Hinfallen und den Boden verfehlen

Geburtstag im Bienenstock: Zum Saison-Auftakt von Bee-Flat kommt Hildegard angeflogen. Sänger Andreas Schaerer im Gespräch.

Andreas Schärer (vorne) fragt, die Band antwortet: Hildegard Lernt Fliegen in doppelter Ausführung.

Andreas Schärer (vorne) fragt, die Band antwortet: Hildegard Lernt Fliegen in doppelter Ausführung. Bild: Reto Andreoli

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Etliche Flugmeilen, volle Konzertsäle, erfolgreiche Platten und zunehmendes Ansehen in der internationalen Jazz-Gemeinschaft: Für den 39-jährigen Berner Komponisten und Vokalkünstler Andreas Schaerer ist alles im Steigflug begriffen. So unverspannt, wie der Sänger von Hildegard Lernt Fliegen sich dabei gibt, scheint ihm die musikalische Flughöhe gerade angenehm, um unangeschnallt durch die Kabine zu tänzeln.

Es ist wohl nicht ungewöhnlich, dass er in einem japanischen Taxi gerade im Verkehrschaos von Tokio steckt, wenn man ihn anruft. «Wir freuen uns darauf», erzählt Schärer bezüglich seiner Rückreise, «mal wieder auf einer intensiven Tour durch die Heimat zu tingeln, denn wir haben kürzlich gemerkt, dass wir die Schweiz vernachlässigt haben.» Er spricht dabei nicht für das Trio Rom-Schaerer-Eberle, mit dem er momentan in Japan spielt, sondern für seine fast schon legendäre Formation Hildegard Lernt Fliegen: Saxofone in allen gängigen Stimmlagen (Benedikt Reising und Matthias Wenger), ein Kontrabass (Marco Müller), Posaune respektive Tuba (Andreas Tschopp) und ein Schlagzeug, das immer öfter auch eine Marimba ist (Christoph Steiner), ergänzen Schärers expressive Stimmperformance. Anarchischer Witz trifft auf gezielte Dekonstruktion trifft auf Können.

Das Sextett hat sich zum erstklassigen Berner Jazz-Exportgut entwickelt. Der Wandel der Hochschule der Künste von einer traditionellen Bebop-Prägung hin zu weniger konventionellen Jazz-Varianten wird von den Herren demonstriert, die zur ersten Generation dieser stilistischen Öffnung gehören: Schräge Etüden, tonale Hetzjagden und technische Glanzmomente werden von Schaerers dadaistischer Kehle beschworen.

Die erste Dekade der erfolgreichen Flugversuche wurde mit drei Höhepunkten beendet: ein Preis, ein Sinfonieorchester und eine neue Platte. Mit dem 2014 erschienenen Album «The Fundamental Rhythm of Unpolished Brains» lieferte die Band erneut Beweismaterial, dass sie nicht nur live begeistern kann. Die Lobsprüche der Kritik attestierten der kontrolliert chaotischen Platte einen hohen musikalischen Wert. Erneut ziert ein fantastisches Cover vom Comic-Zeichner Peter Bäder das Werk, die Texte stammen von Schaerers Gattin Brigitte Wullimann, die ebenfalls Jazz-Sängerin ist.

Gekröntes Jahrzehnt

Das Album bescherte Schaerer den Echo-Jazz-Award für den besten internationalen Sänger. «Das kam unerwartet. Ich war mit meiner Familie in Asien, zwei Monate ohne Handy und E-Mail. Als ich zurück kam und von der Nominierung hörte, habe ich mich tierisch gefreut.» Hinsichtlich der immer noch eher erfolgsorientierten Vergabe stimme es ihn zuversichtlich, dass sich die Jury auch für experimentelle Stile ausspricht. Trotzdem liess er es sich nicht nehmen, als er zur Trophäe befragt wurde, zu wünschen, dass «die ganze Veranstaltung noch etwas mutiger sein dürfte».

Ein gewagter Auftrag reihte sich in den hildegardschen Höhenflug, den Schärer vom Lucerne Festival erhielt. Auch wenn er wenig Erfahrung darin hat, komponierte er eine Sinfonie, die im September von der Jazz-Truppe gemeinsam mit dem Lucerne Academy Orchestra aufgeführt wurde. Bedenken gegenüber dieser Paarung räumte er mit der gekonnten Verbindung von leichtfüssigem Humor und künstlerischem Ernst aus dem Weg.

Im Schwebezustand passiert auch nach zehn Jahren nichts von selbst. «Wir haben uns alle am Instrument entwickelt, das Material wird schwerer», meint Schaerer, «wenn es aber wie in Luzern gelingt, mit so einem massigen Körper abzuheben, ist das umso toller.» Aber Hildegard bleibt vorerst Hildegard: «Wir hätten in Luzern unser Zehnjähriges feiern können, eine krassere Torte kann man fast nicht backen, aber wir tun es gerne mit wenigen Freunden im kleinen Kreis.»

Den Gaumen interessiert das Rezept der Torte ohnehin mehr als deren Grösse. Wenn es auch nicht geklappt hat, das Jubiläum im schwerelosen Sinkflug eines Lufthansa-Jets zu begehen (obwohl entsprechende Verhandlungen mit einem Piloten liefen), gibt es immerhin zwei Stück Honigkuchen im Bienenstock. Im Wochenendprogramm zur Saisoneröffnung von Bee-Flat spielt die Band zwei Konzerte am Sonntag. Schaerer wird zusätzlich in der Carte-blanche-Reihe des Veranstalters im kommenden halben Jahr ein paar Konzerte geben und dabei auch andere Vokalkünstler vorstellen.

Konzentrierte Verwunderung

Der Weltraum-Reiseführer «Per Anhalter durch die Galaxie» gibt laut Douglas Adams folgenden Leitfaden zum Fliegen: Man müsse lediglich hinfallen und dabei den Boden verfehlen, was wiederum nicht mutwillig gelinge, sondern durch eine ablenkende Verwunderung während des Fallens. Schärers Stimme scheint ebendas zu schaffen, indem er ihr keine Grenzen setzt: Alles bleibt möglich und trotzdem kontrolliert.

An Konzerten empfinde er oft «einen Zustand, als werde ich fremdgesteuert. Ich muss in der freien Improvisation riskieren, dass sie schief geht. Wenn sie aber gelingt und authentisch bleibt, passiert etwas Magisches. Es ist wie Schmusen: Das kann man weder planen noch forcieren.»

Er ist bereit, hinzufallen, und die Band sorgt im richtigen Moment für Verwunderung. Der Abflug gelingt. Sie schafft es, sich gleichzeitig verstohlen hineinzuschleichen und augenblicklich da zu sein, um eine dahingequasselte Geschichte des Sängers abzuholen und weiterzuerzählen. Dann lässt sie seiner Sprunghaftigkeit wieder Raum, unterbricht seine plötzlichen Beat-Box-Anfälle, beginnt Zahlen-basierte Frage-Antwort-Spiele und kurzbeinige, tonale Wettläufe.

Für Schaerer sind gehäufte Konsonanten genauso wenig ein Problem wie das Staccato für seine Bläser. Ein Vokal, der bübisch und verstohlen klingt, wird zum alpinen Jodler, der beschwörend um den Zaubertrank herum tanzt und im nächsten Augenblick auf einer Broadwaybühne überschwänglich leidet, sich in Darth Vader verliebt und den Gesang des betörten Frosches anstimmt. Ja: Hildegard kann fliegen.

Turnhalle im Progr Sonntag, 18. Oktober, 15.30 Uhr und 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2015, 14:59 Uhr

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