Speckgürtel, Calypso und ein komisches Foto

Die norwegische Plattenfirma Sex Tags Mania ist Kult. Dass drei ihrer DJs in Bern auflegen, ist eine kleine Sensation – und nährt den Mythos der nordischen Verschrobenheit.

Die DJs von Sex Tags Mania spielen lieber draussen bei Minustemperaturen, als drinnen in einem renommierten Club.

Die DJs von Sex Tags Mania spielen lieber draussen bei Minustemperaturen, als drinnen in einem renommierten Club.

(Bild: zvg)

An dieser Stelle hätte die Journalistin gerne ein Interview veröffentlicht. Sie dachte, bloss den Namen «Sex Tags Mania» in die Suchmaschine eintippen zu müssen, und schon hätte sie einen Kontakt. So, wie das üblicherweise halt läuft. Rasch stellte sich heraus: alles nur ein netter Versuch. Am Ende landet sie auf einer Seite namens www.shitfuckyou.com, dem offiziellen Internetauftritt.

So viel an Fakten liess sich zusammenklauben: Sex Tags Mania ist eine Plattenfirma aus Norwegen, gegründet in der Stadt Moss, von den Brüdern Peter Anatol und Stefan Mitterer. In einschlägigen Kreisen geniessen sie Kultstatus. Bekannt sind sie für ihren vorzüglichen Geschmack, was House- und Dancemusik anbelangt, und natürlich dafür, dass sie sich rar machen. Ausserdem wird nur in Vinylform veröffentlicht.

Immerhin ist er erreichbar, der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass diese Geheimniskrämer in Bern auftreten. «Für mich ist es eine Sensation», sagt der Berner Till Hillbrecht, der das Club-Programm der Dampfzentrale orchestriert. Er arbeitet schon lange darauf hin, Sex Tags Mania in die Stadt zu holen. Jetzt ist es ihm gelungen. Aber wie bloss? Über einen Freund habe er den Mailkontakt eingefädelt, etliche Male hin und hergeschrieben, bis er die Zusage hatte. «Diese DJs spielen normalerweise in besetzten Häusern oder Zwischennutzungen. Festivals und renommierte Clubs scheinen ihnen oft zu kommerziell», sagt Hillbrecht. Am Ende habe wohl das Argument gesiegt, dass die Dampfzentrale mit dem Festival Nordwind kein klassisches Musikfestival veranstalte, sondern eine Plattform biete für das allgemeine Kunstschaffen aus dem Norden.

«Ein Mega-Rave!»

Till Hillbrecht befasst sich schon lange mit der nordischen Clubmusik, die anders sei als das, was die Szene sonst zu bieten habe. «Ihre Basis liegt in der Club-Bewegung der 90er-Jahre, aber mit dem urtümlichen, nordischen Twist bringen sie House und Techno in die Gegenwart.» Aus diesem Dunstkreis stammt auch DJ Skatebård, der letzten April in der Dampfzentrale gespielt hat. «Das war ein Clubabend mit mutiger Musik, interessanterweise für die einen nostalgisch, für die anderen visionär. Für mich ist es schwierig zu beschreiben, was da genau passiert ist. Bezüglich Energie war das jedenfalls ein Mega-Rave!»

Gerade DJ Sotofett – er ist einer der bekanntesten Sex-Tags-Vertreter und wird nebst seinen Kollegen Fett Burger und Bjørn Torske in der Dampfzentrale auftreten – sei ein Meister des Stilmixes. «Auf afrikanische Trommeln folgt Techno, dann wieder etwas Sphärisches. Diese Jungs machen das mit präziser, ästhetischer Haltung. Ihr Handeln zeugt von einer klaren Vorstellung von Energie, Dramaturgie und nicht zuletzt Spass.» «Und», ergänzt Hillbrecht, «sie sind unberechenbar.»

Wird das eine House-Party mit hausbackenen Disco-Tracks? Oder doch eine jazzige Sache? Man kann nie wissen. Aber eines ist gemäss Hillbrecht klar: «Man muss sie einfach machen lassen.»

Aus dem Weltall nach Afrika

Im August hat DJ Sotofett (man munkelt, dass er wahlweise unter dem Namen DJ Speckgürtel fungiert) die Platte «Drippin for a Tripp» veröffentlicht, die nach einer opiumgetränkten Lustfahrt durch irgendeinen Dschungel dieser Welt klingt: Urwaldgeräusche, Grillengezirpe, Vogelgezwitscher, 70er-Jahre-Gitarre, blubbernde Synthesizer und Calypso-Rhythmen. Zwar ist er da, der für die Housemusik typische tanzbare Beat. Auch Anflüge von diesen Cafe-Del-Mar-Kompilationen schwingen mit, aber irgendwie hat das bei DJ Sotofett mehr Stil. Er nutzt den musikalischen Lounge-Kitsch als Akzent, streut ihn ein, aber bringt dann rasch eine lustige Trommel als Ausgleich. Einmal verirrt er sich im Weltall («Space»), wandert dann weiter in afrikanische Gefilde und bringt zwei tolle Stücke in Begleitung der Stimme von Sängerin Maimouna Haugen.

Setzt zu sehr auf das Klischee, wer Sex Tags Mania in der nordisch eigenwilligen Ecke verortet, fragt die Journalistin. «Ja, schon», sagt Till Hillbrecht. «Aber andererseits untermauern sie mit ihrem Verhalten das gängige Bild von den verschrobenen Menschen im Norden, die sich nicht darum kümmern, was andere von ihnen denken.» Man nehme Björk. Oder die isländischen Sigur Rós, die Gerüchten zufolge schon oft angebettelt wurden, ihre Musik für Werbefilme zu verkaufen. Aber da ist nichts zu holen.

Das gilt übrigens auch für die Journalistin. Sex Tags Mania wünsche keinen Pressekontakt im Sinne von einem Interview, schicken aber ein unsägliches Foto, das verwendet werden dürfe.

Dampfzentrale Samstag, 28. November, 00.00 Uhr. Am selben Abend: Marcus Lindeen, Dear Director (21.30 Uhr) und Ulu Braun, Architektura (23 Uhr).

Der Bund

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