Vom Krimi im Kopf

Bilderwelten von bestechender Brillanz und Klarheit, die des Betrachters Umgang mit Bildern schärfen, zeigt die Berner Fotokünstlerin Brigitte Lustenberger in der Etagen-Galerie im Loeb-Treppenhaus.

Blicke und andere kleine Verstörungen im Bild «Family Business» von Brigitte Lustenberger. (zvg)

Blicke und andere kleine Verstörungen im Bild «Family Business» von Brigitte Lustenberger. (zvg)

Drei junge Frauen in Freizeitkleidung stehen beieinander. Ein Gespräch bindet sie zusammen, nur eine Dunkelhaarige mit heller Kapuze über der Jacke hat sich aus der Dreisamkeit gelöst und sieht den Betrachter an. Es kann einer jener flüchtigen Blicke sein, mit denen wir reflexhaft auf Geräusche und Bewegungsreize reagieren und die wir im urbanen Alltag hundertfach aussenden und auf uns ziehen. Diese Blicke, mit denen wir Fremde abtasten und einsortieren und, sofern die Fremden harmlos wirken, sofort wieder aus dem Gedächtnisspeicher löschen. Im Foto fixiert aber bekommt dieser Blick etwas Dringliches, Aggressives. «Was willst Du?», fragt dieser Blick den Betrachter, der sich vor dieser Dreierclique rasch wie ein ertappter Voyeur fühlt.

Die Szene, die Brigitte Lustenberger in diesem Bild aus der Serie «Caught» arrangiert hat, wirkt vertraut und irritierend zugleich. Sie erzählt davon, wie wir versuchen, uns im Menschengedränge der Städte durch Blicke zu orientieren und zu distanzieren, und von den untergründigen kleinen Verstörungen, die von fremden Blicken ausgehen können. Eine kahle Mauer im Hintergrund, graue Bodenplatten im Vordergrund, so schwebt die Szene in einem urbanen Überall und Nirgends, das sie für jeden wieder erkennbar macht. Sie wird zudem zu einer Art Metaszene, in der das für alle Kunst relevante Verhältnis von Bild und Betrachter, Blick und Anblick zum Thema wird.

Überdies fügt sich das Bild der Serie «Caught» perfekt in das erste Zwischengeschoss der Etagen-Galerie im Loeb mit der tief hängenden Betondecke. Bild und Raum ergeben den perfekten Unort mit viel Stein und Kälte. Ein guter Auftakt für eine sehenswerte Ausstellung. Die Bilder, die gezeigt werden, haben Fans von Brigitte Lustenberger sicher schon am einen oder anderen Ort gesehen. Doch gelingt es der in Bern und Brooklyn lebenden Fotokünstlerin, ihre Arbeiten in den ungewöhnlichen Rahmen eines Treppenhauses dramaturgisch geschickt einzupassen. Vom Parterre aus erklommen, ergibt sich ein sinnreicher Aufstieg in die Themenwelt der Künstlerin, der von Analysen des Blicks bis zu vom Barock inspirierten Blumenstillleben als Allegorien der Vergänglichkeit führt.

Fantasien und Erwartungen

Ein zentrales Thema der Schau ist, wie der Betrachter Bilder weiterdenkt und dabei dank Fantasien und Erwartungen aus einer visuellen Information ein narratives Geflecht werden kann. «Der gelenkte Blick» heisst die Schau nicht von ungefähr. Brigitte Lustenberger zeigt, wie geschickte Bildausschnitte und rätselhafte Bildtitel aus stillen Wiesen und Wäldern potenzielle Schicksalsorte machen können. «Aline Zellweger (1786–1825) und Mina Zellweger (1825–1825)» heisst der sehr eng gewählte Ausschnitt einer moosigen Alplandschaft. Was haben diese beiden Personen mit diesem Ort zu tun? Was miteinander? Waren sie Mutter und Tochter, die vielleicht hier an diesem Ort ums Leben kamen? Durch die Art, wie in den Medien Bilder und Texte verknüpft werden, sind wir es gewohnt, bestimmte Textinformationen auf das Bild zu übertragen oder darin zu suchen. So reflexartig, wie wir im Alltag unsere Umgebung mit Blicken abtasten, versuchen wir ein fotografisches Bild mit einer gebotenen Bildunterschrift sinnhaft zu verbinden und entdecken im Bedarfsfall Tote und Tatorte, wo nichts ist als schattiges Unterholz.

Mit ihren analogen Fotoarbeiten führt Brigitte Lustenberger den Betrachter nicht nur in eine Bildwelt von bestechender Brillanz und Klarheit, sie schärft zudem den Blick für den eigenen Umgang mit Bildern. Und für die Vorstellungen, die wir aus diesen Bildern ableiten mögen.

Die Ausstellung dauert bis 24. Dezember 2010.

Der Bund

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