An Wort und Stelle

Von Island bis Italien und durch Schichten der Geschichte: Das Berner Duo Fitzgerald & Rimini klopft 
auf seinem neuen Album Europa ab. «Grand Tour» ist ein horizonterweiterndes Stück klingende Literatur.

Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard beim Versuch, einem Kontinent auf die Spur zu kommen.

Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard beim Versuch, einem Kontinent auf die Spur zu kommen.

Regula Fuchs

Ob Adel verpflichtet? Vier Jahre nach «Aristokratie & Wahnsinn», ihrer Debüt-CD, sind Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard alias Fitzgerald & Rimini für ihr neues Album auf «Grand Tour» gegangen – die Bildungsreise, die einst den Söhnen von Adelsfamilien den Horizont weiten sollte. Interessierten damals Baudenkmäler und die Ruinen der Antike, so klopft das Berner Duo auf seiner Tour den Kontinent auf aktuelle Befindlichkeiten hin ab – und auf seine Klänge.

Wie gewohnt versperrt sich das musikalisch-literarische Tun von Fitz­gerald & Rimini gängigen Katalogisierungen: Auf «Grand Tour» reisen Text und Musik Seite an Seite, das eine ist mehr als nur Liedzeile, das andere mehr als Atmosphärenmaschinerie. So surrt im Stück «Monaco» der Leichtsinn auch auf der Tonspur, in «Bermondsey» peitscht Britpop die glatzköpfige Queen der örtlichen Hooliganszene an, «to fight, drink and screw». Und in «Teufelsberg» wummern die Bässe einer After-After-Party über den überwachsenen Berliner Schutthügel – darunter liegen im Krieg gefallene Häuser, darauf legen sich müde Seelen ins Gras, auf die Schichten von Geschichte, die «uns im Nacken sass».

Auf «Aristokratie & Wahnsinn» waren es vor allem die privaten Schicksale jener, die in die Sackgassen des Lebens geraten waren, für die Autorin Ariane von Graffenried Worte fand. Auf «Grand Tour» weitet sich der Blick, und auf dem Radar ist das «Rauschen des Kontinents» – und so kreuzen sich in den Texten Sprachen, Menschen und Zeiten. In «Brüssel» ist es eine Assemblée von ­Eurokraten, die kalten Fisch aus Japan essen und in deren polyglotter Unterhaltung die Ich-Erzählerin Sprachbäder nimmt. In «Saint-Jacques-de-Compostelle» treffen zwei Gestrandete aufeinander, ein Österreicher, der von der angeschlagenen Seele rhabarbert, die man beim Pilgern mit sich trägt, und der das Wandern wortreich preist, «Schritt für Schritt, eine Kadenz des Glücks. Bis Bludenz». Daneben eine Frau, die übers Meer gereist ist – nicht freiwillig. Von ihr fällt ein «Splitter Nagellack wie ein welkes Blatt von ihrem Finger aufs Parkett», bevor sie ihn fragt, ob er noch Geld habe für eine weitere «heure de plaisir».

Der Song bleibt einem verwehrt

Stets steckt in Ariane von Graffenrieds klangspürsinnig gebautem Text auch Musik. Kleine Hörspiele sind das manchmal, und hie und da gönnen einem Fitzgerald & Rimini, sich in ihre Stücke hineinzulehnen wie in einen Song. Immer nur kurz allerdings, denn mit Pop hat man es hier ja nicht zu tun. «Grand Tour» schürft tiefer, bohrt sich in die Geschichte des Kontinents oder registriert auch mal dessen Tektonik, in «Langanes» etwa, am äussersten Zipfel Europas, wo ein altes 
isländisches Paar eiserne Hochzeit feiert, und «am mittuatlantische Rügge ribe 
wider mau d Platte anenand».

Es reiben sich auf «Grand Tour» auch die Epochen, am schönsten vielleicht in «Warschau». In diesem Stück schaut der venezianische Maler Canaletto auf seine Vedute Warschaus. Aufs Mal wächst ein Hirngespinst, und er sieht auf seinem Bild nur noch Schutt und Asche. Später tauchen darauf die Denkmalpfleger vom Wiederaufbaubüro auf und rekonstruieren die Altstadt anhand von Canalettos Bildern, eine zusammengeschwindelte Kopie, dazu lärmen die Gitarren von Robert Aeberhard. «Warschau» ist die raffinierte Vision eines Europa, das sich zwar immer wieder neu erfindet, an dem aber doch der Geist des Alten haftet. «Was isch ächt?», heisst es am Ende des Stücks, «was isch Tüüschig u was schlächt? Was isch Gschicht? U was Gedicht?»

Was echt ist, was Klangkonserve – diese Frage stellt sich auch angesichts der Musik von Robert Aeberhard, der auf der Tour Töne wie Souvenirs zusammengetragen und sie zu einer gesamt­europäischen Klangcollage verbastelt hat. Herauszuhören ist es selbstverständlich nicht, dass der bellende Hund in «Warschau» tatsächlich ein polnischer war. Oder dass das Rumoren im Stück «Grauholz» das Echo der Züge im Tunnel unter dem Grauholzwald ist. Das erschliesst sich nur aus den Anmerkungen im Booklet, die sich ihrerseits lesen wie ein poetisches Reisejournal in Geräuschen: «Abblätternde Farbe in der ehemaligen Radarstation auf dem Teufelsberg in Berlin», heisst es da. Oder «Der Geysir Strokkur auf dem geothermischen Feld von Haukadalur».

Genug geritten

«Grand Tour» ist wohl am besten als Ganzes zu verstehen, als Gedichtzyklus, Konzeptalbum und grosse Erzählung zugleich, die aufhört mit der Heimkehr: Wie müde Ritter kriechen Fitzgerald & Rimini am Ende auf der Autobahn übers Grauholz, wiederum angeweht von ­einem Hauch von Geschichte: der Reminiszenz ans einstige Schlachtfeld. «Wosch witer aus bis Bärn?», fragt Rimini. «I säge: Für e Momänt si mir gnue gritte.»

Der Bund

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