Tatort Zürich

Die grösste Schweizer Stadt dominiert Radio, Fernsehen und Zeitungen immer mehr. Mit Folgen.

Die Zentralisierung der Medienlandschaft schreitet voran: Tamedia-Hauptsitz in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Zentralisierung der Medienlandschaft schreitet voran: Tamedia-Hauptsitz in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Zürich zieht alle an. Der Schweizer Beitrag zur deutschen Krimiserie «Tatort» kommt künftig nicht mehr aus Luzern. Zürich sei die interessantere, da vielfältigere Stadt, heisst es in der Begründung, hier stünden weltweit bekannte Institutionen wie die ETH und die Fifa, ausserdem lebten viele Deutsche hier und sei die Stadt in Deutschland bekannt.

In derselben Woche teilte SRF mit, man erwäge, das Radiostudio von Bern nach Zürich zu zügeln. In Bern verbliebe die Inlandredaktion, Korrespondentinnen und Korrespondenten berichteten aus den Regionen. Der Umzug hat mit der Vorgabe des Bundesrats zu tun, wonach die SRG 50 Millionen Franken sparen muss. Am Tag der Abstimmung zur No-Billag-Initiative gab sie bekannt, selber weitere 50 Millionen einzusparen.

Vor fünf Monaten wurde publik, dass die Schweizerische Depeschenagentur mit der Bildagentur Keystone fusioniert. Auch hier findet ein Transfer von Bern nach Zürich statt. Die Wirtschaftsredaktion wird nach Zürich aus­gelagert, die Deutschschweizer Regionalredaktionen werden von Zürich aus geführt. Auch die Geschäftsleitung operiert mehrheitlich aus Zürich. 40 von 150 Vollzeitredaktionsstellen sind weg, die Berichterstattung wird ausgedünnt.

Presseagenturen sind auch Filter: Sie kondensieren Eigenlobeshymnen von Firmen und Parteien auf journalistische Texte. Zumin­dest wenn die Agenturleute gut arbeiten. Je weniger eine Agentur diese Aufgabe wahr­nehmen kann, desto mehr dominiert die PR die Berichterstattung der übrigen Medien.

Helikopter-Journalismus

Die Zürcher Zentralisierung läuft bei den Print­medien seit Jahren. Die Verlage NZZ, Ringier und Tamedia, Weltwoche und WOZ sind in Zürich daheim. Und einige von ihnen kontrollieren viele andere. Der Verlag Tamedia, der auch diese Zeitung herausgibt, verlegt 12 bezahlte Tages­zeitungen in Zürich, Bern, Genf und der Waadt. Gespräche über einen Kauf der «Basler Zeitung» laufen. Die NZZ regiert über das «St. Galler Tagblatt» und die «Luzerner Zeitung». Dank dem Joint Venture von AZ Medien und den NZZ-­Regionalzeitungen werden 19 Tageszeitungen von einer Zentralredaktion beliefert. Dasselbe ­Mantelprinzip gilt auch für Tamedia. Eigenständig bleiben nur noch die Regionalteile. Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur und ein Grossteil des Sports kommen von der Zentralredaktion.

Als ich beim «Tages-Anzeiger» anfing, das war Mitte der Achtzigerjahre, gab es knapp 300 Zeitungen und Zeitschriften in der Schweiz, und der Tagi beschäftigte im Inland Korrespondenten oder Korrespondentinnen in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Chur, Lugano und Lausanne. Heute hat die Schweiz noch 100 Titel und wir eine Bundeshausredaktion und einen Korrespondenten in Lausanne; das meiste andere wird von Zürich aus gemacht. Wir betreiben einen Helikopter-Journalismus, fallen bei Wahlen oder für eine Reportage in Städten und Kantonen ein, fragen, reden, schreiben – und kehren wieder in die Zürcher Zentrale zurück.

«Information desert» nennen das die Amerikaner, wo die Entwicklung noch viel dramatischer verläuft, weil das Land so riesig ist. Angesehene Zeitungen wie der «Boston Globe» oder die «LA Times» haben an Qualität verloren, kleinere Zeitungen sind schon lange zu Verbreitungsorganen verkommen. Die lokalen TV-Stationen sind journalistisch meistens wertlos. Auch in kleineren europäischen Ländern wie Holland, Belgien oder Österreich hat sich die Information zentralisiert.

Auf die Skandale fixiert

Na und? Wie sollen die Verlage auf die sinkenden Werbeeinnahmen reagieren? Ist es nicht besser, wenn Lokalzeitungen von einheitlichen, aber qualitativ starken Berichterstattungen über Ausland, Inland, Wirtschaft und Kultur profitieren? Die Fragen sind berechtigt, aber falsch gestellt. Je stärker von Zürich aus gedacht, regiert, budgetiert, delegiert wird, desto mehr geht das auf Kosten der Regionen. Für die Zentralredaktionen werden Themen erst dann wichtig, wenn sie in Zürich stattfinden. Bei Parlamentsentscheiden stehen Zürcher Parlamentarier im Zentrum.

Wenn die grossen Zeitungen keine Korrespondenten mehr beschäftigen, nehmen sie den lokalen Alltag nicht mehr wahr, die kulturellen Differenzen. Stattdessen werden die Skandale gefeiert. Der Thurgau verkommt zum Gequälten-Ross-Kanton, Zug zur Affäre Spiess-Hegglin, das Bündnerland zum Valser Dorfstreit. Damit geht vergessen, was die Schweiz zwar kompliziert macht, was sie aber auszeichnet: der Respekt für das Kleine und Nahe. Das Wort dafür heisst Föderalismus.

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