Langes Rohr mit dicker Nase

Das Lupophon spielt Töne so tief wie kein anderes Oboeninstrument auf der Welt. Martin Bliggenstorfer ist der erste Schweizer, der das neuartige Instrument beherrscht. Diesen Samstag kann man es in Bern hören.

Martin Bliggenstorfer mit seinem «Wolfstöner», dem Lupophon.

Martin Bliggenstorfer mit seinem «Wolfstöner», dem Lupophon.

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Lupo. LUPO? Wer Lupo sagt, kann vieles meinen. Ein Automodell heisst Lupo und eine Fregatten-Schiffsklasse. Lupo ist die Abkürzung für Luftpolsterfolie. Lupo fliegt durchs All: Der Asteroid Nummer 6087 heisst Lupo. Und Lupo rollt auf Schienen: Auch die schmalspurige Neubaulokomotive der Zillertalbahn heisst Lupo. Der bekannteste Lupo unter den Lupi allerdings ist kein Lupus (Wolf), sondern ein Hund. Er trägt rotes Hemd und gelbe Hose, schläft gerne und frisst am liebsten selbst gebackene Torten. Unter seinen (Comic-)Freunden führt sich dieser Lupo oft auf, als wäre er ein Mensch. Gut kommt das nie. Weil er ständig in Fettnäpfchen tappt. Dann läuft Lupos Tennisballnase rot an. Und ganz Fuxhausen sagt ihm schwarzes Schaf.

Wieso das hier wichtig ist? Von diesem Lupo muss es seine dicke Nase haben, das Lupophon, dieser Aussenseiter unter den Musikinstrumenten. Nicht mal die professionellen Bläser sind mit dem unbekannten Wesen vertraut, das man bisher an keinem Konservatorium professionell lernen kann. Es ist ein Teil aus dunkel gebeiztem Bergahorn, gut 1,80 Meter lang und 4,23 Kilo schwer. Und spielt rund dreieinhalb Oktaven vom Grossen F zum zweigestrichenen h. Geht man nach seinem Namen, dann gehört es zur Gattung der «Wolfstöner». Und da liegt der Schlüssel zu seiner Entstehung. Nicht der Comic-Lupo ist sein Namensgeber, sondern der «Wolf» aus dem deutschen Kronach. Gemeint ist die Firma Wolf, ein Familienunternehmen. Da wird das Blasrohr gebaut. Ein köstlich Ding, das um die Hälfte teurer ist als der Lupo unter den Autos: Rund 12 000 Euro muss man hinblättern für das Lupophon. Im Preis inklusive: der S-Bogen, die Röhre mit Schwanenhalsbogen, die Luponase, genannt Becher (das kugelige Schallstück am Ende der schwungvoll gebogenen Röhre), und ein passendes Etui.

Quantensprung in die Tiefe

Wenn man weiss, dass Guntram Wolf auf der Suche nach dem perfekten Klang Jahre am Prototyp herumgetüftelt hat, ist die Investition angemessen. Harte Arbeit war das nämlich, bis der Übergang von den Griffen zu den Klappen einwandfrei funktionierte und die Bassoboe tönte, wie sie sollte. Wahnsinnig tief. So tief wie kein anderes Instrument zuvor aus der Familie der Oboen. Zwar gab es schon seit der Renaissance Bariton-Oboen. Doch erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie weiterentwickelt. Das Heckelphon spielte die tiefen und tiefsten Oboentöne, so in Richard Strauss’ «Salome» oder der «Alpensinfonie». Allerdings kümmerte es Strauss keinen Deut, dass das Heckelphon das Grosse F, das er komponierte, gar nicht spielen kann. Ein Dilemma, das die Oboisten bisher so gelöst haben, dass sie den Ton einfach oktavieren.

Mit dem Lupophon wird das nun anders. Das Instrument bedeutet einen Quantensprung in Bezug auf tiefe Töne. Das zeigte sich, als Lupophon-Bauer Guntram Wolf seinen «Lupo» an einem Musikerkongress in den USA vorstellte: Die Oboisten und Fagottisten aus der ganzen Welt kamen nicht aus dem Staunen über die neuen Möglichkeiten. Es habe Bestellungen gehagelt, erinnert sich Wolf. Doch erst vor einem Jahr war es so weit, dass das erste Lupophon aus der Serienfertigung die Fabrik der Wolfs verlassen konnte.

Instrument mit Zukunft

Dass es dann in Schweizer Hände kam – zum Oboisten Martin Bliggenstorfer –, war wohl mehr als bloss ein Zufall. Der Oboist widmete dem Instrument seine Masterarbeit am Amsterdamer Konservatorium. Seither sind die beiden unzertrennlich. «Ich verbringe viel Zeit mit dem Instrument», sagt der 29-jährige Musiker. «Das Lupophon wird eine grosse Zukunft haben. Interessant und neu ist, dass man mit ihm sehr schnell und sehr tief spielen kann. Und dass kräftige und leise Töne möglich sind.»

Bliggenstorfer engagiert sich für die Weiterentwicklung des Lupophons, aber auch für die Erweiterung seines Repertoires. So hat der Berner Christian Henking im Auftrag des Musikfestivals Bern explizit für das Lupophon, zwei Sänger, Geige, Cello, Klavier, Harfe, Flöte und Kontraforte (ein neuartiges Bassfagott mit viereinhalb Oktaven Umfang) ein Septett komponiert, das sich an Texten Robert Walsers entzündet. Das junge, auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble Proton (Leitung Matthias Kuhn) stellt es vor. Auf dass niemand mehr das tiefste Oboeninstrument der Welt mit einem Auto oder einer Luftpolsterfolie verwechselt. Oder einem kugelnasigen Hund. (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2011, 09:28 Uhr

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Das Ensemble Proton spielt «Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit» von Christian Henking, «Stunde» von Gabrielle Brunner sowie ein Werk von Xavier Dayer.

Das Lupophon. (Bild: zvg)

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