Meister der gewitzten Wortakrobatik

Dan le Sac vs. Scroobius Pip vereinen intelligenten, sozialkritischen Sprechgesang mit einer Bandbreite an elektronischen Beats.

Scroobius Pip, der reimende Teil von DLS vs. SP, ist gleichzeitig geistreicher und scharfsinniger Beobachter und begnadeter Sprachkünstler.

Scroobius Pip, der reimende Teil von DLS vs. SP, ist gleichzeitig geistreicher und scharfsinniger Beobachter und begnadeter Sprachkünstler. Bild: zvg

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Berns Kulturradio Rabe wird volljährig und feiert am Wochenende in der Reitschule seinen 18. Geburtstag. Als 18-jähriger Teenager steckt man ja mitten in der Selbstfindung, weiss noch nicht so recht, ob man die Eltern nun mit einem grünen Irokesenschnitt und schwarzem Lippenstift, High Heels und kürzestmöglichem Rock oder mit tief sitzender Hose ärgern will. Entsprechend wird zur Identitätsfindung alles Mögliche und Unmögliche ausprobiert. Genauso vielfältig wie der Gefühlshaushalt eines Teenagers ist denn auch das Programm der Rabe-Geburtstagsfeier (siehe Kasten).

Mit dabei an der Rabe-Sause ist ein Mann, der sich mit dem Zustand der Jugend bestens auskennt und in seinem Sprechgesang auch gerne Bedenken über dieselbige äussert. Die Rede ist von einem Engländer, der sich Scroobius Pip nennt und fernab von gängigen Protzreimen über Bitches und Bling intelligenten Hip-Hop verfasst, wobei er mit seinem ausgeprägten englischen Akzent an Mike Skinner erinnert. Bereits die Wahl des Pseudonyms verrät hier den wachen und gebildeten Zeitgenossen, denn David Meads, so Pips bürgerlicher Name, hat seinen Künstlernamen einem Gedicht des grossen viktorianischen Sprachkünstlers und Nonsens-Literaten Edward Lear entliehen. Was Scroobius Pip in seinen Songs zu ausgefeilten Reimen verarbeitet, ist allerdings weit entfernt von Nonsens. Nach dem Vorbild eines Gil Scott-Heron formuliert er pointierte sozialkritische Aussagen zur Lage der Nation und offenbart hierbei das feine Gespür eines genauen Beobachters.

Der erste Hit: Du sollst töten

Geboren im County Essex im Südosten Englands, begann der heute 33-jährige Meads früh damit, Gedichte zu verfassen und in Punk-Bands mitzutun. Weil sich gemäss eigener Aussage niemand finden liess, der sich für Sprechgesang interessierte, wie ihn Pip fabrizierte, tingelte dieser ein paar Jahre alleine als Spoken-Word-Performer durch die Lande, bevor er 2006 auf den Produzenten Daniel Stephens traf und sich mit diesem zu Dan le Sac vs. Scroobius Pip zusammentat.

Fortan vereinte das Duo Pips ausgeklügelte Sprachspielereien mit elektronischen Beats und war dermassen produktiv, dass bereits ein Jahr später das erste Album «Angles» in den Regalen stand. Darauf skandierte der Sprachkünstler «Thou Shalt Always Kill» – du sollst töten, wobei es sich aber nicht etwa um die blutrünstige Aufforderung eines gewaltverherrlichenden Gansterrappers handelt. Vielmehr mahnte Pip in dieser grotesken Verkehrung eines biblischen Gebotes mit ironisch erhobenem Zeigefinger dazu, sich falscher Konsum-Idole zu entledigen und stattdessen wach, aufmerksam und lernfähig durchs Leben zu gehen. Dan le Sac, dessen vielseitige Beats die Vorliebe für Bands wie Joy Division, Kraftwerk, LCD Soundsystem, aber auch Dance-Punk und analoge Nintendo-Sounds verraten, unterlegte Pips Verse mit einem treibenden, eingängigen Beat, der den Weg nicht so schnell aus den Gehörgängen finden will, sobald er denn mal drin ist. «Thou Shalt Always Kill» war denn auch der erste Song von DLS vs. SP, der in England die Hitparade stürmte und das Duo damit auch ausserhalb des Mutterlandes bekannt machte.

