Der Halsbrecher

Die BBC ist hinter ihm her. Die Russen und die Chinesen auch. Andreas Schaerer ist einer der staunenswertesten Sänger der Berner Musikszene. Ein Porträt.

Wenn er hinters Mikrofon tritt, ist alles denkbar: Andreas Schaerer.

Wenn er hinters Mikrofon tritt, ist alles denkbar: Andreas Schaerer. Bild: Emile Holba / zvg

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Er ist Sänger, womöglich sogar einer der weitestgereisten dieser Stadt. Doch dass er auf eine Bühne steigt, um einfach so ein Lied zu singen, das ist im Falle von Andreas Schaerer eher unwahrscheinlich. Vielleicht werde er das irgendwann mit 70 tun, sagt er, als Crooner die alten amerikanischen Standards geben, aber im Moment habe er gerade anderes vor.

Andreas Schaerer lotet lieber die Unmöglichkeiten der menschlichen Stimme aus. Wenn er hinter ein Mikrofon tritt, dann ist alles denkbar; ein waghalsiges Lautengedicht in einer selbst erfundenen Sprache? Kein Problem. Wilde Beatbox-Einlagen? Immer gerne. Dadaeske Brachialausbrüche, gurrend und röchelnd? Eine kleine Spezialität von ihm. Aber Humoresken? Nein. «Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir jemals vorgenommen hätte, etwas explizit Lustiges zu schreiben», sagt er.

Natürlich wirke es auf gewisse Leute komisch, wenn er mit allem, was Mund und Rachen hergeben, Klänge und Geräusche erzeuge, doch das diene immer den Songs. «Ich versuche, mein Instrument bloss stets weiterzuentwickeln.» Alles ein grosses Missverständnis also? «Nein, es ist durchaus meine Haltung, in der Kunst nicht alles mit übermässigem Ernst zu befrachten, aber ein singender Humorist bin ich nicht.»

Nicht mehr stille

Andreas Schaerer ist ein kurzweiliger Gesprächspartner. Überdurchschnittlich intelligent, aber von einem absurden Witz bewohnt, der jedes zu viel an Ratio schlagartig zu verjagen vermag. Als «fleischgewordene Staatsoperette» stellt er sich auf der Heimseite seiner erfolgreichsten Band Hildegard Lernt Fliegen vor. «Der Staat wurde 1976 im Wallis ausgerufen und schweigt seitdem nicht mehr stille.» Das kann man so sagen. Schon als Kind nimmt Andreas Schaerer eigene Hörspiele auf seinen Kassettenrekorder auf, imitiert Geräusche, doch Sänger will er damals nicht werden. Lieber Geräuschemacher für den Film. Er wird Lehrer. Es bedarf einer längeren Auszeit und einer Reise nach Südamerika, während der er, der Drum ’n’ Bass hört und Jazz bloss am Rande mitverfolgt, beschliesst, sich im Jahr 2000 an der Berner Jazzschule einzuschreiben. Als Gesangsstudent.

Heute ist er selber Gesangslehrer an der Jazzabteilung der HKB, er ist Mitbegründer der Jazzwerkstatt Bern, bereist mit Hildegard Lernt Fliegen die halbe Welt inklusive China und Russland, und er spielt mindestens in drei weiteren Formationen. Mit dem Trio Rom-Schaerer-Eberle hat er soeben sein zweites Album veröffentlicht, vor zwei Wochen hat er bei der englischen BBC eine Live-Performance eingespielt. Im Januar stellt er im Rahmen des Winterjazz-Festivals mit dem Arte Quartett seinen ersten Kompositionsauftrag vor, im März wird Hildegard Lernt Fliegen ein Album auf dem honorigen deutschen Label Enja veröffentlichen, und im November folgt eine Duo-CD mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli auf Intakt Records. Der Mann hat einen Lauf.

Vertriebene Zweifel

Schlüsselfiguren, die ihn in seiner Sängerwerdung bekräftigten, gibt es einige. Einer davon ist Bobby McFerrin. 2009 bewirbt sich Andreas Schaerer als Sänger für dessen Impro-Oper «Bubble». Er wird ins Ensemble gewählt. Ein Jahr später lädt ihn McFerrin für eine Woche nach Moskau ein: «Eine wichtige und lehrreiche Zeit war das», sagt Schaerer. Ein anderer Inspirationsquell war ihm über all die Jahre der Faith-No-More- und Mr.-Bungle-Sänger Mike Patton. «Weil er sich keinen Deut um Publikumserwartungen schert», erklärt der Berner. «Als mich früher vor einem Auftritt Zweifel beschlichen, dann hörte ich mir einfach ein Stück von ihm an, und ich wusste, ich kann eigentlich alles bieten, so krank wirds eh nicht.» Apropos Zweifel: Am Anfang seiner Karriere schienen diese noch einiges grösser zu sein als heute. «Es ist etwas anderes, sich mit seiner Stimme zu exponieren als mit einem Instrument», sagt Andreas Schaerer. «Man steht nackt auf der Bühne, gibt viel von sich preis und kann sich hinter keinem Gadget verstecken. Deshalb waren meine ersten 50 Auftritte eher eine Qual.» Heute hingegen fühlt er sich prima vor seinen Konzerten. Das sieht man ihm an. Und man hört es. Ganz besonders auf seiner neuesten Einspielung im Trio mit dem Trompeter Martin Eberle und dem Gitarristen Peter Rom aus Wien. «At the Age of Six I Wanted to Be a Cook» heisst dieser Geniestreich, auf dem neben halsbrecherischen solistischen Vorstössen und famosen Reibereien auch etwas zutage gefördert wird, das Andreas Schaerer sich eigentlich fürs Alter aufsparen wollte: nicht das Crooner-Ding. Aber ein schlichter Song, voller Anmut und Kitzel. Es ist das letzte Lied auf dem Album. Aber es wird bestimmt nicht das letzte sein, in dem man Andreas Schaerer als Interpret purer Schönheit wahrnehmen wird.

Turnhalle Progr Rom-Schaerer-Eberle – CD-Taufe: Mittwoch, 4. Dezember, 20.30 Uhr.

Wenn er hinters Mikrofon tritt, ist alles denkbar: Andreas Schaerer. Foto: Emile Holba/zvg (Der Bund)

Erstellt: 28.11.2013, 16:06 Uhr

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