Aus dem Trommelhaus

Selten ist die Fusion von Jazz und Elektronik so stimmig gelungen wie auf dem neuen Album der Berner Gruppe Brink Man Ship. Der Bassklarinettist Jan Galega Brönnimann gibt Auskunft, wie es dazu kommen konnte.

Tanzen auf dem eigenen Schriftzug: Brink Man Ship mit Jan Galega Brönnimann (2. v. r). (zvg/Büro Destruct)

Tanzen auf dem eigenen Schriftzug: Brink Man Ship mit Jan Galega Brönnimann (2. v. r). (zvg/Büro Destruct)

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Die Aufregung war gross, als Mitte der Neunzigerjahre wieder einmal damit begonnen wurde, den Jazz mit neuester Elektronik zu verdrahten. Manchen roch das nach Verrat an der hehren Kunst, andere wähnten in dieser Fusion unbegrenzte klangliche Möglichkeiten, die man dem Jazz angedeihen lassen könnte. Die lustigen Scratcher wurden im Line-up so mancher Jazzband irgendwann von ernsten Laptop-Mannen abgelöst, und es folgten zahlreiche durchzogene und einige wenige grandiose Verquickungen von Computer- und Jazzmusik. Doch auf einmal verloren die Modemacher der Zeit das Interesse an der Materie, lange bevor deren Möglichkeiten ausgeschöpft schienen.

Elektro-akustisches Hörabenteuer

Einer, der das Interesse daran nie verloren hat, ist der Berner Bassklarinettist und Komponist Jan Galega Brönnimann. Allen Stromspar-Debatten und anderslautenden Modegeboten zum Trotz legt er mit seiner Band Brink Man Ship in diesen Tagen ein staunenswertes Paradewerk im Genre des elektronisch erzeugten Jazz vor. «Instant Replay» heisst das Album, das eher einem elektro-akustischen Hörabenteuer als einer konventionellen Jazz-CD gleichkommt. Soli und sich wiederholende Themen bleiben rar, das Zentrum dieser Musik bilden Grooves und Atmosphären, elegische Melodiebögen oder unheilschwangere Klangverdichtungen.

«Allemal Jazz»

«Urban Electronic Jazz» nennt Jan Galega Brönnimann das Ergebnis, das zwischen hektischen Eskapaden, brachialen Zuspitzungen und sphärischem, aber nie larmoyantem Wohlklang changiert.

«Als Jazz würde ich unsere Musik allemal bezeichnen, weil vieles davon aus der freien Improvisation heraus entstanden ist», sagt Brönnimann. Andere Themen wurden in Kollektivkompositionen übers Internet erarbeitet und in der Band weiterentwickelt.

Band in progress

Zu dieser Band gehört ein Gitarrist, der sich weigert, Soli zu spielen, dafür mit diversen Effekten den Klangkörper Gitarre neu definiert (René Baumann), ein Schlagzeuger, der sich vom blossen Taktgeber zum Sound-Lieferanten und technischen Kompetenzzentrum der Band entwickelt hat (Christoph Staudenmann), und ein Bassist, der die digitale und die analoge Welt kunstvoll zusammenkittet (Emanuel Schnyder).

Es ist keine systemische, sondern eine verblüffend organische Form der elektronischen Jazzmusik, die die Berner Band und die beiden Gäste Joy Frempong (Oy, Filewile) und Nya erschaffen.

Forschung am Ton

Dass diese Band seit nunmehr 14 Jahren zusammenspielt und in dieser Zeit minutiös an Sound-Design und Groove geforscht hat, hört man den neuen Arbeiten an. «Wir haben in den 14 Jahren einiges an Gespür dafür entwickelt, wo der Sampler ein Segen und wo er eine Fussfessel sein kann», sagt Jan Galega Brönnimann. «Und wir haben wohl tatsächlich zu einem eigenständigen Stil gefunden: Um zu verhindern, dass wir uns auf dem neuen Album in irgendeiner Form wiederholen, haben wir in alle Richtungen geforscht und verschiedenste Methoden ausprobiert. Und doch tönte am Schluss alles nach Brink Man Ship.»

Fleissiger Sucher

Erkundigt man sich in der Szene nach dem Wesen von Jan Galega Brönnimann, wird nicht lange nach Attributen gesucht: Ein konzeptioneller Denker sei er, ein fleissiger Sucher, und dennoch offen und begeisterungsfähig für Dinge, die man nicht zwingend auf seiner Linie wähnt. Und so nebenbei sei er in Bern einer der weltweit bestvernetzten und umtriebigsten Akquisiteure in eigener Sache.

Geboren ist Brönnimann 1969 in Kamerun, wo seine Eltern damals arbeiteten. Bis 1974 lebte er in Afrika, sein Sandkastenfreund war zu dieser Zeit übrigens der heutige Brink-Man-Ship-Bassist Emanuel Schnyder. Ob diese Jahre auf ihn abgefärbt hätten, sei schwer zu sagen: «Immerhin: Anstatt Kirchenglocken gab es in unserer Nachbarschaft ein Trommelhaus. Das hat stets eine grosse Faszination auf uns ausgeübt», erinnert sich der Berner.

Ein vielseitiger Mann

Das eindimensionale Denken ist dem Jan Galega Brönnimann nicht gegeben. In den letzten Jahren hat er mit so unterschiedlichen Charakteren wie Baze, Round Table Knights, Saadet Türköz, Nils Petter Molvaer oder Nadja Stoller Musik gemacht, hat für die Jazzwerkstatt eine Komposition geschrieben oder ist mit der Berner Afrobeat-Gruppe The Faranas im Studio und auf der Bühne gestanden.

Mit Brink Man Ship gelingt ihm nun sein bisheriges Meisterstück. Selten hat elektronische Musik dermassen spannend geklungen, selten hat der Jazz geschmackssicherer mit neuen Klängen hantiert. Und der Umstand, dass sich das Ganze weitab irgendwelcher Trends abspielt, macht dieses Album noch um einen Deut wertvoller.

Mokka Thun und Turnhalle Progr
Samstag, 9. April, 21 Uhr (Mokka Thun), Sonntag, 10. April, 20.30 Uhr (Turnhalle Bern). (Der Bund)

Erstellt: 07.04.2011, 10:00 Uhr

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