Corona-Sommer Als die Natur kurz wieder schön war

Während der Corona-Krise konnte sich die heimische Flora und Fauna endlich erholen. Dabei hat sich ein ganz besonderes Wesen wieder hinaus auf die Gewässer gewagt.

So sieht ein guter See aus: Der Wohlensee.
So sieht ein guter See aus: Der Wohlensee.
Foto: Franziska Scheidegger

Die Schweiz ist überbelegt. An pittoresken Bergseen lagern die Grossfamilien, beliebte Höhenwege sind zu veritablen Wanderautobahnen geworden, und die idealsten Instagram-Hotspots taugen auch nichts mehr, weil ständig ein Ausflügler vor die Handylinse trampelt.

Dabei konnte sich die Natur doch während Corona endlich erholen. Im Kot von Walfischen wurden weniger Stresshormone gefunden, weil der Lärm von Kreuzfahrtschiffen ausblieb. In den Kanälen von Venedig sah man wieder: Fische! Die Vögel sangen lauter, die Füchse kamen zurück in die Stadt. Und die Pandas Ying Ying und Le Le in einem Zoo in Hongkong verspürten wieder ein gewisses Fortpflanzungsinteresse, jetzt, wo die Menschen nicht mehr ständig beim Liebesspiel zuschauten. Nature was healing!

Auch in Bern war die verbesserte Lebensqualität zu bemerken. Der «Bund» war dabei, als ein Landwirt, der in der Nähe des Gurten seinen Hof hat, gemächlich zu seiner Scheune schritt und dabei den Blick über den Gipfel schweifen liess. Der Wind spielte mit dem Grashalm, den der Bauer im Mundwinkel trug, verträumt blinzelte dieser in die Sonne. Normalerweise hätte um diese Zeit das Gurtenfestival stattgefunden, aber das wurde bekannterweise wegen Corona abgesagt. Die ausbleibende Autokolonne jedenfalls, die um diese Zeit jeweils vor seiner Haustür steht, vermisst der Mann nicht. Zum «Bund» sagte er nur die denkwürdigen Worte: «Jetzt ist der Gurten schön.»

Kann denn ein See ein guter See sein? Einfach so, für sich?

Ja, man muss die Natur manchmal einfach Natur sein lassen. Das erkannte auch eine Anwohnerin des Wohlensees, die dort schon ein paar Bauprojekte verhindert hat. Ebenfalls im «Bund» appellierte sie an die Behörden: «Lasst den See nun endlich mit euren Planungen in Ruhe; er ist gut so, wie er ist.»

Aber kann ein See denn ein guter See sein? Einfach so, für sich? Ist es nicht immer der Mensch, der ihn erst dazu macht? Was wäre denn umgekehrt ein böser See? Solchen philosophischen Fragen hing ich nach, während ich selber an einem Seeufer den Blick übers Wasser schweifen liess (es werden einige Blicke schweifen gelassen in dieser Kolumne, aber das gehört halt zum Naturerlebnis dazu).

Und da bot sich mir ein höchst seltener Anblick. Um diese Jahreszeit sind sie häufig unterwegs; nur konnte man sich wegen des aktuellen Overtourism alles andere als sicher sein, ob sie sich auch in freier Wildbahn zeigen würden. Haben wir es doch mit eher scheuen Wesen zu tun, die grössere Menschenansammlungen meiden.

Aber nein, da glitt tatsächlich einer übers Wasser! Was für ein erhabener Anblick: Stolz wie der Stammesälteste eines Naturvolks stand er auf seinem mit einfachen Mitteln zusammengebauten Floss, nur hin und wieder tauchte er mit anmutigen Bewegungen seinen knorrigen Stock in den See, um weiter vorwärts zu ziehen. Bekleidet nur mit einer Badehose in leuchtenden Neonfarben verkörpert der Stand-up-Paddler eine Naturverbundenheit, wie wir ihr heute nur noch selten begegnen. Jetzt sind die Schweizer Gewässer endlich schön.