Stoner-Pionier auf Solo-Pfaden

Nach fast drei Jahrzehnten Banddasein hat der ehemalige Kyuss-Sänger John Garcia sein erstes Soloalbum a­uf­genommen. Dieses reicht von überragend bis banal.

John Garcia kann nicht nur Stoner-Rock, sondern auch Zupfgitarre.

John Garcia kann nicht nur Stoner-Rock, sondern auch Zupfgitarre. Bild: zvg

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Die Menschheit zeigt sich durchaus ­erfinderisch, wenn es um die Beschreibung des Zustands geht, in dem die Wahrnehmung plötzlich eine andere ist, die Erinnerungsleistung auf Sparflamme läuft, allenfalls hemmungslos gekichert wird und, je nach Härtegrad der einverleibten Substanz, im Club Ausdruckstanz fabriziert oder an der Bar die Nüssli-Schale zu Tode gestarrt wird. Gerne werden für diese Kondition klingende Adjektive wie «zombolent» oder humoristische Vergleiche wie «dicht wie eine Raumkapsel» verwendet, und manchmal wird der Zustand des Bekifftseins, denn darum geht es hier, mit bildstarken Metaphern umschrieben wie etwa «den Traktor tief in den Acker gefahren». Auch in der englischen Sprache gibt es eine Vielzahl von Begriffen, welche den Zustand der Cannabis-Intoxikation treffend beschreiben, wobei «stoned», also wortwörtlich «gesteinigt», wohl zu den meistverwendeten gehört.

Kiffer, oder eben sogenannte Stoners, tragen entgegen der landläufigen Meinung ja nicht alle Dreadlocks und hören auch nicht ausschliesslich Reggae, sondern sind in sämtlichen musikalischen Genres vertreten. Das war sich offenbar auch das amerikanische Metal-Label Roadrunner Records bewusst, welches 1997 unter dem Titel «Burn One Up! Music for Stoners» eine Kompilation herausgab, auf welcher sich Bands der härteren Rock-Gangart vereint fanden, denen musikalisch eine gewisse verdrogte Repetitivität eigen war. Dieser Sampler mit Kombos wie Queens of the Stone Age, Karma to Burn oder Fu Manchu wurde in der Folge namensgebend für ein neues Genre in der Rockgeschichte: Stoner-Rock. So zumindest die Legende.

Kalifornisches Stoner-Mekka

Es waren vor allem Bands aus dem Westen der USA wie etwa Masters of Reality, Fu Manchu oder Clutch, welche in der Mitte der 90er-Jahre den Sound von Psychedelic-Rock-Bands der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren aufgriffen und zur Stoner-typischen Mischung weiterverarbeiteten. Als musikalische Grundlage dient dabei Blues-Rock, allerdings werden im Stoner die Gitarren oft tiefer gestimmt und manchmal über Bassverstärker gespielt, sodass ein äusserst basslastiger, bauchiger Klang entsteht. Dem werden repetitive oder verschwurbelte Elemente aus dem Psychedelic-Rock und schleppende, walzende Riffs aus dem Doom – also der schweren, düsteren und langsamen Spielweise von ­Metal – beigemischt. Oft lassen sich aber auch Anleihen an Rock ’n’ Roll, Hard- oder Progressive-Rock finden, ist doch Stoner-Rock so etwas wie ein Schmelztiegel, der sich fast alle Spielarten der härteren Gitarren-Gangart einverleibt hat.

Als Stoner-Mekka galt in den 90er-Jahren das staubige und heisse Palm ­Desert rund 200 Kilometer nördlich von Kalifornien, weswegen Stoner-Rock des Öfteren auch als Desert-Rock bezeichnet wird. Aus der 50 000 Einwohner kleinen Wüstenstadt stammt denn auch diejenige Band, welche 1992 mit ihrem Debüt­album «Blues for the Red Sun» einen Meilenstein in der Geschichte des Stoner-Rocks veröffentlichte und deren Name heute noch als Inbegriff des Genres schlechthin gilt: Kyuss.

Innerhalb von gerade mal vier Jahren spielten Kyuss vier Alben ein, aufgrund interner Differenzen löste sich das Quartett dann allerdings 1995 Knall auf Fall auf, und die einstigen Weg­gefährten John Garcia (Gesang), Josh Homme (Gitar­­re), Nick Oliveri (Bass) und Brant Bjork (ab 1993 durch Alfredo Hernandez ersetzt) verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Die Auflösung sorgte in einschlägigen Kreisen für grosses Wehklagen, hatte aber auch ihr Gutes, denn die ehemaligen Kyuss-Mitstreiter entsagten der Musik nicht gänzlich, sondern fanden sich alle in neuen Projekten wieder wie etwa Queens of the Stone Age, Dwarves, Eagles of Death Metal, Mondo Generator oder Them Crooked Vultures. Dabei zeigte sich allen voran Sänger John Garcia äusserst umtriebig, gründete er doch unmittelbar nach der Auflösung von Kyuss das Quartett Slo Burn und leiht bis heute Unida, Hermano und Vista Chino seine Stimmbänder.

Nebst seinen diversen fast 30-jährigen Bandaktivitäten hat sich der 44-jährige Garcia nun auch einen lang gehegten Traum verwirklicht und ein Solo­album herausgegeben, das schlicht und einfach «John Garcia» heisst. Darauf finden sich unveröffentlichte Songs aus Kyuss-Zeiten, Ideen aus Nebenprojekten und diverse andere Einfälle, die auf den unzähligen Konzerttourneen entstanden sind. Die Vielfalt schlägt sich denn auch in der Liste der Gastmusiker nieder, hat sich Garcia mit Nick Oliveri doch einen alten Kyuss-Weggefährten ins Boot geholt, Robby Krieger griff einst bei The Doors in die Saiten, und der kanadische Sänger Danko Jones ist bekannt für seinen dreckigen Garagen-Blues-Rock.

Banalitäten und Perlen

So unterschiedlich die Gäste, so zahlreich sind denn auch die musikalischen Anleihen, die Garcia auf seinem Solo­album macht. Da finden sich natürlich die prägnanten walzenden Stoner-Rock-Riffs, und auch die Bässe wummern tief. Daneben verwendet Garcia aber auch klassische Hardrock-Elemente oder hippieske Zupfgitarren und liefert mit «My Mind» gar einen einwandfreien Ohrwurm. Auf Blues-Rock-Versatzstücke folgt auch mal ein zerstörerisches Klampfengewitter, verworrenes Gitarrenspiel sorgt für eine psychedelische Note, und darüber singt und kräht Garcia kraftvoll und in schönster Hardrock-Manier, wobei er allerdings stimmlich manchmal an seine Grenzen gerät.

Das Rock-Rad hat er nun wirklich nicht neu erfunden, dieser John Garcia. Aber wer seine früheren Arbeiten mochte, der dürfte sich auch ob seiner Soloplatte erfreuen, spiegelt diese doch das jahrzehntelange Schaffen des umtriebigen Vokalisten wider. Auch wenn einige der Stücke, wie etwa «Confusion», ein bisschen gar absehbar und ­banal daher­kommen, so finden sich auf «John Garcia» auch wahre Stoner-Perlen, die selbst nicht gesteinigten Stromgitarren-Liebhabern das Herz erwärmen dürften.

Bad Bonn Düdingen 
 Mittwoch, 19. 11., 20.30 Uhr.

John Garcia kann nicht nur Stoner-Rock, sondern auch Zupfgitarre. Foto: zvg (Der Bund)

Erstellt: 13.11.2014, 08:01 Uhr

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