Blicke in die Sackgassen des Lebens

«Aristokratie und Wahnsinn» heisst die erste CD des Berner Duos Fitzgerald & Rimini. Und sie beweist: Zwingender verzahnt waren Wort und Musik selten. Ein Bijou mit Miniatur-Hörspielen.

Sensibler Klangartist, melancholiebegabte Autorin und Federtier: Fitzgerald & Rimini. (Marius Stalder)

Sensibler Klangartist, melancholiebegabte Autorin und Federtier: Fitzgerald & Rimini. (Marius Stalder)

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Man meint solche Geschichten zu kennen. Wie jene vom Emmentaler Bauern Witschi, der via Internet eine zupackende Frau sucht, und von Julia Paschenko aus Moldawien, die genug vom Rotlichtmilieu hat und ein solides Leben auf dem Land anfangen will. Man meint zu wissen, wie so etwas ausgeht, schliesslich hat man im Fernsehen genug dieser Schicksale verfolgt, die immer demselben Strickmuster gehorchen: Annäherung, kulturelle Gräben, Missverständnisse und am Ende Unglück auf allen Seiten. Doch die Berner Autorin Ariane von Graffenried erzählt diese Geschichte neu: Ihr Augenmerk richtet sich auf Witschis suizidale Kuh Blüemli und Paschenkos dreibeinige Bulldogge Radoslaw, die viel lieber Vincent Vega heissen möchte. Und so gibt es in diesem Kleinst-Hörspiel eine Art Happy End und sogar Heilung durch Liebe, ohne dass man dabei im Kitschtopf landet.

«Witschi und Paschenko» ist das Eröffnungsstück auf der Debüt-CD «Aristokratie und Wahnsinn» des Duos Fitzgerald & Rimini – unter dem Namen Elsa Fitzgerald tritt von Graffenried als Spoken-Word-Performerin auf, Ribi Rimini ist das künstlerische Pseudonym des Bassisten Robert Aeberhard, wenn er mit Fitzgerald zusammen musiziert.

Pfeile, die mitten ins Herz zielen

Und das, was die beiden sich gemeinsam ausdenken, zeigt sich ziemlich resistent gegenüber Schubladisierungen: Es sind Sprechstücke mit Klang, Mini-Hörspiele, Chansons mit zwingenden Texten oder, wie es Fitzgerald & Rimini selber formulieren, es ist Spoken-Word-Kammermusik. Denn die Musik ist hier nicht nur simpler Geschmacksverstärker, nicht nur Klang-Tapete im Hintergrund; vielmehr verzahnen von Graffenried und Aeberhard ihre Künste höchst rhythmisch und zwingend ineinander. Und da, wo die Musik tatsächlich die Stimmung im Text verdoppelt – vor allem dann, wenn es trist wird –, da werden aus diesen Song-Geschichten literarisch-musikalische Pfeile, die ohne Umwege mitten ins Herz zielen. Zum Beispiel, wenn von Graffenried ihren himmeltraurigschweren Text über die drogensüchtige Agnes vorträgt und dazu eine heisere Bassklarinette ihre kargen Töne haucht: ein Gefühlsbild von grenzenloser Trostlosigkeit.

Sowieso sind es oft die Menschen in der Sackgasse des Lebens, denen von Graffenried ihre Aufmerksamkeit widmet, seien es die beiden jungen Männer ohne Perspektive im schattigen Gündlischwand, sei es jener Bähnler, an dessen Station die Züge nur noch vorbeifahren und der selber auf der Strecke bleibt. Dabei, und das ist das Erfrischende an von Graffenrieds Prosa, bleibt die Autorin nicht auf dem Boden der Realität stehen, nein, sie schickt ihre Figuren gerne auch mal auf absurde Reisen oder holt sie umgekehrt direkt aus der Fantasie und lässt sie in eine nur allzu bekannte Wirklichkeit plumpsen. So etwa im Titelstück «Aristokratie und Wahnsinn», in dem zwei dunkle Figuren aus einem Vampirfilm fallen: hinein in die Einfamilienhüsli-, Parkplatz- und Restwald-Welt des Berner Mittellandes. Natürlich ist der Schrecken für die beiden toten Patrizier gross, und der blutsaugenden Contessa und dem servilen Zombie bleibt nichts anderes als die Flucht. So charmant wurde das Grausen ob der entzauberten, nüchternen Wirklichkeit der Agglomeration lange nicht ausgedrückt. Derweil trommelt ein immer dringlicherer Rhythmus, und eine Melodica beklagt das Schicksal der aristokratischen Heimatlosen.

Vielfältig verstrickt

Fitzgerald & Rimini werkeln schon seit Jahren an den Grenzposten zwischen Text, Ton und Performance – und präsentieren ihr gemeinsames Tun sowohl auf Konzertbühnen, im Theater wie auch an literarischen Veranstaltungen. Auch solo pendelt Ariane von Graffenried gerne zwischen den Genres, während Aeberhard bei Bands wie Trummer, Micha Sportelli, Electric Blanket oder als Studiomusiker den Bass zupft. Diese vielfältigen Verstrickungen bringen es mit sich, dass auf «Aristokratie und Wahnsinn» eine Menge an Gästen ihr künstlerisches Scherflein beisteuert – von Sibylle Aeberli bis Tom Etter, von Jan Brönnimann bis Pedro Lenz, von Oli Kuster bis Müslüm. So werden Fitzgerald & Rimini auch an der Plattentaufe von diversen Gästen unterstützt.

In der Nähe besonders stark

Auch wenn der Blick auf «Aristokratie und Wahnsinn» gelegentlich in die Ferne schweift, so sind es doch die Mundart-Stücke, die auf das Nahe zielen, die besonders gut gelingen – etwa die wunderschön mit poetischen Bildern ausstaffierte, kritische Hommage an Bern, die ein Kuno Lauener wohl nicht besser hinbekommen hätte. Oder das literarische Berg-Panorama, das innerhalb von wenigen Minuten zig Schicksale verknüpft wie ein grosser Roman. Nur manchmal wünschte man sich, dass die Musik noch etwas mehr Gewicht bekäme in diesen überzeugenden Collagen aus Wort und Klang. Doch das ist ein kleiner Wunsch angesichts dessen, was Fitzgerald & Rimini mit ihrer ersten CD bieten.

Die CD: Fitzgerald & Rimini: Aristokratie und Wahnsinn, Verlag
Der gesunde Menschenversand, 62 Minuten, Fr. 28.–. (Der Bund)

Erstellt: 12.05.2011, 09:53 Uhr

Konzert

Mokka, Thun, Donnerstag, 22. September, 20.30 Uhr.

Mehr Infos: www.mokka.ch

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