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Rücktritt ohne grosse BühneAlbasini rollt virtuell aus

Der Radprofi plante die Tour de Suisse als grosse Abschiedstour. Nun verschwindet er wohl still. Was trotz seiner Erfolge irgendwie zum Ostschweizer passt.

Eine neue Welt für Michael Albasini: Der Radprofi trainiert daheim auf der Rolle, während draussen die Frühlingssonne scheint.
Eine neue Welt für Michael Albasini: Der Radprofi trainiert daheim auf der Rolle, während draussen die Frühlingssonne scheint.
Foto: Daniel Ammann

Wenn es noch einen Beweis gebraucht hätte, wie sehr Michael Albasini das Finale seiner Karriere auskosten wollte, war es dieser Instagram-Account, der am 6. März plötzlich da war. Ausgerechnet von Albasini, der sich als einer von ganz wenigen Radprofis während seiner ganzen Karriere den sozialen Medien verweigert hatte.

«Albathecountdown» heisst der Account und verrät damit bereits seinen Inhalt. Nach 18 Profijahren gehe seine Karriere mit der Schlussetappe der Tour de Suisse zu Ende, schrieb Albasini unter ein Foto, das ihn als Kind auf dem Velo zeigte. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war bewusst gewählt, 100 Tage vor dem Ende.

Es hätte ein «Best of» seiner Karriere werden sollen. Mit den Ardennenklassikern, bei denen Albasini Jahr für Jahr zu den Besten gehörte – aber immer auf einen noch etwas stärkeren oder ausgebuffteren Konkurrenten traf. Nie deutlicher als 2016, als er in Lüttich von Wout Poels düpiert wurde.

Danach mit der Tour de Romandie, seinem erfolgreichsten Rennen. Sieben Etappen gewann Albasini da in meist nasskaltem Wetter – seinen Bedingungen –, 2014 gleich drei in einer Woche.

Und schliesslich mit der Tour de Suisse, wo der Thurgauer, der seit vielen Jahren in Gais AR lebt, ebenfalls drei Etappensiege aufweist, davon zwei Bergankünfte.

Die Abschiedstournee: Implodiert

Dann wurden erst alle Frühjahrsklassiker abgesagt. Wenig später kapitulierte die Tour de Romandie. Und vergangene Woche musste dies auch die Tour de Suisse tun. Albasinis Abschiedstournee: implodiert.

Weil sich das zuletzt abgezeichnet hat, nimmt der 39-Jährige sein Schicksal erstaunlich nüchtern hin. «Ich hatte mich darauf eingestellt. Trotzdem war es eine Scheissnachricht», sagt der 39-Jährige über die Absage der Tour de Suisse. Die Aussage ist für ihn schon fast ein emotionales Donnerwetter.

Für ihn, den man nie hadern sah. Selbst im Sommer 2013 nicht, nachdem er in Lyon an einem stickigen Julitag eine Etappe der Tour de France nur gerade um eine halbe Radlänge verloren hatte.

«Auf der Baustelle wird auch weitergearbeitet»

Albasini setzt sich auch jetzt, in diesen eigenartigen Wochen, täglich aufs Velo. Meist draussen, manchmal auch auf dem Hometrainer. Sein Team Mitchelton-Scott will es so, man trifft sich dabei zu virtuellen Ausfahrten mit den Kollegen oder den Fans. Auch hier: eine neue Welt für Albasini, bei dem das Wetter schon sehr, sehr garstig sein musste, dass er ein Training nicht draussen absolvierte.

Nun wegen der Corona-Krise nicht mehr im Freien zu trainieren, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Lakonisch sagt er: «Die meisten Unfälle passieren bekanntlich daheim, wenn jeder im Garten herumwerkelt.» Und sagt dann: «Velofahren ist schliesslich mein Job. Auf der Baustelle wird auch weitergearbeitet.»

Überhaupt das Velofahren. In diesen Tagen war er froh um das gute Wetter, sonst wäre er vielleicht tatsächlich mal einfach daheim geblieben. «Der Drang ist derzeit nicht wahnsinnig gross», sagt er.

Draussen ist er am liebsten: Michael Albasini in der Nähe seines Wohnorts Gais in Appenzell Ausserrhoden.
Draussen ist er am liebsten: Michael Albasini in der Nähe seines Wohnorts Gais in Appenzell Ausserrhoden.
Foto: Daniel Ammann

Und doch ist er zu sehr Profi, als dass er jetzt einfach abhängen würde. Ende April organisiert die Tour de Suisse ein virtuelles Rennen. Auch Albasinis Equipe macht mit – und er will dabei eine gute Falle machen. Möglich, dass er seinen Profiabschied also virtuell geben wird.

Zugleich hofft er noch auf den Anruf vom Teamchef und die Möglichkeit, den bis Juni laufenden Vertrag doch noch bis zum Jahresende zu verlängern. Für einen anständigen Abschluss. Nur: Der Anruf lässt auf sich warten. Sein Chef schlägt sich mit grösseren Problemen herum als mit Albasinis geplatztem Abschied. Die meisten Profiteams kämpfen derzeit mit Liquiditätsproblemen, einige nahmen bereits deutliche Lohnreduktionen vor, in einem Fall wurde fast der ganze Staff entlassen.

Im Juli wären die ersten langen Ferien geplant – in den USA…

Albasini seinerseits muss sich so oder so konkret damit befassen, was ab Juli sein wird. Die Familie hatte erstmals überhaupt lange Ferien geplant, drei Wochen USA… Was aus diesen wird, ist so unklar wie Albasinis berufliche Zukunft.

Er wurde gerne als «Radprofi mit Lehrerdiplom» bezeichnet. Doch eine Rückkehr in die Schulstuben schliesst er aus, obschon er derzeit mit seinem Sohn daheim das schriftliche Dividieren übt. Der Kaffeeimport, den er seit einigen Jahren zusammen mit Velokollege Ralph Näf betreibt, soll ein Hobby bleiben. Albasini kann sich eine Traineraufgabe vorstellen, stellt aber klar, dass die Pläne noch nicht allzu weit fortgeschritten seien. «Ich wollte die Saison voll durchziehen, mich aufs Velofahren konzentrieren.» Und beim prominenten Abschied Werbung in eigener Sache machen: «Vielleicht wäre durch meine Präsenz an der Tour de Suisse die eine oder andere Türe aufgegangen.»

Trübsal bläst Albasini trotzdem nicht: «Man kann nicht nur aufs Ende schauen. Ich bin jetzt fast 20 Jahre im Business. Alles andere davor war doch gut. Das muss ich mir vor Augen führen, auch wenn das im Moment nicht ganz einfach ist.» Albasini gewann in seiner Karriere 30 Rennen. Das zeichnete sich so lange nicht ab: 27 der 30 Siege feierte er nach seinem 28. Geburtstag. Nun tritt er – Fabian Cancellara ausgenommen – als klar erfolgreichster Fahrer seiner Generation ab. Er wurde dies, weil er seine Nische fand: als zäher Sprinter in Etappen, die für reine Sprinter zu hart waren.

Der 16. Februar 2020 wird wohl Albasinis letzter Renntag als Profi bleiben. In Roquetas de Mar, einer Stadt an der andalusischen Küste, rollte er als 105. der Clasica de Almeria ins Ziel. «Meine Karriere ging zu Ende, ohne dass ich es gemerkt habe», sagt er.