Willy Webers Zerstörungslust

Zehn Jahre schlummerte der Nachlass des Berner Sprengkünstlers Willy Weber in einem Schuppen im Wylerquartier. Jetzt hat Livio Baumgartner den Schatz für eine Ausstellung geborgen.

«In den 1960er-Jahren musste es einfach ‹chlepfen›», sagt der Berner Fotokünstler Livio Baumgartner. (Valérie Chételat)

«In den 1960er-Jahren musste es einfach ‹chlepfen›», sagt der Berner Fotokünstler Livio Baumgartner. (Valérie Chételat)

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Kein Witz: Einen Max Bill hat er auch gefunden – echt, mit Laufnummer XLV, Jahrgang 1969 und Unterschrift. Die letzten zehn Jahre hatte die kleinformatige Grafik auf dem Estrich dieses Holzschuppens seiner Entdeckung geharrt. Doch das kostbare Kunstwerk ist zerstört. Durch Zufall. Zwischen Dutzenden Sprengplastiken des Berner Künstlers Willy Weber lag der Max Bill just unter einer undichten Stelle im Dach. Rostbraune Linien verlaufen in Wellenformen quer über das Bild: Der Max Bill hat einen Wasserschaden. Eine Restauration? Unmöglich.

Das bringt Livio Baumgartner zum Lachen. Er ist es, der diesen Schatz geborgen hat. Und irgendwie, findet Baumgartner, passt der kaputte Max Bill ganz gut zur Geschichte des 1998 verstorbenen Willy Weber aus Bern. Schliesslich waren die massgeblichen Kräfte von dessen eigener Kunst immer der Zufall und vor allem: die Zerstörung.

Das zeigt zum Beispiel ein 1965 im «Blick» veröffentlichter Artikel. Unter dem Titel «Sein bestes Werk» heisst es da: «Auf spektakuläre Weise schuf der bekannte Berner Sprengplastiker Willy («Widu») Weber gestern ein neues Kunstwerk. Er sprengte mit einer riesigen Dynamitladung sein eigenes Haus in die Luft! Glücklich, aber leicht verdattert entstieg der 32-jährige Künstler darauf dem Trümmerhaufen. Ein jahrelang gehegter Wunsch war damit in Erfüllung gegangen. Schon immer wollte ‹Widu› (...) in den eigenen vier Wänden arbeiten.»

Das Zerstörte ist unzerstörbar

Einige Jahre zuvor war Willy Weber zur Überzeugung gelangt, dass die Kunst das dynamische Element der Explosion wiedergeben müsse, als Ausdruck von Zeit und Kultur. 1960 durchschoss er eine Messingplatte und schuf damit sein erstes international beachtetes Kunstwerk.

Mittels Sprengungen verformte er in den folgenden Jahren Platten aus Chromstahl, Messing und verwandten Materialien. Harald Szeemann lud Weber mit dessen «exploded reliefs» mehrmals zu Ausstellungen ein. Zweimal vertrat der Berner die Schweiz an einer Biennale: 1969 in São Paulo und 1972 in Venedig. Eines von Webers Werken hängt noch heute im John F. Kennedy International Airport in New York. Sein Nachlass aber, inklusive der Schenkungen von Max Bill und anderen namhaften Zeitgenossen, schlummerte bis vor wenigen Wochen in diesem Estrich im Wylerquartier. Die Pointe: Die Schenkungen sind beschädigt. Nur Willy Webers Werke haben keinen Schaden genommen. Das Zerstörte ist unzerstörbar.

Sicher, das ist «Buebezüügs»

Jetzt stehen die Sprengreliefs auf dem staubigen Boden des Schuppens, eingerahmt von Bierdosen, Farbkübeln, Zigarettenstummeln und Holzspänen, und warten darauf, aufgehängt zu werden. Heute um 18 Uhr wird hier die Ausstellung «No Territorial Pissing» (siehe Kasten) eröffnet. Livio Baumgartner möchte während acht Tagen Willy Webers Werk würdigen und eine Begegnung mit zeitgenössischen Künstlern, darunter er selbst, ermöglichen. «Auch ich arbeitete zuletzt oft mit Sprengungen und Feuerwerk», erklärt der in Zürich lebende Berner Baumgartner. Ihm gefällt die Naivität in Webers Schaffen. «In den 1960er-Jahren musste es einfach ‹chlepfen›.» Sicher, das sei irgendwie schon «Buebezüügs». Aber: «Dieser intuitive Ansatz spricht mich stark an.»

Nicht zuletzt will Baumgartner mit dieser Ausstellung einen neuen Platz für Willy Webers Nachlass finden. Denn: Hier können die Werke nicht bleiben. Der Schuppen wird demnächst abgerissen. Baumgartner hat bereits Kontakt mit Museen in Bern und Thun aufgenommen. Es sei durchaus Interesse an Willy Weber vorhanden, sagt er.

Und der Max Bill? Livio Baumgartner lächelt: «Keine Ahnung. Vielleicht hängen wir das Bild in den Wald hinter dem Haus.»

«No Territorial Pissing», Vernissage: heute, 18 Uhr, Stauffacherstr. 79, Bern. Weitere Öffnungszeiten: siehe Agenda. Konzert mit Mani Porno: 25. September. Ausstellung bis 26. September.

(Der Bund)

Erstellt: 17.09.2010, 11:26 Uhr

Explosive Ausstellung

«No Territorial Pissing» – der Titel könnte kaum deutlicher sein: Bei der Ausstellung zu Ehren von Willy Weber geht es nicht darum, dass eine Berner Clique ihr Territorium markiert. Die acht jungen Künstler, die sich auf eine Begegnung mit Willy Weber einlassen, verbindet stattdessen eine Affinität zu groben und rohen Materialien sowie kraftvollen Arbeitstechniken. Fotokünstler Livio Baumgartner experimentiert mit Feuerwerk und Sprengungen, Niklaus Wenger arbeitet mit Beton und Zement, Karin Lehmann formt Skulpturen aus Gips, Nino Baumgartner untersucht Holzverformungen, Lorenzo Salafia unterläuft das gängige Raumverständnis, das Duo Scheidegger/Stähli will die Materialität einer Explosion ergründen, Sandro Fiechter präsentiert eine installative Intervention, und Jonas Etter bearbeitet Bitumen mit einem Flammenwerfer. (len)

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