Als der Böögg einen Köpfler machte

Zünfter auf Holzpferden, ein entführter Böögg und ein gefallener Bundesrat: Ums Sechseläuten ranken sich unzählige Anekdoten. Zur Einweihung des Platzes ein Rückblick auf die bisherigen Fest-Highlights.

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Tina Fassbind@tagesanzeiger

Der Böögg aus der KratzDer Böögg war lange Zeit kein Unikat. In verschiedenen Quartieren der Stadt wurden rund um Tagundnachtgleiche Puppen aus Stroh und alten Fetzen verbrannt. So im frühen 19. Jahrhundert auch im Kratzquartier beim Fraumünster. Aus diesem Sechseläutenfeuer, das ein Anwohnerverein ab 1868 organisierte, entwickelte sich die heutige Verbrennung des Böögg.

Die Hymne von ZürichDer Sechseläutenmarsch ist so etwas wie die Hymne von Zürich. Wer die unverkennbare Musik komponiert hat, ist nicht bekannt. Man geht aber davon aus, dass seine Ursprünge im Zarenreich liegen. Kein Wunder also, ist der Marsch noch heute gelegentlich an Militärparaden in Russland zu hören. In Zürich erklang die Melodie erstmals am Sechseläuten 1872. Auch auf dem ehemaligen Zürcher Lokalradiosender Radio Z ertönte sie regelmässig: Gemäss Wikipedia sei der Sechseläutenmarsch von 1983 bis 1986 als Jingle für die Nachrichtensendung genutzt worden.

Frühlingshafte PremiereEnde des 19. Jahrhunderts ist die heutige Uferlinie beim Bellevue und damit der neue Platz entstanden. 1902 verbrannten die Zürcher Zünfter den Böögg erstmals auf dem neuen Sechseläutenplatz – diesen Namen trägt das Areal aber erst seit 1947. Die Premiere fand unter besten Wetterverhältnissen statt. «Frühling und Sechseläuten! Die beiden Worte, die einstmals so verschiedenen Inhalt bezeichneten, haben heute die gleiche glanzvolle Bedeutung und gehören untrennbar zusammen», schrieb die NZZ am 22. April 1902.

Anstiftung zum Frühbrand1921 zündete ein Sekundarschüler den Scheiterhaufen – noch ohne Böögg – bereits um 14 Uhr an. Es heisst, er wurde vom Schlosser und Kommunisten August Bachmann zur ruchlosen Tat angestiftet. Das Volk trug daraufhin in Windeseile neues Brennholz zusammen, sodass es dem Böögg um 18 Uhr doch an den Kragen gehen konnte. Dieser Schlosser Bachmann wurde übrigens Jahrzehnte später in den Kantonsrat gewählt.

Eine wacklige AngelegenheitDie Bööggverbrennung ist eine heikle Sache und eine Kunst für sich. In den Jahren 1950, 1960, 1993 und 1994 kippte der künstliche Schneemann vom Scheiterhaufen. In solchen Fällen pflegte man den Kopf des Böögg nachträglich ins Feuer zu werfen, damit der grosse Knall doch noch zu hören war. 1923 ist die Verbrennung des Böögg aber buchstäblich ins Wasser gefallen: Der Regen war einfach zu stark.

Wärme statt FeierWährend des Zweiten Weltkrieges wurde auf den Umzug verzichtet und 1941 wurde das Holz unter den Kindern verteilt, damit sie zu Hause die Stube heizen konnten.

Taucher in den See1943 und 1944 wurde das Bööggverbrennen auf den Hafendamm Enge verlegt, weil auf der Sechseläutenwiese im Zuge der Anbauschlacht Kartoffeln und Raps angepflanzt wurden. 1944 brannte die Tragstange des Böögg durch und der künstliche Schneemann stürzte in den See. Zünfter der Schiffleuten bargen ihn, schlugen ihm den Kopf ab und brachten diesen an Land, sodass wenigstens dieser noch verbrannt werden konnte. Der Kriegsböögg habe nicht den Feuertod erlitten, sondern sei «erbärmlich als Ertrunkener verbrannt worden», schrieb die NZZ damals.

Ritt auf dem HolzpferdMitte der 60er-Jahre wütete die Maul- und Klauenseuche in der Schweiz. Gegen 60'000 Tiere mussten getötet werden. 1965 reiten die Zunftleute auf Holzrössern um den Böögg, weil die lebenden Pferde nicht aus dem Stall durften.

