Ein Cembalo geht fremd

Der Berner Cembalist Vital Julian Frey ist Artist-in-Residence bei Murten Classics, wo er seine Vielseitigkeit als Solist und Kammermusiker unter Beweis stellen wird.

Das Flamencoprojekt «Experiencia Flamenca» ist nicht die einzige Herausforderung, die auf Vital Julian Frey in Murten wartet.

Das Flamencoprojekt «Experiencia Flamenca» ist nicht die einzige Herausforderung, die auf Vital Julian Frey in Murten wartet. Bild: zvg

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Man hört es. Dieser Mann brennt für sein neues Projekt. Eine Welturaufführung hat er im Sinn. Er ist sich bewusst: Ganz risikolos ist das Unterfangen nicht. «Ich lehne mich damit weit zum Fenster hinaus. Ich werde Flamenco- und Cembalomusik zusammenbringen», sagt Vital Julian Frey. Er werde beweisen, dass es zwischen den zwei Welten Verbindungen gibt. Mit leichter Hand spielt er einen Lauf in die Tasten. «Domenico Scarlatti, zum Beispiel...», sagt er.

Scarlatti. Der italienische Barockkomponist und Cembalovirtuose, der 1685, im gleichen Jahr wie Händel und J. S. Bach geboren ist – er lebte in Spanien. Als Musiklehrer und Hofkapellmeister unterrichtete er die portugiesische Prinzessin Maria Barbara. Und in Sevilla lernte der gebürtige Italiener die Musik der spanischen Zigeuner kennen – den Flamenco. Vital Julian Frey relativiert: «Scarlatti ist kein Flamencokomponist. Aber es gibt in seinen Cembalosonaten Elemente, die sehr an Flamencomusik erinnern.»

«Ein Konzert, keine Tanzshow»

Scarlatti, übrigens, ist nicht der einzige Barockkomponist, in dessen Werk der Flamenco aufscheint. Auch im Werk des spanischen Komponisten Antonio Soler (1729-1783) hat der Flamenco seine Spuren hinterlassen. Vital Julian Frey hat in seinem Murtener Konzertprogramm Solers Meisterwerk, einen virtuosen Fandango, eingebaut – in einer für den Cembalisten ungewohnten Form: «Ich arbeite mit einer Flamencotänzerin zusammen. Sie wird die Bewegung der Musik sichtbar machen.» Aber, räumt Frey ein: «Es wird keine Tanzshow, zu der ich die Begleitung liefere. Es wird ein Konzert».

Das Kernstück dieser «Experiencia Flamenca» ist jedoch eine Uraufführung. Der 33-jährige Berner Cembalist hat den Flamencogitarristen und Komponisten Michio Woirgardt, – ein «Crack in der Flamencoszene» – gebeten, ein Flamencostück für ihn zu komponieren. Der 41-Jährige Deutsche, der als kreativer Vertreter des Flamenco Nuevo ausserhalb Spaniens gefragt ist, sagte ohne zu zögern zu.

«Das spartenübergreifende Projekt interessierte ihn», sagt Frey, «nicht nur weil es für ihn Neuland ist, für einen klassischen Musiker zu komponieren. Sondern vor allem deshalb, weil es sein Anliegen ist, die Musik des Flamenco aus dem eingeschränkten Umfeld heraus weiterzuentwickeln.»

«Das gibts doch nicht!»

Ein «witziges kleines Stücklein» habe er erwartet, «das nach Flamenco tönt», sagt Vital Julian Frey. Doch Woirgardt komponierte eine komplette Flamencomusik mit verschiedenen Sätzen, in denen er die Tradition der barocken Suiten aufnimmt. Übermütig, so Frey, habe er sich auf das neue Werk gestürzt. «Die virtuose Bulería mit ihren Sechsachtel-Sequenzen bot kein Problem.» Erst als der Cembalist die CD hörte, die ihm der Komponist als «kleine Hilfe» für die komplexen Rhythmusmuster beigelegt hatte, wurde er stutzig. Bei ihm tönte alles ganz anders.

