Als Bern den Wert seiner Altstadt entdeckte

Die Ischi-Häuser in der Berner Altstadt sollten in den 1950er-Jahren abgerissen werden. Die Berner Bevölkerung war empört und leistete Widerstand.

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Der Bäckermeister Walter Ischi erhitzte im Sommer 1952 mit einer Baupublikation die Gemüter vieler Bernerinnen und Berner. Acht benachbarte Häuser in der unteren Altstadt, die Ischi kurz zuvor zusammengekauft hatte, wollte er abreissen. Anstelle der bisherigen acht Wohnhäuser sollte ein einziger Bau mit Verwaltungsbüros entstehen.

Betroffen war die Häuserzeile an der Gerechtigkeitsgasse 61 bis 69 und die angrenzenden Häuser an der Junkerngasse 44 bis 48. Die Entrüstung in der Bevölkerung war gross. Mit Einsprachen, unter anderem vom Berner Heimatschutz, aber auch von der städtischen Baubehörde, wurde versucht, das Bauprojekt zu verhindern.

Das Baugesuch des Bäckermeisters Ischi offenbarte eine rudimentäre Gesetzgebung: In der damals gültigen Bauordnung der Stadt Bern gab es eine einzige Bestimmung für den Schutz des Stadtbildes. Sie besagte, dass die Einheitlichkeit des Strassen-, Stadt- und Landschaftsbildes nicht beeinträchtigt werden dürfe, zudem sei dem «Charakter der Altstadt in erhöhtem Masse Rechnung zu tragen». Das verhinderte keineswegs, dass Häuser in der Altstadt abgerissen werden konnten, wenn die Neubauten den ästhetischen Wert des Altbaus ebenbürtig ersetzten.

«Ästhetisch untragbar»

Mit Leserbriefen machte das empörte Bern seinem Ärger Luft. Eine «unheilbare Entstellung» drohe der Altstadt, dem «weitaus wertvollsten Baudenkmal der Schweiz» und dem «Kunstwerk von wahrhaft europäischer Bedeutung», wenn zeitgenössische Architekten darin eingriffen, schrieb etwa Arist Rollier, damaliger Präsident des kantonalen Heimatschutzes und späterer Stadt- und Gemeinderat (FDP). Gegenstand der Kritik war auch die drohende Zweckentfremdung der Altstadt.

Ischi wollte bei seinem Neubau die historischen Brandmauern abbrechen, um parzellenübergreifende, schwellenlose Büroräume erstellen zu können. Die Gegner monierten, dass auch die Nutzung der Altstadt für die Wohnbevölkerung und das Kleingewerbe erhalten werden müsse.

Vorerst biss Ischi beim Bauinspektorat auf Granit: «Ästhetisch untragbar» lautete das Verdikt unter Berufung auf die geltende Bauordnung. Die Begründung: Acht Fensterachsen mit durchlaufend gleich hoch liegenden Fenstern in einer Gasse, die leicht abfallend ist, würden den Charakter des Bürohauses zu stark offenbaren.

Kurze Zeit später legte Ischi neue Pläne vor; statt eines Verwaltungsgebäudes sollte nun Wohnraum entstehen, was die Behörden mit der bestehenden Bauordnung nicht mehr verhindern konnten. Widerwillig erteilten sie Ischi im September 1953 die Baubewilligung.

In Berns Zeitungen wurden damals Inserate geschaltet. Sie enthielten Zitate von Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann oder Ferdinand Hodler, wie sie von der Schönheit Berns schwärmen. Man warb damit für die Unterzeichnung der Initiative «Rettung der Berner Altstadt».

Die Initianten wollten weiteren Abbrüchen in der Altstadt den Riegel schieben. «Die wichtigsten Forderungen der Initiative waren der grundsätzliche Schutz der Fassaden und der Brandmauern in der Altstadt», sagt Jean-Daniel Gross, heutiger Denkmalpfleger der Stadt Bern.

