Galoppierende Unvernunft

Die Gruppe Troubas Kater ist im Begriff, das nächste grosse Berner Ding werden. So locker und leicht wurde zwischen Hip-Hop und Polka noch selten gerumpelt.

Klingt wie zutrauliche Kummberbuben: Die Kernformation von Troubas Kater.

Klingt wie zutrauliche Kummberbuben: Die Kernformation von Troubas Kater. Bild: Sandra Senn

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Ja, warum auch nicht sein erstes Album mit einem Duett für Tuba und Rapper beginnen? Das hat bisher noch niemand gewagt – die Welt könnte also darauf gewartet haben. Als rhythmisches Prust-und-Schnauf-Instrument eignet sich das basslastige Bügelhorn denn auch bestens, und Rapper QC dichtet dazu den Text über einen Mann, der sich als Kanonenkugel suizidal über eine Stadt schiesst und dergestalt – quasi als Kollateralereignis – eine bessere Welt erschafft.

So kapriziös startet die Berner Gruppe Troubas Kater ihren Erstling «Verdammte Novämber». Und obwohl der Opener nach einer Minute und sieben Sekunden bereits wieder endigt, deutet er an, dass hier jemand keine Lust mehr hat, abgetrampelte Pfade zu begehen. Hier wird mit draufgängerischem Mumm und hehrem dichterischem Ehrgeiz zu Werke gegangen, hier will einer seinen Rap-Tellerrand erweitern.

Erinnerlich ist dem Chronisten eine Begegnung mit dem Sprechsänger QC in einem «Kulturzelt» auf der Riederalp im Jahre 2010. QC ging dort mit seiner damaligen Band Männer am Meer als Vorband von Marc Sway konzertant zu Werke. Und nein, so richtig funken wollte das nicht: Männer am Meer verquickten Hip-Hop mit Gauditum, was vom Walliser Publikum mit einer Mischung aus Desinteresse und Geringschätzung zur Kenntnis genommen wurde. Ein bisschen viel Originalitätswollen war da zu beklagen und ein Hang zum Sauglattismus. Davon ist in der neuen Band von QC fast nichts mehr zu hören. Troubas Kater sind im Begriff, zu einer neuen Grösse im Berner Mundart-Kosmos zu werden. Die Ohrwurm-Refrains werden im Akkord aus dem Ärmel geschüttelt, es wird geschunkelt zwischen Blasmusik-Volkstümlichkeit, ein bisschen Balkan-Gerumpel, kunoeskem Sprechgeschmachte, äusserst lockeren Hip-Hop-Allüren und folknaher Gemütlichkeit. Kurz: Es klingt ein bisschen nach einer zutraulichen Version der Kummerbuben, bloss mit einem grösseren Airplay-­Potenzial und ein bisschen gedrosselter subversiver Bockköpfigkeit (Simon Jäggi von den Kummerbuben sorgt in einem Gastbeitrag eigenhändig dafür, dass die Sache nicht allzu Geschmeidig wird). Doch selbst Troubas Katers Hit «Latvia», der derzeit in praktisch sämtlichen Lokalradios des Landes gespielt wird, wirkt in seinem ernsten Schwermut nicht anbiedernd. Nein, das ist wunderbar rumplige, sympathische Popmusik, die einen in jeder Gemütslage zum Fusswippen bringt.

Wie klingt Bern

Die Band ist die Frucht einer Weltreise. Unternommen hat sie das Band-Oberhaupt QC, das sich gerade auf der Suche nach neuen Ideen für sein Dasein und für sein Musizieren befand. Es ging nach Amerika, von New Orleans bis Costa Rica, später nach Asien, überall auf der Suche nach Musik, nach der örtlichen und der eigenen. Und je weiter er von seiner Heimatstadt entfernt war, umso mehr interessierte ihn, wie sie denn eigentlich klinge, diese Stadt Bern und ob es nicht eine Aufgabe sein könnte, diesen Klang mit einer nächsten Band abzubilden.

Kaum zurück, nahm QC diese Aufgabe in Angriff. Herausgekommen ist eine sehr persönliche Interpretation heimatlicher Klangkultur: «Ich brauchte ein Korsett für meine neue Band, damit die Ideen nicht ausufern», erzählt QC. «Also suchte ich mir Instrumente, die ich irgendwie mit dieser Stadt verbinde und die eine gewisse Folk-Romantik zu entfachen imstande sind.» Genau diese folkige Seite sei es nämlich gewesen, die er mit der Vorgänger-Band Männer am Meer nicht habe ausleben können. Und dann gings auf die Strasse, unter anderem ans Buskers in Bern, um den neuen Klangkörper zu festigen. «Das war eine andere Vorgabe, die wir uns selber stellten, dass alles was wir tun, auch auf der Strasse funktionieren muss», erklärt QC.

Das hatte zur Folge, dass Troubas ­Kater nun aus acht Köpfen besteht, eine ökonomische Unvernünftigkeit in einer Zeit, in der sich weltweit Bands für den immer härter werdenden Markt zurechtschrumpfen. «Es ist sogar schon ein neuntes Mitglied in den Startlöchern», ergänzt QC mit einem Schmunzeln. «Natürlich ist das unvernünftig, doch wir sind fähig, die Band für kleinere Konzerte auf fünf Leute zu dezimieren. Es macht dann halt ein bisschen weniger Spass.»

Zwei Fragen bleiben: Standen bei der Namensgebung die Berner Troubadoure Pate? «Ich habe Begriffe, die für die Band wichtig sind, in einen Topf geworfen und daraus einen Namen gebastelt. Da fanden sich Begriffe wie Bass und Trompete – aber auch die Troubadoure. Ich mag es, in sich geschlossene Geschichten zu ­erzählen.» Und was ist so schlecht am Monat November? «Es ist der schlimmste Monat des Jahres: Es ist kalt, aber Snowboarden kann man trotzdem noch nicht.»

Die CD-Taufe im ISC ist ausverkauft. Weitere Konzerte: Fr, 4. Dez., Wetterhorn Hasliberg; Sa, 16. Jan., Mokka Thun; Sa, 23. Jan., Kufa Lyss; Sa, 6. Feb., Kulturhof Schloss Köniz; Sa, 2. Apr., Bären Münchenbuchsee. (Der Bund)

Erstellt: 03.12.2015, 10:19 Uhr

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