Der erfahrene Musiker erlebte sein blaues Wunder. «Keinen Takt konnte ich richtig spielen, keinen einzigen. Ich dachte, das gibts doch nicht!» Frey realisierte, dass Flamenco anders funktioniert als klassische Musik. Dass im Flamenco eine musikalische Phrase nicht immer auf den ersten, sondern auch mal auf den zwölften Schlag beginnt. Und dass die Betonung der schweren und leichten Taktteile unregelmässig ist. Der Cembalist liess sich vom ersten Schock nicht abschrecken. Mittlerweile haben sich sein Kopf und seine Finger auf den Flamenco eingestellt.

Ligetis flirrendes«Continuum»

Das Flamencoprojekt ist nicht die einzige Herausforderung, die auf Vital Julian Frey in Murten wartet. Da ist noch dieses sportliche «Continuum» aus dem Jahr 1968 von György Ligeti. Dass Cembaloklänge oft despektierlich als Nähmaschinenmusik bezeichnet werden, könnte einem bei diesem Stück wieder in den Sinn kommen. Denn hier geht es nicht – wie sonst bei Cembalomusik – darum, dass die einzelnen Töne wasserklar und messerscharf wahrnehmbar sind.

Im Gegenteil: Hier geht es um die Klangmasse. «Kein einzelner Ton darf aufscheinen. Die rhythmischen Muster müssen als flirrende Fläche verschwimmen. Man geht einfach ans Maximum der Geschwindigkeit und spielt so schnell wie möglich», sagt der Cembalist. Wie schnell ist schnell? Das herauszufinden habe ihn auch schon gereizt, sagt Frey. «Bei Ligeti komme ich auf zwanzig bis dreissig Töne pro Sekunde.»

Informierter Vollblutmusiker

Als Artist-in-Residence wird Frey in Murten nicht nur als Interpret des Flamenco-Projekts zu hören sein, sondern auch als Solist, Kammermusiker, Begleiter und Ensembleleiter. Letzteres ist der jüngste Zweig seiner beruflichen Tätigkeit. «Ich liebe es, als Dramaturg einem Ensemble ein Interpretationskonzept vorzugeben», sagt der Musiker, der seit Anfang Jahr zur künstlerischen Leitung der renommierten Freitagsakademie gehört.

Dass das Motto von Murten Classics «La Danse» ist, macht dem Musiker übrigens keine Angst. Freys Beziehung zur Tanzkunst ist ungetrübt, nicht nur, weil er als Cembalist in stilisierten Tanzformen, einer Hauptgattung des Barock, geübt ist, sondern auch, weil er durch seine Tante, die Berner Tanzpädagogin Annemarie Parekh (Akar-Dance) seit frühester Kindheit mit Tanz konfrontiert wurde.

Dass das Angebot an herausragenden Cembalisten in der Schweiz nicht allzu gross ist, kommt Vital Julian Frey zugute. Der Berner kann sich über mangelnde Engagements nicht beklagen. Im Gegenteil: «Ich bin mit spannenden Konzertauftritten an tollen Orten in der Schweiz so ausgelastet, dass es mich im Moment weniger ins Ausland zieht.» Vielleicht, sagt er, sei er auch zuwenig «karrieregeil». «Ich bin zufrieden, wie es läuft.»

Sein Vorteil sei wohl, dass er als Cembalist ein historisch informierter Vollblutmusiker sei und nicht ein verkappter Musikwissenschaftler, der auch Konzerte gibt. «Veranstalter wollen keine kopflastigen Interpreten, sondern Künstler, die das Publikum ,an der Hand nehmen’, wenn sie es in ihre Welt, die Musik, führen». Dazu wird der Cembalist vielfach Gelegenheit bekommen, wenn er bei Murten Classics mit seiner Tastenkunst Menschen, Stile und Kulturen verbindet. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2012, 16:51 Uhr

Die Konzerte

Sonntag, 19. August, Französische Kirche Murten, 17 Uhr: Barockkonzert mit Francesco d’Orazio (Violine). Bach, Saariaho, Ligeti.

Mittwoch, 22. August, Schlosshof, Deutsche Kirche Murten, 20 Uhr: Serenadenkonzert mit der Kammerphilharmonie Graubünden und Niels Badenhop (Barocktanz). Orchestersuiten (Ouvertüren) von J. S. Bach.

Sonntag, 26. August, Eingangshalle Schule Wilerweg 53, Murten-Prehl, 11 Uhr: Kammermusik mit Alicia López (Tanz, Perkussion). Scarlatti, Soler, Michio Woirgardt.

La Danse


Murten Classics «La Danse»: 12. August bis 2. September.

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