Feierabendstimmung im Schrebergarten

Rechtzeitig zum Wintereinbruch erscheint das neue Album der Berner Band Schöftland. Mit seinen realistischen Märchen bringt Sänger Floh von Grünigen Poesie in den Alltag.

Schöftland bringen mit ihrem zweiten Album Zauber in eine Welt, die wir alle kennen: Sänger Floh von Grünigen (1. v. l.) und seine Band am Berner Bahnhof.

Schöftland bringen mit ihrem zweiten Album Zauber in eine Welt, die wir alle kennen: Sänger Floh von Grünigen (1. v. l.) und seine Band am Berner Bahnhof. Bild: zvg

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Schöftland ist eine unauffällige Band. Knalliges Marketing? Eher nicht. Auch in ihrer Heimatstadt Bern sind sie nicht wirklich bekannt. Schöftland, das ist doch ein Ort? So passt es, dass Kopf, Sänger und Drehscheibe der Band, Floh von Grünigen, keine extravagante Erscheinung ist. Er gehört zu denen, die in der Masse kein Aufsehen erregen, sympathisch, mit freundlichem Blick und höflichen Gesten. Doch Floh von Grünigen hat auch seine extrovertierten Momente. Als Sänger und Texter der Band Schöftland verrät er viel über sich selbst und seinen Blick auf unsere Welt.

Es ist eine kleine Welt, die auf Schöftlands zweitem Album gezeichnet wird. Eine, die man in unseren Gefilden ohne weiteres wiedererkennt. Floh von Grünigen singt von der Tramhaltestelle Weissenbühl, vom ungemachten Bett und der Hoffnung darauf, dass das Beste noch kommen wird. Begleitet wird er dabei von Bass, Schlagzeug, Saxofon, Synthesizer und Gitarre. Einhellig plädiert die fünfköpfige Band dafür, kurz innezuhalten und sich das grosse Ganze mal von nahem anzusehen. Oder bisweilen aus der Vogelperspektive. Das Treffen mit Floh von Grünigen fällt auf den Tag, an dem in diesem Winter zum ersten Mal Schnee fällt. Er bestellt einen Süssmost und zeigt sich erfreut über das Interesse, das seiner Band zuteil wird. Dass in der Informationsflut sein Schaffen überhaupt wahrgenommen werde, darüber könne er schon froh sein.

Vogelfreak mit Gemüseabi

Floh von Grünigen unterrichtet Sechstklässler, ist erklärterweise kürzlich zum «Vogelfreak» mutiert und besitzt das «Gemüseabi» eines lokalen Lieferanten. Denn: «Auch als Künstler musst du ein Leben haben, in dem du dich nicht nur mit dir selbst beschäftigst.» Die Texte belegen dieses Bewusstsein für seine Umwelt. Er singt über populäre unliebsame Themen wie exzessives Konsumverhalten und die damit verbundene Wegwerfmentalität. Da haben Missverständnisse keinen Platz: «Aber wenn ich mir was Neues kauf / Mach ich mir neue Sorgen / Wo ich all das Neue dann / Später mal entsorgen kann / Wegwerfen ist besser und dann nichts mehr kaufen.» Floh von Grünigen schafft es, Augenfälliges markant zu verworten und am Ende doch noch für den Aha-Effekt zu sorgen.

Diese Alltagsanalysen fordern von Grünigen einiges an Wachsamkeit ab. Kaum je gönnt er sich eine Pause. Manchmal müsse er sich zwingen, auch mal auszuschlafen, sagt er. Seine Ruhelosigkeit besingt er gemeinsam mit der Sängerin Lena Fennell im Lied «Schlaf ruhig ein»: «Früh aufstehen alleine verdient keinen Applaus.» Den Applaus wünscht er sich sowieso nur vom Publikum, das seine Konzerte besucht. Konzerte geben, auf der Bühne stehen, das sei der schönste Teil der ganzen Arbeit. Dabei wolle er gar nicht berühmt sein, sondern einfach nur «gute Werke» schaffen.

Alle – das sind so viele

Nun hat das mit dem Nicht-Berühmtsein nicht so ganz geklappt. Nachdem Schöftland im Jahr 2007 ihre EP «Nur Touristen» veröffentlicht hatten, tourten sie erst einmal durch Deutschland – mit dem Zug. Ein Schweizer, der hochdeutsch singt, das alleine liess aufhorchen. Und so erweckten sie kurz darauf die Aufmerksamkeit des deutschen Liedermachers Gisbert zu Knyphausen. Er erkor Schöftland zu seiner Vorband, was Gelegenheit bot, in ausverkauften Clubs zu spielen.

Ward die EP noch in einem Restaurant aufgenommen, kam die erste CD «Der Schein trügt» (2010) im durch und durch professionellen Gewand daher und bescherte den Musikern Kollaborationen mit Heidi Happy, Pedro Lenz und Greis. Der dritte Streich heisst nun «Schöftland». Der Titel trifft zu. Auf dem Album, das am 2. November erscheint, tut die Band das, was sie am besten kann: Schöftland sein. Überraschungen gibt es keine, neu erfinden, das müssen sie sich nun wirklich nicht.

Vom Schlachtfeld zum Schrebergarten

Das am knappsten instrumentierte Lied auf der CD legt die Essenz des Schaffens von Schöftland bloss. Es ist Lied Nummer neun, das «Schlachtfeld»: Nach dem Kampf entsteht aus dem Kriegsschauplatz ein Garten, und dieser Garten wird später in Schrebergärten aufgeteilt. Ein Akkordeon begleitet Floh von Grünigens Stimme. Er klingt desillusioniert, wenn er erzählt, wie Pfadfinder in ihre Feuer pissen und wie aus dieser rüden Aktion Wunderschönes resultiert: «Rauchzeichen stiegen auf und auch das Nachbarland verstand.»

Unendlich viel Poesie in nur einem Satz. Auf dieses Lied angesprochen – der Süssmost in von Grünigens Glas neigt sich dem Ende zu – erzählt er von seiner Faszination für die Feierabendstimmung in Schrebergärten. Schrebergärten sieht er als Sinnbild für das Einfache: «Es braucht nicht viel, damit es für alle gut wäre. Aber alle, das sind so viele – und deshalb bleibt es eine Utopie.»

Ein Heimatort für die Musik

Diesen Freitag, am 2. November, treten Schöftland in Thun, in der Café Bar Mokka auf. Ein schillernder, verträumter Club, in dem die warme Musik von Schöftland bestens aufgehoben ist und den Floh von Grünigen so beschreibt: «Wir wussten, dass uns dort eine Heimat geboten wird.»

Für aggressive Promotion eigne sich Schöftlands Werk wahrlich nicht. Floh von Grünigen ist sich bewusst, dass seine Musik nicht überall hinpasst. Es müsse auch nicht allen gefallen. Viel wichtiger sei, «dass eine Handvoll Menschen wirklich hinhört». (Der Bund)

Erstellt: 01.11.2012, 08:47 Uhr

Konzert

Café Bar Mokka, Thun, Freitag, 2. November, 21 Uhr.

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