«Ich selbst habe die Unterdrückung von Frauen in Ägypten erlebt»

Wael Sami Elkohly kommt aus Ägypten, lebt in Bern und hat die ein Werk zum Flüchtlingstag komponiert.

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Sie haben ein Werk zum Flüchtlingstag komponiert. Wie sind Sie an dieses ebenso aktuelle wie uralte Thema herangegangen?
Als ich angefragt wurde, eine Komposition für diesen Anlass zu schreiben, habe ich mich auf die Suche nach einem Sujet gemacht und bin auf die Geschichte der Hypatia gestossen. Das Schicksal dieser grossen Denkerin, die im spätantiken Alexandria wegen ihrer Ideen und ihrer Lehre ermordet wurde, handelt nicht von der Flucht vor Unterdrückung und Gewalt, sondern vom Widerstand gegen diese, vom Eintreten für die Freiheit der Ideen. Und als solches ist diese Geschichte hochaktuell, denn auch im verheerenden Krieg in Syrien gibt es viele Menschen, die entweder nicht fliehen können oder nicht fliehen wollen.

Wie setzen Sie das Schicksal der Hypatia in Ihrer Komposition um?
Ziemlich schnell kam die Idee auf, ein Oratorium für die Frauenstimmen des Vokalensembles Les Voc-à-Lises zu schreiben. Gemeinsam haben wir dann ein Libretto erarbeitet, das weniger die Geschichte Hypatias beschreibt als die darin angelegten Themen anhand von Texten verschiedener Autorinnen verarbeitet und so auch den Bogen zur Gegenwart schlägt.

Mehrfach erklingen Worte der ägyptischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Nawal El Sadaawi. Ist sie eine moderne Hypatia?
Absolut. Die Geschichte wiederholt sich. Ich selbst habe die Unterdrückung von Frauen in Ägypten erlebt. Und ich habe als Kind mitbekommen, wie Nawal El Sadaawi von den Traditionalisten beschimpft und verachtet wurde für ihre Ansichten, die aus heutiger Perspektive ganz logisch erscheinen. Alexandria war in der Antike eine blühende Kulturstadt, und dennoch gelang es den Mächtigen, Tradition und Religion zu missbrauchen, um Andersdenkende zu unterdrücken. Das geschieht auch heute.

Welche musikalischen Sprachen klingen in «Hypatia» an?
Ich komponiere zeitgenössische klassische Musik. Allerdings finden sich in meinem Stück auch Anklänge an die traditionelle arabische Musik. Zudem habe ich versucht, mit dem Klang der Sprache zu arbeiten, die Sprache als klangliches Material zu verwenden und sie auch zu entfremden.

Die Komposition umfasst neben den acht Frauenstimmen auch ein Harmonium, ein Instrument, das man eher selten im Kontext zeitgenössischer Musik hört.
Das war für mich als Komponist eine spannende Auseinandersetzung. Wir kennen nur die gewöhnlichen Klänge dieses Instruments, gemeinsam mit dem Organisten Marc Fitze habe ich aber experimentiert, wie man dem Harmonium neue Klänge entlocken kann. Ausserdem erinnerte ich mich, dass ich dieses Instrument bereits in meiner Jugend gehört hatte. In Alexandria wurde das Harmonium zur Begleitung von Filmen eingesetzt und taucht daher auch in alten ägyptischen Filmen auf. Diese Verbindung zu meiner eigenen Geschichte und der Liebe zu dieser Stadt ist auch Teil meiner Komposition.

Inwiefern steht «Hypatia» in der Gattungstradition des Oratoriums?
Für mich trägt das Werk, trotz der Dramatik der Geschichte, eher epische Züge. Das Stück beginnt mit dem Tod und endet mit der Kraft von Hypatias Ideen, denn diese leben ewig weiter. (Der Bund)

Erstellt: 16.06.2016, 07:20 Uhr

Harmonium-Festival

Im Rahmen des Harmonium-Festivals «Polyphonie der Kulturen» erklingt die Uraufführung von «Hypatia», einem Oratorium des in Bern lebenden Ägypters Wael Sami Elkohly, dargeboten vom Vokalensemble Les Voc-à-Lises unter der Leitung von Monika Nagy und dem Organisten Marc Fitze am Harmonium. Ergänzt wird das Konzertprogramm unter dem Motto «Flucht» durch eine Schweizer Erstaufführung des französischen Komponisten Albert Alain (1880–1971). Das Konzert findet am Samstag, 18, Juni, um 17 Uhr anlässlich des nationalen Flüchtlingstags in der Heiliggeistkirche Bern statt.

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