Der Greis auf Butterfahrt

Glück, Zweifel und Romantik-Pianos: Der Berner Rapper Greis erklärt die Welt auf seinem neuen Album «Me Love» von einem weissen Block in der Sandrainstrasse aus.

Befreit: «Greis muss nicht mehr die Welt retten», sagt Greis über Greis.

Befreit: «Greis muss nicht mehr die Welt retten», sagt Greis über Greis. Bild: Janosch Abel

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Es sind grosse Fragen, die sich Greis auf seinem neuen Album «Me Love» stellt. Fragen nach Gedeih und Verderb des menschlichen Seins zum Beispiel. Fragen nach den Möglichkeiten der Selbstbestimmung und nach dem unverkrampften Umgang mit dem Glück. Und er hat Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel von Superhelden, die Jazz hören und ob ihres Tuns ins Grübeln geraten.

Und wenn der Greis dann doch einmal ganz genretypisch auf dicke Hose macht, dann sind auch bei ihm die Selbstzweifel nicht allzu weit. Alles schön im Fluss, beim 34-jährigen Rapper aus Bern also. Kaum ein Schweizer Sprechsänger deutscht sein Leben derart wohlgezielt aus. Bei keinem verquirlen sich Schlauheit, Scharfblick und Wortwitz ähnlich locker zu Poesie.

Doch fast genauso gross wie die Fragen, die er sich stellt, sind die Fragen, die uns sein Produzent Claud aufgibt. Zum Beispiel diese: Darf man im Jahr 2012 noch Hip-Hop-Tracks produzieren mit burschikos gerappter Strophe und feminin geschmachtetem Melodie-Refrain? Muss für die nachdenklichsten Zeilen des Sprechgesangs zwingend stets das Romantik-Piano herangekarrt werden? Die Antwort: eher nein.

Jammern ist einfacher

Es ist Morgen, Greis sitzt in der Hotelbar des Kursaals Bern, die Augen noch leicht schlafwelk, aber aufmerksam, die Wollkappe tief ins Gesicht gezogen. Aus dem kämpferischen jungen Mann von einst ist ein geistreicher zufriedener Herr geworden, der Schlagzeilen produziert wie «Ich will fröhliche Musik machen» oder «Greis muss nicht mehr die Welt retten». Er ist quasi vom schwarzen Block in einen weissen Block an der Berner Sandrainstrasse gezogen.

Der sei weniger zugemauert, sagt er, und es gebe da mehr Licht. War es ihm früher ein Anliegen, die Welt zu erklären und Überzeugungen zu vertreten, drehen sich die neuen Lieder immer öfter um seinen persönlichen Mikrokosmos, ohne dabei an Scharfsinn einzubüssen. «Als ich vor den Aufnahmen in mich hineinhorchte und überlegte, was ich den Leuten zu erzählen habe, war die Diagnose schnell gestellt: Mir geht es eigentlich gut, also spreche ich über das, was mir Freude macht», sagt Greis.

Kein einfaches Unterfangen sei das gewesen, Jammern sei einfacher und mache auch mehr Spass. Doch Greis hat den Ton gefunden, umschifft die Belanglosigkeit, indem er sein Glück immer wieder mit dessen determinierter Endlichkeit konfrontiert. Die Politik züngelt nur noch sporadisch in die Szenerie («I mach di glücklech, i bsorge dirs, oh, Missy, doch es giut ou für di Schwiz: no lips, no kissing»), und trotzdem ist auch aus dem privaten Greis viel Haltung und Scharfsinn herauszulesen.

Umarmen statt erschlagen

Die neue Leichtigkeit ist freilich nicht natürlich gewachsen, es liegt ihr ein Plan zugrunde: «Ich habe an einer Professionalitätsneurose gelitten», blickt Greis auf sein bisheriges Schaffen zurück. «Das wurde schon fast pathologisch. Ich wurde verbissen. Ich strebte in jedem Lied eine Perfektion von Inhalt und Form an und übersah dabei, dass die Luft dazwischen fehlte. Wenn ich mir Aufnahmen von früheren Tourneen anhöre, kriege ich nach drei Stücken Kopfschmerzen.»

Das neue Album sollte leichter werden. Dafür musste Greis auch den Anspruch an sich selber drosseln: «Ich musste aufhören, mich nur noch über die Musik zu definieren. Jetzt sammle ich Brillen, habe ein ausgefülltes Privatleben und bin auch Jobs nicht abgeneigt, die rein gar nichts mit Musik zu tun haben. Das tut den Songs gut, ich habe aufgehört, sie wie ein Irrsinniger zu sezieren, ich lasse sie auch mal einfach in Ruhe. Und ich will die Leute mit meiner Musik nicht mehr erschlagen, ich will sie umarmen.»

Mit dieser neuen Entkrampftheit lassen sich auch die eingangs erwähnten Romantik-Pianos und Greis‘ musikalische Butterfahrt erklären. Denn im Zuge seiner Selbstreflexion hat der Berner auch seine musikalischen Grenzen neu abgesteckt: «Ich bin kein Songwriter, ich weiss nichts über Akkordwechsel. Ich kann Strophen schreiben und ich kann Refrains singen. Täte ich mehr, wäre das wieder überambitioniert.»

Betrachtet man die Tonspur von «Me Love» isoliert, ist Greis hier kein besonders origineller Wurf gelungen. Es gibt ein paar nette Ohrwurm-Refrains, und das Beat-Programming ist eher auf der biedern Seite. Trotzdem hört man diesem glücklichen, unverkrampften Greis lieber zu denn je. So gesehen geht sein Rezept ganz prima auf: «Wenn die Form stimmt, darf der Inhalt ruhig etwas schlichter sein.» Oder umgekehrt.

Befreit: «Greis muss die Welt nicht mehr retten», sagt Greis über Greis. Foto: Janosch Abel (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2012, 12:05 Uhr

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CD-Taufe am 28. 4. im Dachstock der Reitschule Bern.

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