Nah am Puls der Welt

«Hubers Musik ist hoch sinnlich. Eben gerade keine Kopfmusik», sagt die Harfenistin Vera Schnider und tritt mit dem Ensemble Proton an zum klingenden Beweis.

Bis sich die Zeit auflöst: Bettina Berger (Flöte), Vera Schnider (Harfe) und Stephen Upshaw (Viola) proben Klaus Huber.

Bis sich die Zeit auflöst: Bettina Berger (Flöte), Vera Schnider (Harfe) und Stephen Upshaw (Viola) proben Klaus Huber. Bild: Adrian Moser

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Im Schweizer Telefonbuch sind aktuell 17 Männer aufgeführt, die Klaus Huber heissen. Der Berner Klaus Huber, dem das Ensemble Proton in der Dampfzentrale einen Konzertabend widmet, ist nicht dabei. Dieser K. H. hat die Schweiz schon vor Jahren verlassen. Und im Ausland eine unvergleichliche Karriere als Komponist, Kompositionslehrer, Dirigent und aufmüpfiger Musikautor angestossen. Vor einem Jahr wurde er in Berlin für sein «zutiefst humanistisches Komponieren» ausgezeichnet, und vier Jahre zuvor erhielt er für sein Lebenswerk gleich zwei der renommiertesten Musikpreise, den Salzburger Musikpreis und jenen der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, der mit 300 000 Franken dotiert ist. Umso erstaunlicher, dass Hubers Werke in den Schweizer Konzertsälen nicht häufiger anzutreffen sind. «Das liegt wohl weniger an den Musikern als an den Veranstaltern, die glauben, dass sie dem Publikum komplexe Musik nicht zumuten dürfen», sagt Vera Schnider, die Harfenistin des Ensembles Proton. «Welch ein Irrtum: Hubers Klangwelten sind hochsinnlich und eben gerade keine Kopfmusik.» Aus Anlass seines 90. Geburtstags im November «und aus Bewunderung für seine Musik und deren Ausstrahlung» habe man sich entschlossen, ein Programm zusammenzustellen, in dem auch Werke seiner Kompositionsstudenten Brian Ferneyhough und Kaija Saariaho erklingen.

«Probieren Sies aus!»

Die Proben in der Burgerstube laufen auf Hochtouren. Das siebenköpfige Ensemble Proton Bern (Dirigent Matthias Kuhn) scheut keinen Aufwand, Hubers mikrotonale Musik lebendig zu machen. Die Partitur von Hubers «L’ombre de notre âge» (1999) für Kammerensemble gibt es nicht gedruckt. «Die handschriftlichen Stimmen sind Leihmaterial und die Notationen zum Teil ungewohnt. «Die Arbeit lohnt sich», sagt Schnider. «Hubers Musik ist tiefgründig, selbstredend, voller Anspielungen und Referenzen, doch nie elitär. Sie stösst Türen auf in neue Klangwelten und tut dies auf eine Weise, dass man es physisch erfahren kann. Probieren Sies aus: Durch die feine, reduzierte Musik wird der Herzschlag heruntergefahren. Man taucht ein in ein langsames Pulsieren und verliert beim blossen Zuhören das Zeitgefühl.»

Die Gegenwart aufbrechen

Zeit ist ein Schlüsselwort in Hubers musikalischem Denken und Schaffen. Musik sei die konkrete Darstellung menschlicher Zeit, sagte er 2003 in einem seiner viel beachteten Essays und forderte, dass die Menschheit statt in Geld in Zeit-Kapital investiere, möglichst zinslos und ohne Amortisationsverpflichtung. Musik solle ja keinesfalls «ad mortem» führen, so Huber, sondern zum Leben, «zu erfüllter Lebenszeit». Wie der Pflug die Erde aufbricht, so müsse die Kunst die Zeit der Gegenwart aufbrechen, damit ihre tiefen Schichten ans Tageslicht kommen und fruchtbar werden.

Klaus Huber, der «Richtige», ist ein engagierter Klangpoet, einer, der es wagt, gegen vorgefertigte Muster der Wahrnehmung anzudenken und anzukomponieren. Wird es dem bald 90-Jährigen, der auch ohne E-Mail und Handy nah am Puls der Welt lebt, möglich sein, an «seinem» Abend anwesend zu sein? Vera Schnider zuckt mit den Schultern. «Die Einladung steht. Wir wissen es nicht. Es wäre eine grosse Ehre für uns.»

Dampfzentrale Montag, 14. April, 19.30 Uhr. www.ensembleproton.ch (Der Bund)

Erstellt: 10.04.2014, 08:54 Uhr

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