Hochnebel über dem Äquator

Chica Torpedo sind die Heissblüter unter den Berner Mundart-Bands. Für ihr neues Album haben sie ihr Temperament teilweise etwas heruntergekühlt.

Berner Blues und äquatornahe Heissblütigkeit: Schmidi Schmidhauser.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Berner Blues und äquatornahe Heissblütigkeit: Schmidi Schmidhauser.

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Nein, der Zugang fällt für einmal nicht ganz leicht. Da sind dieser abgefingerte Albumtitel «Gärn z’ Bärn» und die dazugehörige – ähm, etwas beschwipste – Erläuterung auf der Homepage: «Yes. Diese Stadt ist wirklich very groovy. So groovy, dass wir das fünfte Chica-Torpedo-Album so nennen, wie wir uns fühlen: ‹Gärn z’ Bärn›». Dem nicht genug. Das Album beginnt mit einem Lied, das den nun wahrlich nicht mehr ganz eigenständigen Geistesblitz verfolgt, Begriffe aus der Computersprache zu einer Anhimmlung zu bündeln, was dann folgendermassen klingt: «I wott mi iilogge u di abesuge, i wott di abelade, i wott di downloadä, mit dir umeflüge, dür z wite Web.»

Doch irgendwann folgt der Track Nummer 4, und auf einmal wird offenbar, warum es sich lohnt, mit der Gruppe Chica Torpedo etwas Geduld zu haben. Track Nummer 4 heisst «Balkon-Song», und er ist etwas vom Grossartigsten, was dieses klingende Unikum je zu Musik gemacht hat. Ein geschmeidig federnder Mondschein-Reggae, der im Mittelteil zu einem funkigen Disco-Stampfer mitsamt Posaunen-Solo mutiert. Dazu schmachtet Schmidi Schmidhauser seine Balkonbeobachtungen einer lauen Sommernacht ins Gesangsmikrofon. Dermassen grazil ist das, heutig produziert und elegant zwischen Berner Schwermut und karibischer Beschwingtheit oszillierend, dass der etwas steile Einstieg schnell vergessen ist (man verpasse nicht das gloriose Video zum Song, in welchem die Band auf einem Balkon durch Bern kurvt).

Trio Eugster auf Speed

Ins Leben gerufen wurde die Combo Chica Torpedo bekanntlich, damit die einstige Shoppers-Kühlerfigur Schmidi Schmidhauser sein musikalisches Fernweh abreagieren konnte. Vier Alben lang hat er dies in währschaftem Latin-Duktus getan, indem er im Salsa- oder im Cha-Cha-Cha-Takt kleine regionale Mühsälchen und Freudchen in grenzenloser Musik ertränkte. Für das neueste Werk wurde der musikalische Rahmen nun etwas weiter gesteckt. Stücke wie «Libelle» oder «Mi Nachbar» könnten getrost aus dem Song-Köcher von Stop The Shoppers stammen, sie sind denn auch die mit Abstand entbehrlichsten des ganzen Albums. Doch offenbar passen Chica Torpedo ohne ihren Latin-Approach nun auf einmal ins Raster der schweizerischen Lokalradios; «Libelle» läuft auf verschiedensten Kanälen in – immerhin – mittlerer Rotation.

Unwiderstehlich sind Chica Torpedo allerdings nicht, wenn sie sich auf alte Schwächen besinnen, sondern wenn sie die Grooves in bewährter Manier rollen lassen, wie etwa im leichtfüssigen «Hei ga». Das klingt dann ein bisschen wie Trio Eugster auf Speed – Hochgeschwindigkeits-Merengue fürs Aare-Knie.

Blues und Balladen

Und die neu eroberte stilistische Freiheit hat dem Album obendrauf acht höchst segensreiche Minuten beschert. «Hochwasser» ist ein locker getakteter, gleichzeitig eindringlicher und sonderbarer Blues auf die Unvollkommenheit dieser Welt, und «Du hesch e Schibe» ist eine himmeltraurig-schöne Latin-Ballade über die Krux des Rauschgiftlens. «Gärn z’ Bärn» ist vielleicht das bisher unbeständigste Werk der Berner Heissblüter, mit seinen verwunderlichen Ausbuchtungen aber auch das wohl aparteste.

Der Bund

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