Allzu sorgloser Umgang

Ärzte in Pflegeheimen müssen sorgfältig abwägen, welche Medikamente sie verschreiben.

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Michèle Binswanger@mbinswanger

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das gilt auch in der Altersmedizin. Menschen in Pflege­heimen bekommen oft einen ganzen Pillencocktail verschrieben. Im Jahr 2016 waren es im Schnitt mehr als neun Medikamente gleichzeitig. Ab fünf Medikamenten gleichzeitig steigt das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen; es kann zu unbeabsichtigten ­Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Wirkstoffen kommen. Am Schluss hat niemand mehr den Überblick. Dabei kommen öfter auch Medikamente mit potenziell inadäquaten Wirkstoffen zum Einsatz, sie können schwere Nebenwirkungen haben und ­Folgeschäden zeitigen.

Die Verschreibung dieser Medikamente liegt im Ermessen und in der Verantwortung des Arztes. Nur sind es nicht immer dieselben Ärzte, die unterschiedliche Störungen behandeln, und nicht alle Ärzte zeigen dasselbe Verantwortungsbewusstsein in ihrer Verschreibungspraxis. Es ist etwa bekannt, dass gerade ältere Ärzte oft gar sorglos und über einen zu langen Zeitraum Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine verschreiben – einfach, weil sie so gut wirken und verträglich sind. Oder die Nebenwirkung der einen verschriebenen Pille wird mit einer weiteren Pille behandelt. Für betagte Menschen in Pflegeheimen kann ein allzu sorgloser Umgang mit unterschiedlichsten Medikamenten gravierende Folgen haben: Stürze, parkinsonähnliche Symptome oder langfristig gar Demenz.

Im Idealfall würde ein sorgfältiger Arzt die jeweilige Therapie für jeden Patienten individuell und unter Berücksichtigung aller Faktoren bestimmen. Dazu gehören mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Ärzte, Pflegepersonal, aber auch Apotheker und Angehörige müssten für das Problem sensibilisiert werden. Nicht jedes gesundheitliche Problem eines Alterspatienten kann mit einer weiteren Pille behandelt werden – also sollte man sorgfältig abwägen, welches Medikament wirklich nötig ist und welches nicht. Letztlich geht es um ein Abwägen des Nutzens gegen einen potenziellen Schaden – und zwar spezifisch und individuell auf die Patienten zugeschnitten.

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