Brandmauern, die die einzelnen Liegenschaften voneinander trennen, durften laut Initiative nur noch in begründeten Fällen durchbrochen und, in aller Regel, nicht abgebrochen werden. «Das stellt eine Art Garantie dar, dass sich die untere Altstadt vor allem zum Wohnen und für eine kleingewerbliche Nutzung eignet», sagt Gross. Im Sommer 1953 wurde die Initiative mit 5380 Unterschriften eingereicht.

Mahnmal Christoffelturm

Für die Ischi-Häuser kam die Initiative an sich zu spät. Trotzdem verschärfte sich die Rhetorik. Der Abriss der Häuser wurde mit dem Abriss des Christoffelturms beim heutigen Hauptbahnhof verglichen. Der Turm wurde im 19. Jahrhundert durch ein äusserst knappes Volksmehr abgebrochen – ein Entscheid, der heute in Bern wohl von vielen bereut wird. Es wurde zu einer Kundgebung aufgerufen, die am 6. März 1954 auf dem Münsterplatz stattfinden sollte.

Das Datum war kurz vor dem Termin gewählt, an dem die rund 40 Bewohner der Ischi-Häuser ihre Wohnungen verlassen mussten. Gegen 8000 Personen fanden sich an jenem Samstag auf dem Münsterplatz zusammen. Der Anlass wurde von vielen nationalen und internationalen Medien als öffentliches Bekenntnis zum Erhalt der unteren Altstadt gedeutet.

Kurz vor der Grosskundgebung schaltete sich die Burgergemeinde Bern in den delikaten Fall ein. Der kleine Burgerrat machte Ischi ein Kaufangebot für die acht Häuser. «Nicht wirtschaftliche Beweggründe», schrieb der kleine Burgerrat, seien es, die die Burgergemeinde zum Kauf motivierten, «denn diese Häuser sind unbestreitbar eine schlechte Anlage». Vielmehr wolle man «das unvergleichliche Bild der herrlichen Berner Altstadt unverändert und unversehrt» für die damalige und zukünftige Generationen bewahren.

Ischi, selber Bernburger, zeigte nach der Grosskundgebung Bereitschaft, auf sein Baurecht zu verzichten und die Häuser zum Selbstkostenpreis zu verkaufen; laut Medienberichten für rund eine Million Franken. Einen Monat später schon fand die Urnenabstimmung statt: Eine überwältigende Mehrheit von 848 zu 56 Bernburgern war für den Kauf der Ischi-Häuser. Damit war das Bauprojekt Ischi endgültig vom Tisch. Nicht aber das öffentliche Interesse an einem verstärkten gesetzlichen Schutz der Altstadt.

So hatte das Berner Stimmvolk nur wenige Monate später über eine neue Bauordnung abzustimmen. Neu enthielt sie 17 Artikel zum Schutz der Altstadt, insbesondere auch die wesentlichen Punkte der Initianten. Mit einer 80-Prozent-Mehrheit wurde die Vorlage angenommen und 1956 in Kraft gesetzt.

Die Basis fürs Weltkulturerbe

Bei der Revision der Bauordnung 1979 wurde für die untere Altstadt zusätzlich sogar eine Zweckbestimmung ins Gesetz aufgenommen, die festhielt, dass die Liegenschaften ab dem zweiten Obergeschoss ausschliesslich zum Wohnen genutzt werden dürfen. Damit wurden innerhalb von kurzer Zeit die wesentlichen Züge der Bauordnung geschaffen, wie sie Bern heute kennt.

Gross ist überzeugt, dass die Ereignisse in den 1950er-Jahren auch den Grundstein dafür legten, dass Bern ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurde. «Bei aller Bedeutung für den Tourismus geht oft vergessen, dass die Auszeichnung als Weltkulturerbe den langfristigen Erhalt sichern soll.»

Dank den zunehmend griffigen gesetzlichen Bestimmungen und der 1978 gegründeten städtischen Denkmalpflege habe Bern den Experten der Unesco 1983 eine intakte mittelalterliche Stadtstruktur mit viel originaler Bausubstanz präsentieren können, so Gross. (Der Bund)

Erstellt: 26.04.2017, 08:12 Uhr

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