Mehr als Mundwerk

Zsolt Czetner leitet den Chor von Konzert Theater Bern. Warum er Feuer und Flamme ist für «seine» Sänger und sie demnächst durch die Unterwelt lotst, verrät er bei der Chorprobe zur Oper «Orfeo».

Gibt es ein Zurück aus der Unterwelt? Monteverdis «Orfeo» gibt Antwort. Im Bild: Statisterie und Herrenchor.

Gibt es ein Zurück aus der Unterwelt? Monteverdis «Orfeo» gibt Antwort. Im Bild: Statisterie und Herrenchor.

(Bild: Annette Boutellier)

Zsolt Czetner steht ganz vorne am Bühnenrand. Auf der Brüstung vor ihm liegt die Partitur: Monteverdis «Orfeo». Man darf sich freuen, die barocke «Favola in Musica» wird selten gespielt. Am 24. Februar 1607 wurde sie in Mantua uraufgeführt, es ist die Geburtsstunde für die Entwicklung der Gattung Oper. Mit Prolog und fünf Akten bietet das Werk ein Fest an Affekten, weiträumiger Melodik und farbiger Instrumentation. Für seine Zeit wagte Monteverdi Neuartiges: Der Komponist verknüpfte musikalische Motive mit Personen und Handlungsvorgängen. Es markiert den Anfang einer Leitmotivik, die 300 Jahre später bei Richard Wagner ihre Blüte erlebte.

Es ist zehn Uhr, der Chordirektor Czetner möchte anfangen. Der gebürtige Ungar nimmt es ernst mit der Pünktlichkeit. Beim blossen Zuhören kann man die Konzentration spüren, die sich von ihm auf die Sänger überträgt. Nein, ein Tyrann sei er nicht, sagt der Chordirektor. Wenn man als Chorleiter ein hohes Ziel erreichen wolle, brauche es das Gegenteil von Autorität und Peitsche. «Man muss den Sängern Luft geben und sie arbeiten lassen. Qualität kommt aus der Freiheit. Liebe, Menschlichkeit, Fleiss: Das ist es, was beim Chorsingen zählt.»

Dass er selber während der Vorstellungen, wenn der Dirigent die Leitung von Chor und Orchester übernimmt, unsichtbar bleibt, stört ihn nicht. «Ich bekomme genug Applaus in meinem Leben», sagt Zsolt Czet­ner. «Wenn der Theaterchor Lob erntet, dann bin ich als Chordirektor ja mitgemeint.» Der ausgebildete Pianist und Chorbegleiter ist seit Februar 2012 bei Konzert Theater Bern. Einschlägige Erfahrungen konnte er vorher am renommierten Opera House La Monnaie in Brüssel und mit Sängerstars wie Placido Domingo, Edita Gruberova, Brigitte Fassbaender und anderen sammeln – «die grössten Stars waren die bescheidensten», erinnert er sich.

Keine Schweizer im Chor

Czetner hat die Klangbilder im Kopf, die er von den Sängern hören will. Die 32 Frauen und Männer sind alle Profisänger mit einer 100-Prozent-Anstellung. Nur im Extrachor, einem Pool für Einspringer, seien fortgeschrittene Laiensänger, erklärt der Chordirektor: «Diese gehen sonst einem andern Beruf nach.»

Der Jüngste seiner Profisänger ist 28, der älteste 65. Zwölf Nationalitäten seien derzeit im Berner Opernchor vertreten. Schweizer Sänger gebe es darunter keinen. «Sie melden sich nicht, wenn es Vorsingen gibt.» Czetner vermutet, warum das so ist: Der Beruf des Chorsängers habe ein Imageproblem. Wer professionell singe, wolle Karriere machen und als Solist auf der Bühne stehen. Dabei sei das Leben als Chorsänger ebenso abwechslungsreich und spannend. Man lerne ein riesiges musikalisches Repertoire kennen, stehe als Darsteller auf der Bühne, werde geschminkt, trage Kostüm . . . «Und man ist in einem festen Team, das einen trägt.»

