Stolzes Debut

Mit zwölf Mixtapes verfügt der Berner Rapper Tommy Vercetti bereits über eine umfangreiche Diskografie. Am Samstag, 22. Januar, hebt er nun ab 21.30 Uhr im Bierhübeli sein aufsehenerregendes Debütalbum «Seiltänzer» aus der Taufe.

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Produziert wurde das schöne Stück von Pablo Nouvelle (Gamebois) und Onur Dinc. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Sie sind mit Ihrem Debütalbum gleich in die Top 20 der Schweizer Hitparade eingestiegen. Überrascht?

Ja und nein. Ich bin schon sehr lange in der Schweizer Rap-Szene aktiv. Unter anderem gemeinsam mit Dezmond Dez und Manillio habe ich in den letzten Jahren zwölf Mixtapes veröffentlicht, unzählige Konzerte gespielt und so eine eigene Fangemeinde aufgebaut. Die Leute schätzen, dass wir weder Gangster- noch Studenten-Rapper sind, sondern irgendwo dazwischen – oder eben ganz woanders – eine Nische gefunden haben. Aber klar, wenn man mit seinem ersten Album gleich auf Platz 19 der Charts landet, ist das durchaus ein unerwartetes und schönes Erlebnis.

Verglichen mit Ihren Tapes ist Ihr Album sehr politisch geraten. Was ist das für ein Unbehagen, das Sie antreibt?

Ich weiss selbst nicht genau, woher es kommt. «Seiltänzer» war der Versuch, diesem Unbehagen auf den Grund zu gehen. Ich habe grosse Zweifel an der Entwicklung unserer Gesellschaft und an unserem ökonomischen System. Viele Prozesse sind uns entfremdet. Etliche ganz alltägliche Dinge überfordern uns. Ich bin im Grunde ein sehr glücklicher Mensch. Dennoch keimt in mir sehr oft dieses Gefühl, dass alles aussichtslos ist. Mein Album bündelt quasi diese Momente, es ist eine konzentrierte Dosis.

Sie haben sich nach dem Protagonisten des Computerspiels «Grand Theft Auto» benannt. Einem Helden, der zu Autoklau, Selbstjustiz, Drogenmissbrauch und massloser Bereicherung neigt. Welche Verbindungen bestehen da zu Ihrer Person?

Als ich mir mein Pseudonym zulegte, verbrachte ich viel Zeit mit diesem Game. Damals habe ich mir aber keine Gedanken darüber gemacht, welches Statement ich mit meinem Namen abgebe. Eine mögliche Interpretationsebene kam erst mit den Jahren hinzu. Tommy Vercetti hat grosse Ähnlichkeiten mit Tony Montana aus Scarface. Beide wollen um jeden Preis zu Geld kommen. Dass sie dabei auf ihre Umwelt und ihre Mitmenschen keine Rücksicht nehmen und trotzdem für viele als eine Art Vorbild funktionieren, sagt sicher etwas aus über unsere Gesellschaft.

«Grand Theft Auto» spielt in Vice City. Ist diese Stadt eine Karikatur unserer Zeit?

Sicher werden unsere Verhältnisse darin gespiegelt. Zum Beispiel kommt man mit klassischen Tugenden nicht weit. Wer das Game beenden will, muss skrupellos auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein. So ist es auch in unserer Gesellschaft. Aber man darf das nicht überbewerten: Der Hauptgrund für die Popularität von «Grand Theft Auto» ist, dass das Spiel einfach wahnsinnig viel Spass macht.

Apropos Spass: Sie gliedern Ihr neues Album nach Kapiteln wie Geburt, Arbeit, Tod, Hoffnung und Macht. Das klingt eher ernst.

Ich weiss. Und ich weiss auch, dass es ein bisschen lächerlich ist, solche Ansprüche zu haben. Nur: Ich mache schon extrem lange Rap, bin auch bereits 30 Jahre alt, und da wollte ich halt ein Debütalbum machen, auf das ich später mal stolz sein kann. Heutzutage ist der sogenannte grosse Wurf ja total verpönt. Wer es noch wagt, in grossen Zusammenhängen zu denken, wird belächelt. Das ist furchtbar. Deshalb habe ich mir vorgenommen, jedes grosse Thema anzusprechen und meinen Senf dazu abzugeben. Schliesslich geht es ja auch darum, dass mir jetzt einige Leute zuhören. Warum sollte ich da nicht das sagen, was mir wichtig erscheint? (Der Bund)

Erstellt: 20.01.2011, 16:00 Uhr

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