Intellektuelle Tabubrecher

Die Goldenen Zitronen sind seit 30 Jahren im Punk-Geschäft und dabei unvergleichlich, unzuordenbar und sozialkritisch geblieben.

Schorsch Kamerun, zuständig für den Gesang der Goldis.

Schorsch Kamerun, zuständig für den Gesang der Goldis. Bild: Hrvoje Goluza

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Intellektuelle Tabubrecher

«Ich mag Bier, sogar sehr viel / Aquavit und billiger Sprit / nen Kümmerling dazu / und voll bin ich im nu», sangen die Goldenen Zitronen Mitte der 80er-Jahre. Eine pubertäre Schnaps-Hymne sondergleichen, wird der eine oder die andere nun wohl denken. Tut man aber «Ganz doll Schnaps», so der Titel des Songs, einfach als schlechten Bierzelt-Gassenhauer ab, dann wird man den sozio-kulturellen Umständen der Entstehungszeit nicht gerecht und verkennt die Gesinnung der Goldis. Um zu verstehen, warum dieses musikalische Schnaps-Bekenntnis in erster Linie als ironischer Tabubruch gedacht war und weswegen die Golden Zitronen nicht einfach eine plumpe Fun-Punk-Band sind, ist eine kurze Rückblende vonnöten.

Der Punk im Punk

Es war im Sommer 1984, als sich Schorsch Kamerun, Aldo Moro, Ale Sexfeind und Ted Gaier in Hamburg zu die Goldenen Zitronen formierten. Die 80er-Jahre waren die Zeit, in der im Hamburger Hafenviertel Häuser besetzt wurden, Jugendliche Freiräume forderten und sich Strassenschlachten lieferten mit der Polizei. Es war auch die Zeit, in der sich Punk als Ausdrucksform der autonomen Szene etablierte und eine strikte Auslegung der Gesinnung in die sogenannte Straight-Edge-Bewegung mündete. Mitglieder dieser Ideologie verzichten bewusst auf jegliche Rauschmittel und eine promiske Lebensweise und ernähren sich oft vegetarisch oder vegan.

Punk war also eine durchaus ernste Angelegenheit und musikalisch galt: je härter, schneller und inhaltlich ernster, umso besser. Auf diese Humorlosigkeit antworteten die Goldenen Zitronen mit einem ironischen Bruch: Der ästhetischen Stagnation der Punk-Szene wurde ein dilettantisch gespielter Mix aus Punk, Schlager, Rockabilly und Glam-Rock entgegengesetzt. Inhaltlich wurden keine ideologischen Parolen geboten, sondern dem ernsten Polit-Umfeld ein Schnaps-Lied präsentiert - ein veritabler Tabu-Bruch, Punk im Punk. Haltung.

Nicht gefällig

Ihre zunehmende Popularität wurde den Goldenen Zitronen im Verlauf der Zeit beinahe zum Verhängnis. Eine neue, junge Kundschaft verstand die ursprüngliche Intention von Inhalt und Machart nicht mehr, sondern verortete das Hamburger Quartett in der Mainstream-Fun-Punk-Ecke - also exakt dem Ort, wo sich die Goldis als letztes zugehörig fühlten. Als Konsequenz wechselten die Hamburger zum Berliner Indie-Label Vielklang und bezogen auf dem 1990 erschienenen Album «Fuck you» textlich und musikalisch unmissverständlich Position: Auf dem Cover wurden die Band-Mitglieder abgebildet, wie sie Platten von grossen Majorlabels verspeisen. Texte wie «nur die Regierung stürzen» verdeutlichten die eigene linke und systemkritische Haltung.

Seit dieser Zeit ist viel Wasser die Elbe hinuntergeflossen. Was geblieben ist, ist das konsequente Bestreben der Goldenen Zitronen, nicht gefällig und massentauglich zu sein, sondern mit intelligenten Texten Position zu beziehen und gesellschaftskritische Statements zum aktuellen Geschehen abzugeben. Die musikalische Vielfalt wurde dabei dermassen ausgeweitet, dass eine kategorisierbare Genrezuweisung beinahe unmöglich ist. Auf den insgesamt 11 Alben der Goldenen Zitronen werden scheppernde Gitarren und Becken mit Sprechgesang vermengt, Improvisation trifft auf Punkrock, Techno auf New Wave und 70er-Jahre Psychedelik auf Jazz. Auch das neuste Werk «Who’s Bad» ist ein solcher Genre-Bastard. Wer aufgrund des Titels Mainstream-Popsongs in Michael-Jackson-Manier erwartet, der ist den Goldies ganz schön auf den Leim gekrochen, worüber sich die subversiven Intellekto-Punks bestimmt diebisch freuen würden.

Dachstock Reitschule Fr, 11. April, 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 10.04.2014, 09:36 Uhr

Artikel zum Thema

Ausdrucksstarke Punk-Poesie

KulturStattBern «Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs», «Die toten Crackhuren im Kofferraum», «The Deinemutter» – gehts um die Namensgebung laufen einige Bands zu literarischer Höchstform auf. Zum Blog

Ohne Berührungsängste

Der Punk-Jazzer Lucien Dubuis verbindet sein langjähriges Trio neuerdings mit einem Streichquartett. Mehr...

Glasklares Musikmaterial

Crystal Stilts und Crystal Antlers frönen beide dem Post-Punk, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Vergesst die Spieltermine!

Sweet Home Einfach und gemütlich

Die Welt in Bildern

Royale Brückenbauerin?: Kate besucht die neuen Brücke zwischen dem Hafen von Sunderland und der Stadtmitte. Sie traf Ingenieure, die betroffene Bevölkerung und die beschäftigten Bauarbeiter. (21. Februar 2018)
(Bild: Chris Jackson/Getty Images) Mehr...