Föhren statt ReisigSeit 1991 laden die Zünfter einen Gastkanton zum Sechseläuten ein. Passend zum jeweiligen Kanton wird auch der Böögg gestaltet. So erhielt er 2011, als Basel-Landschaft Gastkanton war, statt eines Reisigbesens einen sogenannten Chienbäsen in die Hand gedrückt. Der Besen aus Föhrenscheiten gehört zu einem alten basellandschaftlichen Brauch, der jeweils am Sonntagabend nach Aschermittwoch stattfindet. Dann werden die Chienbäsen brennend durch die Liestaler Altstadt getragen.

Das ParallelfestAuch in Bassersdorf findet zur gleichen Zeit wie in Zürich ein Sechseläuten statt – und das bereits seit zehn Jahren. Der kleinere Partneranlass unter der Schirmherrschaft der Bassersdorfer Zünfte wurde die ersten drei Male illegal durchgeführt. Inzwischen hat sich der Anlass vom Schulbubenstreich zur Tradition gemausert.

Amüsanter StolpererEs ist wohl der berühmteste Abgang eines Schweizer Politikers: Nach einem Interview mit TeleZüri-Chefredaktor Markus Gilli am Rande des Sechseläutens 2005 stürzte der damalige Bundesrat und heutige Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Blocher vom Podest. Der Clip dazu wurde auf Youtube Tausende Male angeklickt und ist inzwischen Kult.

Böögg auf Irrwegen2006 wurde der Böögg gleich zweimal «entführt». Am 19. April hat ihn eine Gruppe Linksaktivisten aus der Werkstatt des Bööggbauers in Stäfa gestohlen. «Böögg hat Schnauze voll, für die Kapitalistinnen den Kopf hinzuhalten. Ist jetzt Gefangener der Bewegung 1. Mai Strasse frei», heisst es in einem Bekennerschreiben. Erst am Tag der Arbeit tauchte der Böögg als Ehrengast am revolutionären Treffen auf dem Kanzleiareal im Kreis 4 auf. Die Zürcher Kantonspolizei fand ihn am darauffolgenden Tag in einem Bunker der Schulhausanlage und brachte ihn in die Zürcher Stadtgärtnerei. Dort wurde er in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai erneut von Aktivisten entwendet – oder, wie sie es nannten, befreit. Das Sechseläuten 2006 konnte trotzdem im gewohnten Rahmen durchgeführt werden: Der Ersatzböögg verlor seinen Kopf nach 10 Minuten 28 Sekunden.

Der Böögg-VaterHeinz Wahrenberger kann man getrost als Mr. Böögg bezeichnen. 48 der künstlichen Schneemänner hat er bisher gebaut. Rund 50 Stunden arbeitet er jeweils daran. Gegen 140 Knaller werden dabei in den Böögg gestopft. Sein Nachfolger ist bereits seit fünf Jahren daran, die Geheimnisse der Bööggbauerei zu erlernen. Den 50. will Wahrenberger aber noch selbst anfertigen.

Sechseläuten light2010 fand ein Sechseläuten light statt: Weil am neuen Opernhaus-Parking gebaut wurde, musste der Sechseläutenplatz verkleinert werden. Auf den Umritt der Zünfter musste der Böögg trotzdem nicht verzichten.

Die Zünfter und die FrauenDie Zürcher Gesellschaft zu Fraumünster ist zwar um Jahrhunderte ältere als die 1336 gegründeten Zünfte von Zürich. Trotzdem erhielt sie erst 2011 erstmals das Gastrecht am Zug der Zünfte. Es blieb trotz Protest der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch bei diesem einmaligen Gastspiel. In den darauffolgenden Jahren mussten die Frauen eine Stunde vor Beginn des offiziellen Umzugs über die Route laufen. 2013 mussten sie dafür sogar eine Demonstrationsbewilligung einholen.

Das grösste Grillfest der StadtMit dem Sechseläuten kommt der Hunger. Und dieser wird von vielen mit einer über der Böögg-Glut gebratenen Wurst gestillt. Seit rund 15 Jahren findet am Ende der offiziellen Böögg-Verbrennung und nach dem Abzug der Zünfte auf dem Sechseläutenplatz die grösste Grillparty von Zürich statt. Die Idee, mitgebrachte Fleischwaren auf der Glut des ausbrennenden Feuers zu rösten, stammt von einer Gruppe junger Leute. Damit das beliebte Volksfest auch auf dem hitzeempfindlichen neuen Belag aus Valser-Quarzit stattfinden kann, führt die Stadt ein neues Regime ein: Arbeiter werden das Material, auf dem die Pferde um den Holzstapel reiten – ein Gemisch aus feuerfestem Quarzsand und Kunststofffasern –, nach Verbrennung des Böögg auf dem Platz verteilen. Erst danach wird der Sechseläutenplatz für die Party freigegeben.

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