Weder Asket noch Schulmeister

Nein, er habe kein Problem mit Grossbritannien, er lebe gerne in England. Aber nur, weil man irgendwo gerne lebe, müsse man da ja nicht automatisch alles gut finden, definiert Pip seine Einstellung zu seiner Heimat. Und da gibt es doch so einiges, was in Elisabeths Königreich im Schiefen hängt: Klassendünkel ist nach wie vor stark präsent, die soziale Schere weit geöffnet, Angst und Misstrauen gegenüber Fremdem gross, Perspektivenlosigkeit, exzessives Komasaufen und Drogenkonsum bei der Jugend weitverbreitet, Schlägereien an der Wochenendordnung, und immer mehr Kinder stossen in England Kinderwagen durch die Parks. Es sind Themen wie diese, die DLS vs. SP aufgreifen und kritisch reflektieren. Scroobius Pip fungiert dabei aber nicht als Gutmensch, der spasslose Askese predigt, und gibt auch nicht den gestrengen Schulmeister, welcher der Nation mit dem Rohrstock auf die Finger haut. Vielmehr sind seine Texte als konstruktive Anregung zu verstehen, sein eigenes Handeln und seine eigene Haltung zu überdenken und im Kleinen zu beginnen, die Welt zu ändern. Oder um es in den Worten Pips zu sagen: «Get better» – werde besser.

Kenner der gepeinigten Seele

Nicht nur in sozialen Belangen, sondern auch was den psychischen Haushalt des Einzelnen anbelangt, erweist sich Scroobius Pip als kluger Beobachter und Analyst. So zeichnet er in «You Will See Me» das Psychogramm einer zutiefst gepeinigten Seele, die sich aus lauter Gekränktheit und Schmerz über Zurückweisung in grössenwahnsinnige Allmachtsfantasien verstrickt und darin ihr grenzenloses Verletztsein nur noch stärker offenbart. In solchen Momenten zeigt Scroobius Pip sein ganzes Genie: Lautmalerische Sprachrhythmisierungen und Wortspielereien werden hier mit archaischer Bibelsprache gekreuzt und mit sich kontinuierlich steigernden, bedrohlich wirkenden Sythie-Klängen zu einem abgründigen, eindringlichen und beklemmenden Stück Spoken-Word verwoben.

Ob sich das RaBe-Geburtstagspublikum mit der anspruchsvollen Wortakrobatik von DLS vs. SP wird anfreunden können, wird sich weisen. Wem dies zu text- und kopflastig ist, dem bietet das bunte Festtagsprogramm genügend anderes – der Experimentierfreude des 18-jährigen Rabe-Teenagers sei dank.

Dachstock Reitschule Sa, 13. März, 22 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2014, 08:50 Uhr

Ra-Be-Fest: Das Programm

Freitag, 14. März

Dachstock: DJ Bird (23 Uhr), Gregor Tresher (1 Uhr), Dirty Appels (4 Uhr)

Sous le Pont: Lombego Surfers (22.30 Uhr), LRU (0.30 Uhr), Who’s Electra (2.30 Uhr)

Frauenraum: Petra und der Wolf (23 Uhr), Danso Key (1 Uhr)
Tojo Theater: Fil (20.30 Uhr)

Kino: Flight of The Conchords (ganze Nacht)

Samstag, 15. März

Dachstock: Dan le Sac vs. Scroobius Pip (23 Uhr), Tequilla Boys (1 Uhr)

Sous le Pont: The Shit (22.30 Uhr), The E’s (0.30 Uhr), Jet Turino (2.30 Uhr)

Tojo Theater: Dominic Deville (20.30 Uhr), Fitzgerald und Rimini (22 Uhr)

Kino: Flight of the Conchord (ganze Nacht)

Infos auf www.rabe.ch
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