Unverkennbare Unaufgeregtheit

Weg von schiefem Gesang und schlampigem Gitarrenspiel hin zu raffinierter Eleganz: Stephen Malkmus hat sich zum Gentleman gewandelt.

Stephen Malkmus mit der aktuellen Jicks-Besetzung: Mike Clark, Joanna Bolme und Jake Morris (von links).

Stephen Malkmus mit der aktuellen Jicks-Besetzung: Mike Clark, Joanna Bolme und Jake Morris (von links). Bild: Leah Nash

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Als die Schreibende Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal an einer mittwochnachmittäglichen Teenager-Zusammenkunft die Stimme von Stephen Malkmus vernahm, kam dies einer göttlichen Offenbarung gleich. Pavement hiess dessen Band, und was diese Kalifornier an musikalischer Schlampigkeit boten, war in höchstem Masse beeindruckend und für uns Teenager, deren Betriebssysteme auf Verweigerungshaltung und somit grösstmögliche Schnoddrigkeit programmiert waren, schlichtweg himmlisch.

Einen Halbton daneben

Während in der gängigen Pop-Musik das Bestreben normalerweise gross ist, Töne und Akkorde zu treffen und stimmige Harmonien zu erzeugen, klang bei Pavement immer alles ein bisschen falsch, verschleppt und unpräzis. Gitarrenakkorde wurden vage dahergeschrummelt und mit ordentlich Rückkoppelungen angereichert, darüber steuerte Stephen Malkmus einen Gesang bei, der sich mehr durch Rhythmik als Musikalität auszeichnete und wenn er denn mal sang, dann meistens einen Halbton daneben. Pavement gehörten mit ihrem Lo-Fi-Alternative-Rock definitiv zu denjenigen Bands, welche die Untergrund-Independent-Gemeinde der 90er-Jahre prägte, bevor auch die breitere Masse sich für die fünf Kalifornier zu interessieren begann und Pavement mit der hemdsärmeligen Hymne «Cut your hair» 1994 Einzug in die amerikanischen und englischen Charts hielten.

Zehn Jahre nach der Gründung war dann der Lo-Fi-Traum ausgeträumt und Pavement gaben nach einem ausverkauften Konzert in der Londoner Brixton Academy ihre Auflösung bekannt. Rückblickend kann das Ende der Band wohl als Symptom für die sich abzeichnende Veränderung in der Herangehensweise an Musik im Independent-Bereich interpretiert werden. Indie-Rock-Bands bewegten sich weg von der saloppen Beiläufigkeit der 90er-Jahre hin zu der definierteren und ambitionierteren Spielweise der Nuller-Jahre. Bands wie The Strokes oder die Yeah Yeah Yeahs propagierten nicht Schluddrigkeit, sondern Präzision und Bestimmtheit in Musik und Image.

Unverkennbare Bittersüsse

Und Stephen Malkmus? Der blieb der Musik treu und gründete gerade mal ein Jahr nach der offiziellen Pavement-Auflösung zusammen mit The Jicks eine neue Band. Mit dieser ist er mittlerweile länger unterwegs und hat mehr Alben herausgegeben als mit seiner alten Kombo. Vor wenigen Tagen ist mit «Wig out at Jagbags» das sechste Studio-Album erschienen, wobei Malkmus’ Indie-Rock-Handschrift unverkennbar ist. Wer nun allerdings glaubt, dass Stephen Malkmus and the Jicks einfach auf dem Pavement-Zug weitergefahren seien, der irrt. Zwar hatte Malkmus in den Jicks-Anfängen noch auf unverarbeitetes Pavement-Material zurückgegriffen, im Verlauf der Jahre ist sein Songwriting aber präziser, komplexer und sorgfältiger geworden. Die Gitarren-Arbeit ist aufwendiger und verzwickter, die Arrangements ausgeklügelter und teilweise lassen sich auf «Wig out at Jagbags» karnevaleske Rhythmus-Wechsel finden, welche bei Pavement als überflüssig oder zu angeberisch empfunden worden wären. An die Stelle von legerer Gammel-Nonchalance ist eine schicke, selbstbewusste und raffinierte Eleganz getreten, geblieben ist aber diese unverkennbare unaufgeregte Stimme und die Bittersüsse, welche so bezeichnend für Malkmus’ Schaffen ist.

Entspannte Freiheit

«Wig out at Jagbags» ist die Schöpfung eines Mannes, der genügend Distanz zum eigenen vergangenen Schaffen hat und der bei dessen Betrachtung nicht nostalgisch wird, obschon er weiss, dass er mittlerweile zu alt ist, um alles noch einmal zu erleben. «I don’t have the stomach for your brandy, I can hardly sip your tea, I don’t have the teeth left for your candy, I’m just busy being free», singt er in «Independence Street». Im Falle von Malkmus bedeutet «Freedom» wohl die Freiheit vor Erwartungen, die Freiheit, genau das zu machen, wonach einem der musikalische Sinn steht und auch die Freiheit, sich vom schnoddrigen Teenager zum galanten Gentleman zu wandeln.

Fri-Son Freiburg Sa, 25. Januar, 20 Uhr.

(Der Bund)

Erstellt: 23.01.2014, 10:06 Uhr

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