Der Weg zur Wahrheit ist eine Odyssee

Wir leben in einer Zeit des grassierenden Misstrauens. Dazu gibts nun eine Ausstellung im Aargau.

Zusammenschnitt aus «Stille um L 303». (Audio: Stapferhaus Lenzburg)
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Den Reporter packt die Panik. Er schreit: «Was ist denn das? ... um Gottes willen! Die Spitze des Luftschiffes hebt sich!» Tumultgeräusche, der Radiojournalist im Zeppelin verstummt. Zurück ins Studio. Eine andere Stimme: «Hier ist der Landessender … wir werden uns mit dem Flughafen telefonisch in Verbindung setzen und Ihnen dann den Grund der Unterbrechung mitteilen. Bis dahin: kurze Pause!»

Das war ein Ausschnitt von «Stille um L 303». Das Radio-Hörspiel wurde 1934 in die Schweizer Stuben übertragen und ist nun im Stapferhaus Lenzburg zu hören. Autor Martin Rost bediente sich bei der Glaubwürdigkeit der Radiojournalisten, spielte mit ihrem Ruf. Später zugeschaltete Zuhörer konnten die Sendung nicht als Hörspiel identifizieren und mussten von einer tatsächlichen Liveschaltung ausgehen – und Rost verschaffte ihnen den Adrenalinschub realen Horrors. 1938 schickte Orson Welles das Hörspiel zu «Krieg der Welten» durch den Äther. Welles verkündete die Ankunft der Aliens und verschreckte damit halb New York. Das meinte man jedenfalls. Heute stellen Wissenschaftler fest, dass Welles’ Wirkung weit übertrieben wurde – von Zeitungen, die das Radio verleumden wollten.

Das ganze Hörspiel.

Und schon stecken wir drin im Schlamassel. Wer hat recht? Was ist wahr? Was ist das überhaupt, «Wahrheit»? Um diese Fragen gehts in der ersten Stapferhaus-Ausstellung im kargen, riesigen Neubau beim Bahnhof Lenzburg. Leiterin Sibylle Lichtensteiger und ihr Team haben, aus der kulturellen Peripherie kommend, in den letzten Jahren die hiesige Ausstellungslandschaft aufgemischt. Ausstellungs-Flops liegen allerdings auch kaum drin für das Stapferhaus, das sich zu mehr als 60 Prozent mit Eintritten und Projekten finanziert.

Der kluge Bezug zum Alltag ist eine seiner Stärken, auch diesmal. So erleben die Besucher ein Gespräch zwischen acht angeknacksten Schweizer Autoritäten, von der Ärztin bis zum Pfarrer. Die Autoritäten werden von Schauspielern gespielt, die Zitate jedoch stammen von echten Berufsleuten. Diskutiert wird die Frage des Glaubwürdigkeitsverlusts, und was dagegen getan werden könnte. Grundlage des Gesprächs ist eine Sotomo-Studie, die das Stapferhaus eigens in Auftrag gegeben hat. Sie zeigt Erschütterndes: Dass das Vertrauen der Schweizer darauf, dass «Politiker die Wahrheit sagen», heute bei einem einzigen Prozent liegt.

Überzeugend auch die interaktiven Elemente, wie sie zu zeitgemässen Ausstellungen dazugehören. Ein Kartenspiel testet, wie leicht den Besuchern das Lügen fällt, und beim Würfelspiel zeigt sich ihre Prinzipienfestigkeit. («Du bist angeklagt und lügst vor Gericht.» – Antwortmöglichkeit A: «Na und? Das ist ausdrücklich erlaubt». Antwort B: «Das würde ich nie tun.»)

Den Lügendetektor testen. (Bilder: zvg)

Wie eine Überraschung wirkt inmitten dieser innovativen Formate der einzige klassische-museale Bereich. In Glaskästen sind die Instrumente der «Wahrheitsfindung» ausgestellt. Die Daumenschraube etwa, oder die Amobarbital-Flasche, die das Bewusstsein schwinden lässt. Wer nicht mehr klar denken kann, kann keine Ausrede mehr erfinden, so die Spekulation. Auch der klassische Lügendetektor steht im Raum und kann sogar getestet werden. Deshalb dürfte diese Ausstellung, trotz ihres teils beachtlichen Abstraktionsgrads, nicht einmal Kindern langweilig werden.

Die unterschiedlichen Ausstellungsbereiche verbindet der in Videokästen eingeblendete Schauspieler Martin Wuttke, als Kommissar im «Tatort» und als Hitler bei Tarantino bekannt geworden. Wuttke mimt heitere Beamtenfiguren. Dies, weil das Stapferhaus die Ausstellung in Form eines Amtes organisiert hat. Die Besucher stempeln sich ein und aus, und die Räume tragen Namen wie «Kommission für Glaubwürdigkeit» oder «Abteilung für strategische Täuschung».

Damit begegnen die Macher einer heiklen Herausforderung. Sie müssen klarmachen, dass die Ausstellung nicht selber irgendwie «fake» ist. Dass sie keinen Quatsch unterjubeln und die Besucher nicht im Niemandsland der Ironie stehen lassen. Deshalb der Rahmen eines Amtes, das Bemühen um eine Aura pedantischer Korrektheit. Ob dieses Kalkül aufgeht, ist jedoch fraglich: Das hiesige Amt dürfte zwar halbwegs positiv Vorstellungen wachrufen. Das Amt an sich erinnert aber auch den Bürokratie-Horror bei Orwell, Huxley und Kafka, oder an unschöne Berichte aus anderen Ländern.

Mit der Aura eines Amtes.

Das zweite Problem dieser Ausstellung: Sie stellt zwar eine Krise der Glaubwürdigkeit fest und dokumentiert diese auch gründlich – etwa die inflationäre Verwendung der Wörter «Fake News» und «Lügenpresse» in den letzten Jahren. Die Ursachen hingegen sind kein Thema. Wie der US-Präsident die «Fake News» gezielt als Propagandabegriff nutzt. Wie Web-Trolle Lügen streuen und Meinungen sabotieren. Oder wie postmoderne Philosophie die Relativierung auf die Spitze trieb – und wer nun ganz eigentümlich davon profitiert. «Truth isn’t Truth», erklärte jüngst Trumps Anwalt.

Ihre Kernbotschaft vermittelt die Ausstellung jedoch gekonnt. Etwa dann, wenn die Besucher zwischen bösen und notwendigen Lügen unterscheiden und merken, dass andere ganz anders urteilen. Oder wenn sie seltsame Geschichten sichten und als «wahr» oder «falsch» klassifizieren müssen. Dann wird jedem klar, dass die Suche nach Wahrheit harte Arbeit ist, der Weg zu ihr einer Odyssee gleichkommt. Und dass man sich zuweilen mit hohen Wahrscheinlichkeiten begnügen muss, wenn ein Hauptpfeiler der aufgeklärten Gesellschaft – die Wissenschaft und ihre rationale Weltsicht – uns künftig noch tragen soll. Es ist denn auch der Wissenschaftler in der Runde der angeknacksten Autoritäten, der im Stapferhaus die eine, zentrale Frage stellt: «Wie können wir mit Unsicherheit umgehen, ohne alles infrage zu stellen?»

«Fake». Stapferhaus Lenzburg, ab 28. Oktober

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