Das Balkan-Prog-Rock-Destillat

Der umtriebige Akkordeonist Mario Batkovic tauft mit seinen 30 Mitmusikanten die erste Platte des kunterbunten Projekts Destilacija.

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«Keine Ahnung, viel zu viele», beantwortet Mario Batkovic die Frage nach der Anzahl der Projekte, in die er momentan involviert sei. Im Hintergrund lärmen derweilen die zwei kleinen Kinder durch die Wohnung, die Mama sei am YB-Match, erklärt Batkovic lachend.

Turbulent und abwechslungsreich gehts auch in Batkovics beruflichem Leben zu und her: Der 33-jährige gebürtige Kroate aus Bosnien, der seit über 20 Jahren in der Schweiz lebt, arbeitet als Musiklehrer, komponiert und spielt Filmmusik, hat Jingles für die Uefa produziert, mit seinem Akkordeon in diversen Rock-Combos mitgetan, soeben zusammen mit Toningenieur Nicola Januzzo sein eigenes Studio und Label namens Veruston gegründet, arbeitet an einem Solo-Album und fiebert zurzeit der Plattentaufe seines neusten Projektes Destilacija entgegen. Besagte Platte wird auf den Namen «2013» getauft. Batkovic erklärt: «Das ist wie bei gutem Wein, da schreibt man ja auch das Abfülldatum drauf.»

Carte blanche am Gurtenfestival

Der Multiinstrumentalist – Batkovic spielt neben Akkordeon «so ziemlich alles, was es halt so braucht» – ist zugleich Komponist, impulsiver Hitzkopf und charismatischer Macher voll ansteckendem Elan. Sie seien nach einem Auftritt in irgendeinem Backstage aufeinandergetroffen, hätten einander nicht gekannt, schildert Philippe Cornu, Geschäftsführer von Appalooza, die erste Begegnung mit Batkovic. «Der Kerl hat mit dermassen viel Enthusiasmus und Freude über seine neuste Projektidee berichtet, dass ich ihm eine Carte blanche für einen Auftritt beim Gurtenfestival gab», so Cornu.

Notabene ohne auch nur einen einzigen Ton des damals ja noch nicht existierenden Projekts gehört zu haben. Die Bruderschaft sei dann mit ein paar Schnäpsen begossen worden, Batkovic stampfte innerhalb kürzester Zeit Destilacija aus dem Boden, und gerade mal drei Monate später stand er mit einer 14-köpfigen Truppe am Sonntagabend zur besten «Sendezeit» auf der Waldbühne.

Der Chaoskommandant

Nein, eine Big Band sei das nicht, und er verstehe sich auch nicht als Bandleader oder Frontmann, erklärt Batkovic. Ist er aber trotzdem und das ist gut so. Schliesslich ist Batkovic derjenige, der bei diesem rumpelnden Prog-Balkan-Rock-Bastard die Zügel in den Fingern hält, dabei die meisten Songideen liefert und mit zahlreichen Profimusikern den Feinschliff erarbeitet. Zum festen Team gehören deren 15, insgesamt sind aber zeitweise über 30 Beteiligte involviert. «Ich verteile die Aufgaben», definiert Chaoskommandant Batkovic seine Rolle, «und spiele dann das, was zuletzt noch übrig bleibt.»

So kommt es, dass der Akkordeon-Mann auch zum Sänger von Destilacija avanciert ist. Es habe sich einfach keiner finden lassen, der sich auf den aberwitzigen Stilmix habe einlassen wollen und dann auch noch dreisprachig singen könne – Deutsch, Englisch und Bosnisch, oder wie es Batkovic nennt: «Jugoländisch». Drum klemmte sich also der Chef höchstpersönlich hinters Mikrofon, auch wenn er sich eigentlich lieber auf die Musik konzentrieren würde. Singt er, dann klingt der Herr Batkovic manchmal nach Chris Isaak, manchmal auch ein bisschen nach Heino, der Rammstein-Songs interpretiert.

Die Texte von Destilacijas Sauf-, Liebes- und Tanzliedern sind nicht hausgemacht, sondern wurden von Berner Musikern und Musikerinnen geliefert, so zum Beispiel von Beat-Man, Bubi Rufener, Steff la Cheffe und Resli Burri. «Ich kann weder meine Muttersprache noch Deutsch perfekt sprechen», erklärt Batkovic, und das, worin er nicht perfekt sei, überlasse er gerne anderen.

Blaskapellen-Bastard

«Ich habe meine Identitätsfindung mit Destilacija in die Musik verlängert», erklärt Batkovic den mannigfaltigen Mix der Truppe. Oder um es mit den Worten des Schlagzeugers Fabian Bürgi auszudrücken: «Däm tuets eifach.» Batkovic sei kein Mann, der gerne von langer Hand plane, sondern die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus, und das widerspiegle sich auch in der Musik von Destilacija: «Die ist 100 Prozent Mario, so wie er leibt und lebt, kunterbunt und chaotisch, dabei aber immer qualitativ hochstehend.»

Tatsächlich machen unterschiedlichste Einflüsse, Anleihen und Stile das Liedgut von Destilacija zu einem wundersamen, vielfältigmöglichsten Bastard: Lüpfige Polka-Sauflieder treffen auf verkopfte Progressiv-Rock-Einlagen, wehmütige Balkan-Weisen auf jazzige Saxofon-Soli, und Heavy-Metal-Riffs werden mit Banjo- und Blaskapellen-Klängen gekreuzt. Und das alles sehr gerne auch innerhalb eines einzigen Songs. Somit erklärt sich denn auch der Bandname von Destilacija, ist der Mix doch nichts anders als ein Destillat aus all den Genres und Stilen, die Batkovic interessieren und geprägt haben.

In dieser Vielfalt liegt denn auch die Krux für das Projekt Destilacija: Erstens ist die vielköpfige Truppe aufgrund ihrer Grösse für kleine Clubs kaum buchbar, und zweitens ist sie auf ein offenes und vielseitig interessiertes Publikum angewiesen. Drum solle man doch am besten mit möglichst wenig musikalischen Erwartungen an die Plattentaufe kommen, so der Wunsch von Mastermind Batkovic. «Irgendwo wird man seine fünf Sekunden im Konzert schon finden.»

Hitzkopf mit Ventilen

Und wie solls weitergehen mit der kunterbunten Riesen-Truppe? Klar habe man viel Zeit und Aufwand in Destilacija investiert, und wenn das Unternehmen erfolgreich weitere Konzerte spielen könne, sei dies umso besser. Aber um die grosse Karriere gehe es ihm nicht, erklärt Batkovic. Er habe immer mehrere Projekte am Laufen gehabt und wolle das auch in Zukunft weiter so handhaben. Das nächste Rock-Projekt hat er denn auch bereits im Köcher. Zum Glück auch hat dieser Hitzkopf und Tausendsassa mehrere Ventile, sonst würde er wohl über kurz oder lang platzen vor lauter Kreativität und Schaffensdrang, dieser Mario Batkovic.

Dachstock Reitschule Fr, 28. März, 22 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 27.03.2014, 08:05 Uhr

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