Der 36-Jährige ist Feuer und Flamme für seinen Job als Chordirektor: «In meiner Arbeit brauche ich die Begeisterung eines Kindes, die Vitalität eines Jünglings und die Geduld und Weisheit eines erfahrenen Mannes», fasst er zusammen, was ihn ausmacht. Von seinen Sängern werde er oft gefragt, ob es wirklich nötig sei, so hart und präzise zu arbeiten, das spiele für einen Opernchor doch keine Rolle. Beim Singen und Tanzen in Masken und Kostümen gehe auf der Bühne doch sowieso die Hälfte des Klangs verloren. Czet­ner sieht das differenzierter. «Aussprache, Intonation, Zusammenklang, Klangfarbe, Homogenität – im Chor ist alles wichtig. Wenn wir an einem Klangresultat 150 Prozent feilen, und es bleiben auf der Bühne 100 Prozent, dann bin ich zufrieden.» Sagt er und lächelt still. Der Ungar ist kein Eiferer, seine Zurückhaltung ist seine Stärke. Czetner weiss nicht nur genau, was er erreichen will, sondern auch, was möglich ist. Czetner kann nicht nur Kritik üben («das kann jeder»), er hat die Gabe, den Sängern zu sagen und zu zeigen, was sie tun müssen, dass das Gute (noch) besser klingt.

Bis die Steine weinen

«Orfeo» ist ein Fest für den Chor. Monteverdi hat Nymphen-, Hirten- und Geisterchöre eingebaut. Chöre, die das Leben preisen und fünfstimmige A-cappella-Chöre, in denen es um den Tod geht. Czet­ner greift in die Luft, als fange er Mücken. Ein Cembalo nadelt rauschende Arpeggien dazwischen. Später wird die Camerata Bern für die Begleitung sorgen. Die Chorstimmen schwellen an, als wären da hundert Sänger, und verlöschen wie nach einem Kurzschluss. Grossartig.

Was hier klingt, ist mehr als Mundwerk. Es ist Musik mit Macht: Schon Orpheus, der antike Sänger, habe mit seiner Stimme die Steine und Felsen zum Weinen gebracht, die Bäume hätten sich ihm zugeneigt, und die wilden Tiere sich friedlich zu seinen Füssen geschart. So wird erzählt. Und wie er in die Unterwelt stieg, um seine Eurydike aus dem Totenreich zu holen – und scheiterte. «Wie modern und zeitgemäss die Gefühle sind, die da geäussert werden!», sagt Czetner. In den Chorklängen sei alles da: Freude, Wut, Trauer, Angst. «Die Gefühle von damals sind die Gefühle von heute. Die Menschen haben sich in 400 Jahren nicht geändert.» Es komme ihm vor, als ob die Musik im Eis gelegen habe, «wie ein Ötzi oder Mammut. Wir holen sie in die Gegenwart und machen sie wieder lebendig.»

Czetner spitzt die Finger zum Trichter, spreizt die Hand, dass es einen Striegel gibt. Er zieht ihn durch den Klangstrom, der vielkehlig aus dem ausgeleuchteten Bühnenmund schwappt. Mit 32 Sängern ist der Chordirektor zufrieden. Es müssen nicht 90 sein wie in den Opernchören in Wien oder Dresden. 32 sei der Grösse der Berner Bühne angemessen. Doch: Mit 45 wäre Czetner noch zufriedener. «Wir sind keine Spezialisten. Bei uns singt jeder alles. Ein paar Stimmen mehr gäbe uns mehr musikalische Freiheit.»

Stadttheater Bern Premiere: So, 1. März, 
18 Uhr. Mit der Camerata Bern. Regie: Lydia Steier.www.konzerttheaterbern.ch

Zsolt Czetner.

Der Bund

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